Mit meinen heißen Tränen - Schuberts Winterreise D 911

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    • Mit meinen heißen Tränen - Schuberts Winterreise D 911

      Der auf der Dichtung von Wilhelm Müller basierende Zyklus von insgesamt 24 Liedern wurde im Jahr 1827 in zwei Teilen von je 12 Liedern veröffentlicht. Schubert selbst sprach von einem "Kreis schauerlicher Lieder" die ihm selbst mehr als alle anderen gefielen, seine damaligen Freunde und ersten Zuhörer aber eher befremdeten.




      In der Tat: Diese Lieder können einen das Schaudern auch heute noch lehren. In düsterer Zerrissenheit umkreisen sie den einsamen, an sich, der Liebe und der Welt verzweifelnden, heimatlosen Wanderer der Romantik. Moll-Tonarten prägen das Bild, die Stimmung schwankt zwischen trotzigem Übermut, Wut, Wehmut und Resignation. Selbst der später durch so manchen Kinderchor unsäglich verkitschte "Lindenbaum", eines der wenigen in Dur stehen Lieder der Winterreise, entpuppt sich trotz des heimeligen Volksliedtons zu Beginn letztlich doch als Lied der Todessehnsucht; die Zweige des Baumes rufen dorthin, wo der Wanderer Ruhe finden könnte, ewige Ruhe.

      Das könnte für heutige Ohren eigentlich unsagbar kitschig sein. Ist es aber nicht. Weil schon die Gedichte von Wilhelm Müller gut sind und die Musik von Schubert noch besser. Aber was genau macht diese Musik so gut, WIE macht Schubert das, mit welchen musikalischen Mitteln? Ich kann es zwar hören aber leider nicht beschreiben oder gar erklären.

      Für den Fall, dass jemand auf das ein oder andere Lied des Zyklus detaillierter eingehen möchte, hier als kleine Erinnerungshilfe die Titel der 24 Lieder:

      1. Gute Nacht
      2. Die Wetterfahne
      3. Gefrorne Tränen
      4. Erstarrung
      5. Der Lindenbaum
      6. Wasserflut
      7. Auf dem Flusse
      8. Rückblick
      9. Irrlicht
      10. Rast
      11. Frühlingstraum
      12. Einsamkeit

      Ende des ersten Teils

      13. Die Post
      14. Der greise Kopf
      15. Die Krähe
      16. Letzte Hoffnung
      17. Im Dorfe
      18. Der stürmische Morgen
      19. Täuschung
      20. Der Wegweiser
      21. Das Wirtshaus
      22. Mut!
      23. Die Nebensonnen
      24. Der Leiermann

      Und wie steht es mit der unüberschaubaren Menge von Aufnahmen, was habt Ihr, was kennt Ihr, was gefällt Euch und warum?

      Mit Gruß von Carola :)

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Carola ()

    • RE: Mit meinen heißen Tränen - Schuberts Winterreise D 911

      Hallo Carola,

      die Winterreise ist der ultimative Liederzyklus schlechthin.Ein Prüfstein für jeden Sänger und eine Adelung,wenn die Prüfung bestanden wurde.

      Mir gefällt er sehr gut und ich habe mehrere Aufnahmen,u.a.mit H.Prey,D.Fischer-Diekau und P.Anders.
      Derzeit ist die Quasthoff-Aufnahme heiß begehrt,ich werde sie demnächst kaufen,wenn ich sie nicht geschenkt kriege.

      Den Leiermann habe ich während früherer Gesangsstunden schon mal selber einstudiert und gesungen.Er ist der krönende Abschluß eines ergreifenden Gesamtkunstwerks.
      Mime mahnt:Nehmt euch in Acht! Alberich naht.
    • Hallo Mime,

      es war sicher sehr ergreifend für Dich, den "Leiermann" selber singen zu können. Kompliment, Du musst als Sängerin ziemlich gut gewesen sein. Bei mir hat´s leider nur bis zum Schulchor gereicht.

      Was die Quasthoff-Aufnahme angeht, so meinst Du vermutlich diese hier mit Charles Spencer als Pianist, 1998 erschienen.





      Ich besitze diese Aufnahme und kann sie wirklich empfehlen. Quasthoff singt das ungemein intensiv und glaubwürdig. Und dann noch das warme, dunkle Timbre seiner Stimme - das passt genau zur Winterreise für mein Gefühl. Ich glaube im Fono Forum las ich mal über die Klavierbegleitung von Spencer, sie sei hier und da ein wenig "verwaschen". Ich kann das nicht nachvollziehen, ich finde Spencer spielt das sehr gut.

      Falls Du die Aufnahme doch nicht geschenkt bekommst - bei Amazon gibt´s die im Moment für 8,97 €.

      Mit Gruß von Carola :)

      P.S. Spinne ich oder ist danach noch eine zweite Aufnahme der Winterreise mit Quasthoff herausgekommen? Mit einem anderen Pianisten? Leider habe ich keine Ahnung, wie ich darauf komme.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Carola ()

    • RE: Mit meinen heißen Tränen - Schuberts Winterreise D 911

      Liebe Carola ,
      sehr schön Dein Beitrag , weil Du einen einführenden Text geschrieben hast .
      Da ich das Werk in meine 100 bevorzugten Werke aufgenommen habe , kann ich dasErgebnis kurz schreiben : Hans Hotter ( EMI ) .
      Ich kenne keine ergreifendere Interpretation .
      Das Booklet ist hervorragend .
      Viele Grüsse , Ganong
    • Und dann habe ich noch eine Aufnahme mit Christoph Prégardien und Andreas Staier





      Schon deshalb völlig anders als meine Vergleichsaufnahme mit Quasthoff/Spencer weil Prégardien Tenor ist und Quasthoff Bariton. Außerdem spielt Staier auf einem Fortepiano von 1825, das sehr viel weicher und auch leiser klingt als ein moderner Flügel. Was man bevorzugt ist wohl letztlich Geschmacksache. Mir ist so ein Fortepiano aus dem 18. Jahrhundert oft zu leise und klanglich irgendwie zu dürftig. Dieses hier klingt aber sehr gut.

      Und auch Prégardiens Gesang ist großartig, an manchen Stellen aber vielleicht eine Spur zu schön für die Winterreise, Quasthoff wirkt urwüchsiger, intensiver, direkter auf mich.

      Mit Gruß von Carola :)
    • Hallo Carola,

      gefällt mir gut, Dein Einführungsthread; man merkt, dass Dir die Winterreise sehr liegt.

      Manchmal geht man mit sehr geringen Erwartungen an ein Werk und wird dann ganz überwältigt. So erging es mir mit der Winterreise. Ursprünglich wollte ich mir die Richter/Schreier-Aufnahme nur zulegen, um meine Sammlung zu erweitern. Die Aufnahme war schwer zu bekommen, also hörte ich seinerzeit im Geschäft in die Pears/Britten- und in die Quasthoff-Aufnahme rein. Quasthoffs Stimme lag mir überhaupt nicht, weshalb ich mich für Pears entschied.

      Beim ersten Anhören dann die große Überraschung: Pears und Britten sind m.E. ein fantastisches Team (die von manchen bemängelten kleinen Aussprachefehler stören mich nicht). Aber nicht nur das: Es ist sehr ergreifend, wie diese geschundene Seele durch die Winterlandschaft wandert; so voller Einsamkeit, Leid und Schmerzen. Sie nimmt zwar noch einige Hoffnungsschimmer wahr, am Ende fügt sie sich jedoch in die Vorstellung, dass nur der Tod Erlösung bedeuten kann. Ich denke aber nicht, dass es um Suizid geht. Dieser Reisende sehnt sich schon nach Ruhe und dem Ende seiner Qualen, aber das Symbol des Leiermanns am Ende und der Text…

      „Wunderlicher Alter,
      soll ich mit dir gehen?
      Willst zu meinen Liedern
      deine Leier drehn?“

      … bedeuten für mich, dass sich hier ein Mensch resignierend in sein trauriges Schicksal gefügt hat.

      Gruß, Cosima

      P.S.: Richter/Schreier kann ich natürlich auch sehr empfehlen! Beide Aufnahmen gefallen mir gleich gut.
    • Hallo Carola und Cosima und alle anderen,
      die Aufnahme mit Pears und Britten, welche Cosima empfahl, würde ich auch empfehlen. Sie hat eine zweite besondere Stärke, nämlich Brittens hervorragendes Klavierspiel. Er setzt die lyrische Qualität in Schuberts Klavierpart kongenial um.

      Zwei Bemerkungen noch. Pears und Britten harmonieren nicht zuletzt deshalb so gut, weil sie sich liebten.
      In einer Kritik las ich einmal, daß Pears Stimme genau der von Schuberts Lieblingsstimme entspräche. Es muß eine Quelle geben, in der die Stimme von Schuberts Lieblingssänger beschrieben wurde!

      Gruß
      Norbert

      p.s. Meine bevorzugte Aufnahme ist die oben erwähnte mit Prégardien/Staier

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von josquin ()

    • Tag zusammen.

      Eine Aufnahme die mir gefällt, ist die Einspielung mit einem der vielleicht kommenden Grossen des Liedgesangs.

      Es ist der promovierte Arzt Christian Gerhaher.
      Bis vor kurzem brachte ARTE NOVA seine Einspielungen heraus.
      Jetzt ist er im gleichen Haus aufgestiegen.
      Er ist ab sofort auf dem Label RCA Red Seal zu hören.
      Ein hochverdienter Karrieresprung meiner Meinung nach. Nicht mehr nur in wenigen Ländern , sondern weltweit ist er verteten.
      Ich sah ihn am vorletzten Sylvesterkonzert im TV.
      Carmina Burana. Leicht erkältet.

      Grundsätzlich ist mir die Tenorstimme in diesen Schubertzyklen lieber.

      Gruss.
      Rolf.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Rolf Scheiwiller ()

    • Schubert : Winterreise

      Lieber Norbert ,
      Und Britten ist einer der ganz wundervollen Schubert - Interpreten ! Die Arpeggionesonate ( mit Rostropowitsch ) ist in ihrer sehr romatischen Sicht fast noch intensiver , ja aufwühlenmder als die Aufnahme mit Syzmon Goldberg ( Violine ) und seinem Partner M. Francoi , einem französischen Pianisten und Komponisten .
      Peter Pears wird wegen seiner homosexuellen Beziehung zu Britten als Sänger leider in den meisten Rezensionen als "Aussenseiter" behandelt .
      Viele Grüsse , Ganong
    • Original von Rolf Scheiwiller

      Grundsätzlich ist mir die Tenorstimme in diesen Schubertzyklen lieber.

      Gruss.
      Rolf.



      Soweit ich weiß, war die Winterreise auch ursprünglich für eine Tenorstimme komponiert. Der Wiener Hofopernsänger Michael Vogl, mit dem Schubert gut bekannt war und eng zusammenarbeitete, war der Erste (von Schubert selbst abgesehen), der den Liederzyklus öffentlich vortrug - wenige Tage vor seinem eigenen Tod.

      Mit Gruß von Carola :)
    • Werkeinführung auf CD

      Inzwischen bin ich noch auf eine interessante Doppel-CD aus der Reihe "Wege zur Musik" des Bayrischen Rundfunks gestoßen.





      Unter Verwendung zahlreicher Hörbeispiele und biographischer Dokumente wird die Entstehungsgeschichte und Wirkung der Winterreise Schritt für Schritt und Stück für Stück entfaltet.

      Als musikalische Grundlage dient dabei die aktuelle Aufnahme von Andreas Staier, Hammerklavier und Christoph Prégardien, Tenor (siehe oben). Beide haben für diese CD´s sogar extra detaillierte Einzelaufnahmen gemacht, in denen bestimmte, von Schubert eingesetzte musikalischer Mittel beispielhaft demonstriert werden, um den Charakter und die Struktur der Musik besser hörbar zu machen. Das ist richtig spannend und sehr kenntnisreich gemacht; gut anzuhören auch die angenehmen Stimmen mehrerer Sprecher.

      Wer ein bisschen tiefer in Schuberts Winterreise "einwandern" will, ist mit diesen beiden CD´s also bestens bedient.

      Mit Gruß von Carola
    • RE: Mit meinen heißen Tränen - Schuberts Winterreise D 911

      @Carola, Schubertliedfreunde,

      Original von Carola
      In der Tat: Diese Lieder können einen das Schaudern auch heute noch lehren. In düsterer Zerrissenheit umkreisen sie den einsamen, an sich, der Liebe und der Welt verzweifelnden, heimatlosen Wanderer der Romantik. Moll-Tonarten prägen das Bild, die Stimmung schwankt zwischen trotzigem Übermut, Wut, Wehmut und Resignation.


      Bisher habe ich mich zunächst mit dem ersten Teil beschäftigt!

      Wie breits von Carola angedeutet sind die Lieder durchaus befremdlich und so geht es auch mir. Jedoch habe ich aus dem ersten Teil derzeit einige Lieder die mir durchaus zugänglich sind, wenn auch nicht gerade der große "Winterreisefreund" plötzlich in mir entstanden ist :wink

      Irrlicht gefällt mir aus dem ersten teil derzeit recht gut!


      Das könnte für heutige Ohren eigentlich unsagbar kitschig sein. Ist es aber nicht. Weil schon die Gedichte von Wilhelm Müller gut sind und die Musik von Schubert noch besser. Aber was genau macht diese Musik so gut, WIE macht Schubert das, mit welchen musikalischen Mitteln?


      Dies kann ich bestätigen. Schubert war ein großartiger Komponist und auch hier gelingt ihm wieder eine sehr eindrongliche gefühlsbetonte Darstellung der Themen.


      Und wie steht es mit der unüberschaubaren Menge von Aufnahmen, was habt Ihr, was kennt Ihr, was gefällt Euch und warum?


      Bisher kenne ich ja nur diese Aufnahme:



      Mir fällt hier auf wie klar und deutlich man Dieskau vertseht!

      Gruß
      R
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • Ja, man versteht Fischer-Dieskau immer sehr gut, darauf hat er selbst ja auch den allergrößten Wert gelegt.

      Ich kenne von ihm nur diese Aufnahme mit Barenboim von 1980.






      Vor allem im Vergleich zu Quasthoff finde ich Fischer-Dieskau in dieser Aufnahme aber in der Interpretation zu unterkühlt, zu analytisch präzise. Verzweiflung, Einsamkeit, Todessehnsucht - das höre ich in dieser Stimme nicht wirklich.

      Quasthoff klingt da viel dramatischer und vibrierender, auch wärmer und erdiger. Das entspricht jedenfalls meiner Auffassung von der Winterreise eher.

      Im ersten Teil schätze ich übrigens das Lied "Erstarrung" am meisten, im zweiten Teil neben den letzten drei Liedern vor allem "Die Krähe". Wie sich da die linke Hand im Klavier Ton für Ton und unbeirrbar an den Gesang und damit an die Krähe als Vorbotin des Todes heftet, das geht mir durch und durch.

      Soweit erst mal von Carola
    • Winterreise

      Hallo Carola,

      du sprichst mir wieder mal aus dem Herzen.Die heutigen "Winterreisen" haben allesamt die Quasthoff-Interpretation als Meßlatte.Und ich kenne keinen,der schon drübergesprungen wäre.
      Quasthoff ist der Maßstab für den Schubert-Zyklus. :down :down :down
      Mime mahnt:Nehmt euch in Acht! Alberich naht.
    • RE: Mit meinen heißen Tränen - Schuberts Winterreise D 911

      Bei der Winterreise liebe ich am Meisten und höre ich am Öftesten die Aufnahme mit dem Tenor Ernst Haefliger (Claves), die er in seinen späten Jahren mit Jörg Erwald Dähler am Hammerklavier bei Claves aufgenommen hat. Man mag seine Stimme mögen oder nicht, vom musikalischen Ausdruck finde ich nichts vergleichbares. Außerdem ist er der einzige Tenor gewesen, den ich kenne, der nicht diesesn seltsamen gepresst-gestützen Tenor-Schmelz hat.
      Gruß, ab

      Wissen ist Beschreiben können.
      (Rudolf Arnheim)
    • RE: Mit meinen heißen Tränen - Schuberts Winterreise D 911

      An ab:

      Hör dir mal die Winterreise von Peter Anders gesungen an.Von den Tenoraufnahmen mag ich diese am liebsten.
      Ich bin aber der Meinung,die Baritonstimme kann die Stimmungen in diesem Zyklus besser ausdrücken.
      Mime mahnt:Nehmt euch in Acht! Alberich naht.
    • RE: Mit meinen heißen Tränen - Schuberts Winterreise D 911

      Hallo Mime,

      Peter Anders steht schon lange auf meiner Anhörliste; nur hause ich in der Provinz, wo es schwer ist, derartiges in Hände zu bekommen und selbst in München war ich letztens nicht erfolgreich...
      Gruß, ab

      Wissen ist Beschreiben können.
      (Rudolf Arnheim)
    • RE: Mit meinen heißen Tränen - Schuberts Winterreise D 911

      Hallo Mime,

      Peter Anders steht schon lange auf meiner Anhörliste; nur hause ich in der Provinz, wo es schwer ist, derartiges in Hände zu bekommen und selbst in München war ich letztens nicht erfolgreich...
      Gruß, ab

      Wissen ist Beschreiben können.
      (Rudolf Arnheim)
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