Mit meinen heißen Tränen - Schuberts Winterreise D 911

    • Liebe Severina,

      interessant, was Du schreibst - kann mir gut vorstellen, dass es mir beim wiederholten Hören ähnlich geht, und mich der relativ "undramatische" Ton Daniel Behles stärker berührt. Und auch möglich, dass Du genau das ansprichst, was mir fehlt: das "Gegenhalten", das Aufbegehren, eine Spur der Hoffnung irgendwie. Eine Spur! Manchmal bricht so etwas durch, für mich, beim ersten Eindruck, zwar an merkwürdigen Stellen, aber egal, nur versackt es (relativ chancenlos) sofort, das beschreibst Du gut.

      Auf das Klaviertrio bin ich natürlich - und nun nach der zweiten begeisterten Reaktion hier im Forum erst recht - gespannt, werde es bei nächster Gelegenheit versuchen anzuhören.

      Restlos überzeugt bin ich von der Fassung für Klavier und Viola, seitdem ich sie vor Jahren in einem Konzert mal gehört hatte. War überrascht, wie perfekt die Singstimme der Winterreise von der Viola übernommen und getragen werden kann.

      Liebe Grüße
      Viola

      (Mit Jonas Kaufmanns Winterreise hab ich eigenartigerweise ein Problem - obwohl ich seine Stimme sonst ziemlich göttlich find' :wink)
      Wir alle suchen Menschen, die noch barfuß gehen im Herzen ...
    • Hallo ihr lieben Winterreisenden .....!

      Nach zigmaligem hören , bin ich der Meinung, man muss es zig mal hören und begreifen was Behle aussagen will, er weiß nämlich noch nicht wie es endet. Am Ende des Leiermanns steht ja 2x ein ? und es gibt keine Antwort, also w.o. erwähnt -Resignation-von Anfang an? Na ich weiß nicht ganz, ich finde er will uns sagen , hallo ich will Euch mal erzählen was geschehen kann ......und er singt die letzte Zeile des Leiermanns mit einem zarten ? nicht als Resignation wie ich meine , denn das Wirtshaus hat ihn auch nicht eingelassen und beim Lindenbaum bliesen ihn die Winde fort , ergo es gibt kein Ende , war alles nur eine Illusion !?
      Und dann denke ich imner an Schubert, was man erzählt hat bei seinem Vortrag der WR 1827 ich singe euch einen Zyklus schauerlicher Lieder vor . Und auf Schubert gemünzt, -willst zu meinen Liedern deine Leier drehn ? ....und Schubert hat ja noch einige Lieder komponiert !?
      Das habe ich noch gelesen : Nach dem ersten Lied , keine Schwärmerei hat das letzte Wort, sondern Wahrhaftigkeit. Und solche Illusionslosigkeit der weiteren düsteren Stationen sollte auch die Interpretation während des ganzen Zyklus vor der Larmoyanz bewahren, die manchmal zu hören ist.

      LG palestrina
      „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
      Oolong
    • Hallo zusammen !

      Ein Beitrag von Irwin Gage , Pianist , Liedbegleiter.

      Meine ursprünglicher Eindruck war der, dass die WRso eine Art Fortsetzung der SM darstellt.
      Der Müllerbursche springt nicht in den Bach ! Er verlässt den Ort seiner unglücklichen Erfahrung
      und zieht in eine Stadt, wo er das Leben eines Einsiedlers führt. Vielleicht zehn Jahre später begegnet er der Müllertochter dort wieder-und das ganze Unglück wird wieder aufgewühlt in ihm!
      Und dann muss er sich auf seine Winterreise begeben ...Ich weiß:Es ist absurd-aber diese Vorstellung drängte sich mir früher auf.
      Abgesehen von dieser assoziativen Verbindung haben die beiden Zyklen nichts gemein. Die "Müllerin"
      hat eine Handlung : MBurche im Dienst, verliebt in die Müllertochter wird nicht erwidert, Verzweiflung !
      Bei der WR handelt es sich um eine Sache der Stimmung: Diese bleibt bestehen; es giebt kaum Veränderungen. Die Stimmung die von Anfang bis Ende bestehen bleibt. Es gibt kein einziges fröhliches Lied in diesem Zyklus, nur dunkle Farben. Bei der Müllerin spürt man hingegen , dass es sich um eine jüngere , jedenfalls aber unerfahrene Person handelt: Da sind Hoffnung und freudige Momente.
      Wie sich oft im Leben die Hoffnungen nicht erfüllen und man seine Wunschträume nicht in die Realität umsetzten kann, so muss der Wanderer in der WR als der ältere Mann eben dies erkennen. Daher kommt seine Verbitterung.
      Obwohl ich weiß, das die Zyklen nicht als Einheit gedacht sind , sehe ich da die Verbindung: Zwei Lebensalter - derselben Person? - werden geschildert. (Irwin Gage)

      Ich finde eine Interessante These , was mein Ihr ?

      LG palestrina
      „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
      Oolong
    • Auf SWR 2 Treffpunkt Klassik wurden unlängst 7 neue Aufnahmen der Winterreise besprochen:
      • Daniel Behle (Tenor), Oliver Schnyder Trio
      • Jakob Högström (Bariton), Duo Dialog (Klarinette & Gitarre)
      • Alice Coote (Mezzosopran), Julius Drake (Klavier)
      • Zvil Emanuel-Marial (Altus), Philip Mayers (Klavier)
      • Jan van Elsacker (Tenor), Tom Beghin (Hammerklavier)
      • Jan Kobow (Tenor), Christoph Hammer (Hammerklavier)
      • Matthias Goerne (Bariton), Christoph Eschenbach (Klavier)
      Als Favoriten der Moderation stellen sich Behle (Farbenreich und psychologisch schlüssig erzählt er im Ich-Tonfall von dem heimatlosen Wanderer, macht seine Sorgen und Qualen erlebbar und bleibt dennoch distanziert. Stimmlich in jeder Hinsicht warm, natürlich und flexibel...) und Kobow (Auf dieser Aufnahme hört man keine psychologischen Deutungen eines Textes, hier exponiert auch kein Sänger seine echten oder gespielten Gefühle und kein Pianist seine brillante Technik, sondern man hört Franz Schuberts Musik. Und das ist berührend gut.) heraus,

      Das vollständige Manuskript (aus dem die kursiven Zitate stammen) zur Sendung kann --> hier heruntergeladen werden.
      SWR2 Treffpunkt Klassik - Neue CDs; Am Mikrofon: Dorothea Bossert; Vorgestellte Aufnahmen: Sieben Mal Franz Schuberts „Winterreise“ D 911
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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    • Kopiert aus "Eben gehört." Ich hoffe, liebe Cosima, das ist in Deinem Sinne.

      Cosima schrieb:

      ZuThomas E. Bauer: Unbedingt mal in die Winterreise mit Immerseel reinhören.

      Das ist eine großartige Aufnahme! In jeder Hinsicht. Ich gebe gerne zu, dass ich sehr durch die diversen FiDi-Winterreisen geprägt bin. Andere Aufnahmen – z. B. von Pregardien oder Güra – fand ich ganz gut, aber nicht annähernd so überwältigend. Die Aufnahme von Thomas E. Bauer und Jos van Immerseel (am Hammerflügel Christopher Clarke, 1988) ist einfach nur begeisternd, ich würde sie ohne Zögern den FiDi-Interpretationen zur Seite stellen. Gerade der wunderbare Klang das verwendeten Instruments trägt zur Stimmung bei.


      Ein Rezensent auf der NDR-Kultur-Seite schrieb seinerzeit sehr richtig:


      Der Ton tiefer Traurigkeit


      Eine ungewohnte Farbe: Nicht so brillant und klar wie der moderne Steinway, sondern beinahe milchig verschwommen und ein bisschen heiser - dieser Hammerflügel lässt uns aufhorchen. Er sorgt für eine zerbrechliche, dunkle Stimmung.
      Diese fragile Grundierung durch das Instrument gibt dem Sänger alle Freiheiten. Und die nutzt Bauer für eine eindringliche Interpretation. Mit seinem edlen Baritontimbre erzählt Bauer die Geschichte des einsamen, enttäuschten und lebensmüden Winterreisenden. Dabei trifft er den typisch Schubertschen Ton tiefer Traurigkeit geradezu erschütternd genau: Es ist kein schreiender Schmerz, der den Hörer anspringt, sondern meist eine leise, nach innen gekehrte Wehmut.


      Bauer hat ein betörendes Timbre, er singt in der Tat sehr eindringlich und ausdrucksstark, alles fließt dabei ganz natürlich. Die Stimmfärbung und der Klang des Instrumentes harmonieren perfekt miteinander.

      Meine Lieblingsaufnahme der Winterreise.


      [...].

      :hello
    • In diese Winterreise habe ich auch hineingehört, aber sie hat mir nicht so gut gefallen wie der Schwanengesang des Duos. Mir ist da noch ein minimaler Ticken zu viel künstlicher Theatralik drin. Bei Bauers älterer Aufnahme der Winterreise (mit Siegfried Mauser) ist das noch mehr, während beim späteren Schwanengesang praktisch nichts mehr davon da ist. Daraus schließe ich, dass Bauer mit zunehmenden Alter, pardon: zunehmender Reife, nein: zunehmender Erfahrung keine Äußerlichkeiten mehr nötig hat. Beim Timbre stimme ich zu: das ist einfach betörend - und diese Aussage kommt von jemanden, der 95% aller Sänger genau deswegen aussortiert. :ignore Dass erst durch den Hammerflügel die dem Sujet angemessene dunkle Stimmung "richtig" getroffen wird, bestätigt sich hier aufs Neue.


      Thomas E. Bauer, Jos van Immerseel
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Dann sollte man aber unbedingt diese dazufügen die im Reigen der Aufnahmen mit Fortepiano eine ganz hervorragende Rolle spielt ...

      AD 2005
      Hans-Jörg Mammel /Tenor Arthur Schoonderwoerd /Fortepiano (Johann Fritz ca1810)
      Hier finden ich das Instrument interessanter und wohlklingender als auf der Bauer/Immerseel CD.
      Auch hier bildet die Zusammenarbeit Mammel /Schoonderwoerd eine ganz wunderbare Einheit!
      Und hervorheben sollte man unbedingt H.-J.Mammels wunderbaren Stimme mit der er auch viel zu interpretieren weiß.
      Das wäre meine Empfehlung, aber ich habe es schon so oft gesagt „ alles ist eine reine Geschmacksfrage " besonders bei Gesangsstimmen, was jetzt allerdings nicht heißen soll T.E.Bauers Stimme gefiele mir nicht, jedoch ziehe ich Mammels Stimme vor, auch wegen seiner Interpretation die mir mehr zusagt.

      LG palestrina
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      Oolong
    • ich habe jetzt mal die hier empfohlenen Aufnahmen quergehört, konnte mich aber für keine so richtig begeistern, mit Ausnahme der von Gerhard Hüsch / Hans-Udo Müller. Das hat mir recht gut gefallen, recht schnörkellos, und vor allem endlich mal einer in Originaltonart! Das ist nämlich der Hauptgrund dafür, dass mir die anderen nicht gefallen, das geht mir auf den Keks. Kennt ihr vielleicht noch andere Aufnahme in Originaltonarten, die ähnlich schlicht gesungen sind? Die Hüsch / Müller Aufnahme kann ich leider nämlich nirgends zu kaufen finden bzw. nur völlig überteuert :(
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)
    • Hi Nicolas,

      meinst Du die Aufnahme von 1936?



      Die gefällt Dir wirklich?

      Ich kann diese damals anscheinend übliche abgedunkelte Singweise nicht recht leiden. Auch das übertrieben gerollte "R" hört sich heute eher seltsam an. Dafür sind die Zischlaute unterdrückt, was heute auch kaum jemand noch macht.
      Außerdem finde ich "Gute Nacht" als zu schnell. Es sollen dort doch eigentlich die Schritte des ausziehenden Verschmähten nachempfunden werden, und so schnell wird der schon nicht an der Tür der Geliebten vorbeigehuscht sein...

      M.E. kaum übertroffen:



      Sehr gut gefallen hat mir auch eine Aufnahme mit Siegfreid Vogel (Baß/Bariton). An diese Aufnahme hatte ich mich selbst gehalten, als ich die Winterreise einstudierte. Schöner klarer Baß mit guter Akzentuierung und viel Höhe.
      --
      "Die grösseste Schwierigkeit eines andern Arbeit auszuführen, bestehet wohl darin, daß eine scharffe Urtheils-Krafft dazu erfordert werde, fremder Gedancken Sinn und Meinung recht zu treffen. Denn, wer nie erfahren hat, wie es der Verfasser selber gerne haben mögte, wird es schwerlich gut heräus bringen, sondern dem Dinge die wahre Krafft und Anmuth offt dergestalt benehmen, daß der Autor, wenn ers selber mit anhören sollte, sein eigenes Werck kaum kennen dürffte."
      (Mattheson)

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    • ja, die meine ich. Das gefällt mir tatsächlich, weil ich das Gefühl habe, dass er einfach singt. Ich mag Sologesang i. d. R. überhaupt nicht, weil mir das viel zu gekünstelt ist, das empfinde ich hier nicht. Das Tempo hat mich bisher nicht gestört, auch wenn ich Dein Argument gut nachvollziehen kann.
      Die Fischer-Dieskau Version gefällt mir auch recht gut soweit, von Brendel bzw. ich glaube eher dem Flügel bin ich nicht so begeistert, das scheint mir etwas zu hell. Aber ich denke, ich bestell mir die einfach mal, mal schauen, kostet ja nicht viel :)
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)
    • Hinsichtlich der Forderung, dass einfach nur ohne große Künstelei gesungen wird, will ich hier Josef Greindl, kongenial begleitet von Hertha Klust, in den Ring werfen. Von einem mit Wagner berühmt gewordenen Bass erwartet man das am wenigsten, aber er versteht es, sich zurück zu nehmen, ohne dass Aussage und Intensität darunter leiden. Meine bisherigen Empfehlungen nehme ich hiermit zurück, weil ich trotz der ursprünglichen Begeisterung nie mehr das Bedürfnis hatte, sie nochmals zu hören. Anders hier: Greindl/Klust laufen - falsches Klavier und falsche Tonart zum Trotz- bei jeder Gelegenheit und ich habe das Gefühl endlich Die Winterreise ohne interpretatiorische Eitelkeiten präsentiert zu bekommen. Für Liedgesangs-Phobiker könnte das ein Heilmittel sein.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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    • Beim Liedgesang schätze ich die Sänger, die etwas weniger "Operndramatik" hineinbringen, mit mehr Mittelregister singen.
      Hier wäre u.a. auch Dobmeier zu nennen:




      Wen es interessiert, hier die (auch) von ihm genutzte "inhalare la voce"-Technik kurz beschrieben:

      --
      "Die grösseste Schwierigkeit eines andern Arbeit auszuführen, bestehet wohl darin, daß eine scharffe Urtheils-Krafft dazu erfordert werde, fremder Gedancken Sinn und Meinung recht zu treffen. Denn, wer nie erfahren hat, wie es der Verfasser selber gerne haben mögte, wird es schwerlich gut heräus bringen, sondern dem Dinge die wahre Krafft und Anmuth offt dergestalt benehmen, daß der Autor, wenn ers selber mit anhören sollte, sein eigenes Werck kaum kennen dürffte."
      (Mattheson)
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