Bruckner: Symphonie #9 d-Moll

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    • Bruckner: Symphonie #9 d-Moll

      vorerst einige eckdaten:

      IX. symphonie in d-moll

      entstehungszeit:
      erste skizzen 1887, direkt nach vollendung der achten; 1889 erste skzzien des scherzos; 1891-1894 ausarbeitung der ersten drei sätze; bis kurz vor seinem tod 1896 arbeit am finale.

      widmung: "dem lieben gott" (laut mündlicher überlieferung)

      uraufführungen:
      11.02.1903: fassung mit instrumentalen änderungen (sog. "loewe-fassung"); wiener konzertvereinsorchester unter ferdinand loewe
      02.04.1932: originalfassung; münchner philharmoniker unter siegmund von hausegger (hausegger spielte beide fassungen hintereinander, um den unterschied zu verdeutlichen. seither hat sich die originalfassung durchgesetzt, obwohl manche dirigenten, knappertsbusch etwa, noch in den fünfzigern die loewe-fassung spielten.)

      satzbezeichnungen:
      1. feierlich, misterioso
      2. scherzo. bewegt, lebhaft
      3. adagio. langsam, feierlich
      (4. finale)


      von den ersten 3 sätzen möchte ich nur kurz auf den beginn der symphonie eingehen. eine nett formulierte kurzbeschreibung findet sich ohnedies in jedem cd-beiheft.
      der erste satz – feierlich, misterioso überschrieben – ist imo der großartigste, den bruckner je komponiert hat. niemals zuvor hat ein komponist das universum so zum klingen gebracht, wie bruckner am beginn seiner neunten.
      aus einem streichertremolo (quasi der urzustand) schälen sich erste hornmotive, anfangs noch ganz leise. erste keimzellen, die nach und nach mehr und lauter werden, sich in bisher ungeahnte höhen schrauben. man meint schon den durchbruch zu erahnen, doch es alles fällt nochmals zusammen. eine neue zelle entsteht, diesmal in den geigen, beantwortet von den holzbläsern, die im wechselspiel sich langsam nach oben ziehen. doch auch jetzt kehrt noch einmal kurz ruhe ein, bevor in wellen der endgültige durchbruch mit dem phantastischen hauptthema gelingt. das pizzicato der streicher führt uns schließlich wieder zurück zum ursprung, dem orgelpunkt in den tiefen streichern. jedoch ist jetzt leben, wo vorher nur öde war.
      wann immer ich diese musik höre, bin ich mir sicher, das großartigste zu hören, das ein mensch sich vorstellen kann. in solchen momenten gehört die musik nur mir, der tonerl hat das nur für mich allein gemacht. aber quatsch – zurück in die profane welt!

      ------------

      bruckners letzte symphonie ist seit einiger zeit gegenstand heftiger diskussionen und auseinandersetzungen, die sich vor allem an der rekonstruktion bzw. neukomposition des unvollendeten finalsatzes entzünden.

      eine kurze chronik:

      allgemein bekannt ist, dass bruckner das finale nicht mehr vollenden konnte, die symphonie jedoch von anfang an mit finale geplant hat. als er merkte, dass er das finale wohl nicht mehr beenden würde, legitimierte er de facto sein te deum als finalsatz (zumindest meinte er, dieses könne statt dem finale gespielt werden).
      vom finale erhalten blieben eine reihe von skizzen und ausgeschiedene partiturbögen sowie reste der im entstehen begriffenen autographpartitur. innerhalb der letzten jahrzehnte gab es mehrere versuche, den satz zu rekonstruieren, von william carragan (1981-83) und von nicola samale und giuseppe mazucca (1982-86). deren arbeit wurde später unter mitwirkung von john philips und ben gunnar cohrs weiter verbessert (genannt version SMPC). vor allem cohrs hat sich in letzter zeit als sprecher der gruppe hervorgetan und 2006 wurde eine weiter überarbeitete version (angeblich jetzt die endgültige) vorgelegt, die daniel harding im herbst 2007 in stockholm aus der taufe hob.
      einen anderen ansatz verfolg(t)en nikolaus harnoncourt und peter hirsch: sie spielten bei ihren aufnahmen alle fragmente ein, die zweifelsfrei von bruckner selbst stammten. das ergebnis ist auf cd zu hören (harnoncourt zumindest).
      am drastischsten war der weg, den der dirigent und komponist peter jan marthé ging: er komponierte unter verwendung von bruckners themen gleich ein völlig neues finale. hörbar auf der cd "bruckner 9 reloaded". besonders amüsant (und anlass heftigster kritik), dass marthé meinte, quasi vom tonerl selber den auftrag dazu bekommen zu haben.

      es gibt heute also mehrere möglichkeiten, die neunte zu spielen:
      1. die vollendeten ersten drei sätze als torso (wie bisher meist üblich)
      2. die vollendeten ersten drei sätze mit dem te deum als finale
      3. die vollendeten ersten drei sätze mit dem rekonstruierten finale (welches es in verschiedenen versionen gibt)
      4. die vollendeten ersten drei sätze mit den zweifelsfrei bruckner zugeordneten teilen des finales
      5. die vollendeten ersten drei sätze mit marthés neu komponiertem finale

      mittlerweile gibt es tondokumente für alle 5 varianten, sodass sich jeder selber ein urteil bilden kann, wie er/sie die neunte gerne hören möchte.

      ich persönlich favorisiere wohl nach wie vor die erste variante.
      die te deum-lösung, obwohl von bruckner ausdrücklich genehmigt, erscheint mir als zu großer schnitt. da höre ich lieber beide werke für sich, aber nicht unmittelbar hintereinander.
      ganz interessant ist marthés finale, das jedoch eher als eigenes stück denn als finale der neunten taugt. interessant ist seine reloaded-cd auch wegen der sehr langsamen lesart der ersten sätze, v.a. des scherzos.
      die rekonstruktion von SMPC ist zwar nicht schlecht gemacht, jedoch fällt die qualität der musik zu den vorangegangenen sätzen, die ich für das beste halte, das bruckner geschrieben hat, zu sehr ab. meine hochachtung trotzdem für die arbeit! wenn eine finalversion sich auf dauer durchsetzen kann, dann diese.
      ich glaube, dass dirigenten sich vermehrt der version mit finale zuwenden werden. noch harren wir einer aufnahme eines weltkasse-orchesters mit einem spitzendirigenten (harding soll aber angeblich erscheinen).

      die neunte auf cd:

      neunte gibt es zuhauf, kaum ein namhafter dirigent, der sie nicht eingespielt hat. ich besitze etwa 20 aufnahmen, alle haben ihre meritien, und einige davon auch so manche schwäche.
      im gesamten am besten gefallen mir tintner, jochum und wand, die durch eine perfekte struktur und ausgwogenheit überzeugen, sowie rögner, dessen zupackenden ansatz ich immer wieder gut finde. je nach stimmung greife ich (neben anderen) auch gerne zu giulini, celibidache, asahina oder haitink.

      discographie neunte | discographie neunte mit finale


      wie findet ihr die neunte?
      wie steht ihr zum finale?
      welche aufnahmen gefallen euch?
      ich hoffe auf spannende diskussionen...
    • Hallo Uhlmann,

      auch wenn ich eher nicht soviel zum Thema beitragen kann, schonmal vielen Dank für den übersichtlichen Einstieg.

      Höre jetzt endlich mal in eine meiner Weihnachts-CDs, nämlich diese Box:



      Nun ist Bruckners 9te sicher kein Leichtgewicht, ich finde, in dieser Aufnahme kommt sie sehr wuchtig daher, mir fast schon etwas sehr baßbetont (kann ich nicht wegregeln). Allerdings gebe ich zu, ich höre die 9te eher selten und da müßte ich noch mal meine anderen Aufnahmen hervorholen und reinhören - wenigstens quer - , als da wären:

      Concertgebouw Orchestra / Haitink (LP)
      Concertgebouw Orchestra / Chailly (CD)
      Berliner Philharmoniker / Wand (CD)

      Keine dieser Aufnahmen enthält mehr als die drei vollendeten Sätze. Und ich gebe zu, bisher hatte ich ganicht das Bedürfnis, mir die Fragmente des vierten anzuhören oder gar eine der von Dir aufgeführten Neu-Versionen /Vervollständigungen. Die "Reloaded"-CD kam mir - zumindest äußerlich - doch etwas reißerisch/Hollywood-Film-artig vor. Aber vielleicht ergibt sich ja mal die Gelegenheit, reinzuhören. Die einschlägigen Diskussionen zu dieser Fassung in dem einen oder die um die SMPC-Version in dem anderen Forum habe ich nur sehr oberflächlich überflogen, kann also auch von daher natürlich überhaupt nicht mitreden. Außer vielleicht indem ich feststelle, daß ich nicht auf dem Standpunkt stehe, man solle ein unvollendetes Werk entweder vervollständigen oder garnicht aufführen (diese Ansicht gibt es ja wohl durchaus).

      So, jetzt höre ich aber mal etwas genauer der Staatskapelle zu.

      Grüße,
      Wolfgang
      Wir sollten uns nicht brüsten, der Gipfel der Evolution zu sein, sondern uns daran freuen, eine Art Freak der Natur zu sein.
      So etwas wie uns wird die Evolution nie wieder hervorbringen. (Paul Sereno, Paläontologe)
    • Guten Abend Uhlmann,

      Eine sehr schöne Eröffnung! Leider hab ich von Bruckner kaum Ahnung.
      Und da bei mir ein Haufen anderer Komponisten der KLassik und Romantik nach Aufmerksamkeit schreien, denk ich, dass Bruckners Musik nicht allzu schnell in meine Ohren gelangt.

      Sätze wie
      wann immer ich diese musik höre, bin ich mir sicher, das großartigste zu hören, das ein mensch sich vorstellen kann

      machen mich aber andererseits schon wieder sehr Neugierig.

      Was also tun?
      Ein Stück Bruckner zwischen Beethoven und Mozart schieben?
      Gleich bei der Neunten Anfangen, Bruckner kennenzulernen?
      Schwer vorstellbar!
      Bei Beethoven sollte man meiner Meinung nach auch nicht mit der Neunten anfangen, wenn man sich dem Komponisten nähern will.
      Oder brauch ich da keine Bedenken haben, kann ich mich ohne "Vorkenntnisse" in Sachen Bruckner auf seine 9 stürzen?

      Sonst denk ich, dass die Zeit aber auch kommen wird. Wenn dieser Thread bereits längst verstaubt ist, werd ich Ihn vielleicht wieder auferstehen lassen.

      Gruß
      Daniel
      Jesus spricht: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich." (Johannes 14, Vers 6)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von daniel5993 ()

    • RE: Bruckner: Symphonie #9 d-Moll

      Original von uhlmann
      [...]
      eine kurze chronik:

      allgemein bekannt ist, dass bruckner das finale nicht mehr vollenden konnte, die symphonie jedoch von anfang an mit finale geplant hat.
      [...]



      Vielleicht noch eine kleine Ergänzug, ich erlaube mir mal zu zitieren:


      ... Ähnlich wie bei der Achten hinterließ Bruckner zur 9. Symphonie, insb. zum Finale, ein umfangreiches Konvolut von Skizzen, Entwürfen, Particellen und ausgeführten Partiturseiten. Mehr als 500 Takte können aus dem Material zusammengefügt werden, von denen 172 Takte vollständig, über 200 Takte zum Teil orchestriert sind. Die Exposition des Satzes hat Bruckner noch überwiegend fertigstellen können, die Entwürfe zum weiteren Verlauf werden dagegen zunehmend fragmentarischer, bis die Aufzeichnungen mitten in der Reprise des dritten Themas abrupt abbrechen. Der Schluß des Finale, bei Bruckner Ziel und Höhepunkt des Gesamtwerkes, fehlt vollständig."

      [aus: Christian Martin Schmidt & Wolfram Steinbeck (2002): Brahms/Bruckner.- MGG Prisma, 207 S., 10 Abb.; Kassel/Stuttgart (Bärenreiter/Metzler)]

      In meiner Eulenberg-Partitur der Achten (Fassung von 1890, Edition Nowak) umfaßt der vierte Satz 709 Takte! Wer weiß, wie lang der vierte der Neunten geworden wäre!

      Viele Grüße,
      Wolfgang
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    • Original von Poztupimi
      auch wenn ich eher nicht soviel zum Thema beitragen kann,


      das ist doch schon mal ganz falsch, denn du hast bereits eine menge beigetragen.


      das zitat aus dem buch faßt schön zusammen, was bruckner vom finale genau hinterlassen hat. kann sein, dass da noch was dazu gekommen ist, denn anscheinend sind in letzter zeit einige neue seiten und teile aufgetaucht. die coda fehlt aber sicher komplett.

      die diskussion dreht sich auch weniger um die tatsache, dass bruckner das grundgerüst das satzes entworfen hat - das ist unbestritten. streitpunkt ist schlicht und einfach die qualität dieser entwürfe.

      dazu muss man wissen, dass es offensichtlich schwere persönliche differenzen zwischen den einzelnen protagonisten der auseinandersetzung gibt - ben cohrs auf der einen seite, marthé auf der anderen. das ganze erinnert teilweise an die politik: wenn der eine a sagt, muss der andere fast zwangsläufig b sagen.

      in frage gestellt wird immer wieder der geisteszustand des greisen bruckner. während die fraktion um cohrs die qualität des hinterlassenen materials als angemessen und hochwertig ansieht, meint marthé, dass bruckners verwirrung schon so weit fortgeschritten war, dass er nicht mehr in der lage war, vernünftige musik zustande zu bringen.

      als "beweise" werden von beiden seiten die handschriftlichen aufzeichnungen angeführt. marthé sieht darin die aufzeichnungen eines geistig verwirrten. cohrs meint, bruckner habe in späten jahren, auch schon bei der achten, immer so unübersichtlich notiert und die musik sei typisch bruckner.

      klären wird sich diese frage wohl nie lassen - der tonerl kanns uns nicht mehr sagen, und alles andere sind immer spekulationen.

      zweifelsfrei steht für mich fest, dass bruckner das finale nicht so gemacht hätte, wie die SMPC-version heute vorliegt (und schon gar nicht so, wie marthé sein finale komponiert hat). von beiden varianten halte ich SMPC für die deutlich bessere.
      je öfter ich die symphonie im ganzen höre, desto mehr behagt mir das konzept mit finale. es ist ja auch absolut undenkbar, dass der so auf form pochende bruckner eine symphonie mit dem adagio schließen lassen wollte. seine sorge zeigt die de facto legitimation des te deums als ersatzfinale. eine symphonie mit nur 3 sätzen war für ihn einfach unmöglich.
    • Bruckner 9 mit Solti, Karajan, Wildner und Marthe

      Hallo Uhlmann,

      Danke für Deinen höchstinteressanten Thread. Wieder ein Thema, bei dem ellenlange Antworten fällig wären.
      Ich möchte mich aber aus Zeitgründen kurz fassen.

      Ich befasse mich seit meiner Jugend mit Bruckner und habe ihn durch die Jochum-GA (DG) auf LP schätzen und lieben gelernt.
      Als ich später auf CD Karajan (alle Sinfonien so nach und nach auf Einzel-CD) war ich bei jeder DG-CD total hingerissen, was man noch aus Bruckner rausholen kann.
      Später kam dann noch die Solti-GA (Decca) dazu, auf die ich zuerst durch seine fantastische Aufnahme der Sinfonie Nr.6 aufmerksam wurde. Auch seine Nr.9 ist für meinen Geschmack erste Sahne.
      Solti schätze ich insgesamt (nur bei Nr.4 weniger) genau wie Karajan.

      Bei der Sinfonie Nr.9 ist es die Karajan-Aufnahme von DG1976 und nicht die mit weniger Energie ausgestatete von DG1966, die mich begeistert.


      Zu Bruckner-Sinfonie Nr.9 :
      Somit bin ich zunächst mal mit Bruckners Sinfonie Nr.9 in 3Sätzen groß geworden und finde die Sinfonie in dieser Form voll abgeschlossen und aufs höchste vollendet :down.

      Erst durch die umfangreichen Diskussionen im T-Forum mit BenChors wurde ich auf die Fassungen der 4.Satze mit SMPC und Marthe aufgmerksam, die ich beide habe.

      SMPC:
      Dies ist eine auf wissenschaftlichen Grundlagen mit allen verfügbaren von Bruckner geschriebenen Vorlagen rekjonstruierte Fassung, die sehr nah an dem liegen wird, was Bruckner auch verfasst hätte, wenn er noch die Möglichkeit gehabt hätte. Damit volle Zustimmung zu Uhlmann.

      Von der kompletten Bruckner Sinfonie Nr.9 habe ich die Aufnahme mit Wildner (NAXOS). Diese finde ich was die ersten 3Sätze angeht ziemlich langweilig und abgeschwächt gegenüber Solti (Decca) und Karajan (DG1976). Es mag am Orchester liegen, das nicht die Qualitäten des Chicago SO und der Berliner PH hat.

      Marthe:
      Was Marthe als 4.Satz geschrieben hat ist eine höchstinteressante Bruckner-Fantasie, die er auf geistiger Grundlage erschaffen haben will (Ist er Uri Geller ?).
      Die Gesamtinterpretation der Sinfonie Nr.9 unter Marthe ist für meine Ohren mehrt als grausam, da Marthe alles unheimnlich lange auswalzt in laaaaangen Tempi.
      :cool Ich bin die straffe Leseart eines Solti und Karajan gewohnt ! So will ich Bruckner hören.
      Dennoch - Marthes Bruckner-Fantasie , die nur er 4.Satz nennt, sehe ich vollig losgelöst von der Sinfonie Nr.9 und höre dieses effektvolle Stück sehr gerne separat alleine - eben als bombastisch effektvolle Bruckner-Fantasie.
      Vergleiche ich nun rein klanglich und vom Gänsehautfaktor nun beide Fassungen von Marthe und SMPC, gefällt mir wegen der Kurzweiligkeit sogar Marthe Komposition noch besser - aber es ist eben nicht der 4.Satz von Bruckners 9ter - nur das verwendete Themen-Material.


      Mrawinsky:
      Von Bruckners Sinfonie Nr.9 haqbe ich in meiner Mrawinsky-Box noch eine starke Aufnahme.
      Mrawinsky unerbittlich, aber scheinbar zunächst ohne Orchesterkultur - beim Hören gewöhnt man sich daran und stellt fest, dass Mrawinsky wiedermal packend interpretiert ------ Vielen wird diese Aufnahme nicht gefallen, da dies nicht der Bruckner ist, den man "aus dem heimischen Österreich" her kennt -
      das ist [rohe Gewalt = Roshdestwensky hoch 3].
      Die Stereoaufnahme hat kaum Rauschpegel, klingt aber nicht profimäßig aufgenommen.
      Eine Wahnsinnsinterpretation --- welch eine laue Brise da im Vergleich Wildner bietet.
      Ich fands gut.
      Gruß aus Bonn

      Wolfgang

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von teleton ()

    • Eine absolut großartige Sinfonie!

      Ich kenne weder Marthe noch SMPC und habe - ehrlich gesagt - auch wenig Bedürfnis, mich mit Finalergänzungen zu beschäftigen. Bruckner hat die Sinfonie halt nicht zu Ende führen können und irgendwelche Fortschreibungen auf welcher Basis auch immer sind mir suspekt.


      Ich beschäftige mich mit Bruckner noch nicht allzu lange, aber gerade bei Bruckner habe ich das Gefühl, dass viele Wege zum Ziel führen, sprich, es die allein seligmachende Interpretation nicht gibt. Gleichwohl habe ich natürlich besonders bevorzugte Aufnahmen:


      Absolut zum Niederknien finde ich die auf dieser CD-Box befindliche Einspielung:




      filigran, transparent, bis ins letzte Detail durchhörbar, weite Spannungsbögen schaffend....genial

      :down :down :down :down


      Einen ganz anderen, kraftbetonten Ansatz zeigt Mrawinski:



      erst mochte ich Mrawinskis Bruckner-Einspielungen, auch diese hier, überhaupt nicht. Russischer Bläserklang, oder besser sowjetischer Bläserklang, ist bei Bruckner reichlich ungewohnt. Hat man sich daran - und an die noch tolerierbaren aufnahmetechnischen Mängel - gewöhnt, lernt man diese Aufnahme aus dem Jahre 1980 schätzen.


      Ganz neu - nur mal kurz hineingehört - habe ich diese Aufnahme mit Walter
      Glaube, auch diese könnte eine meiner Favoriteneinspielungen werden:



      auch sehr überzeugend, mit Leidenschaft gespielt:







      Gut gefallen mir auch:





      1966





      Karajan 1975, kein verlinkbares Cover gefunden






      stelle gerade fest, dass die Aufnahme von 1951 stammt! und ich habe die tatsächlich schon mehrmals gehört ohne dies klanglich unerträglich, sondern nur "grenzwertig" zu finden ?(








      nicht so recht überspringen will der Funke von:


      Jochum, Staatskapelle Dresden, 1978
      das zu meiner CD (EMI Encore) passende Cover hab ich nicht gefunden


      auch wenn ich geschrieben habe, es führten viele Wege zu Bruckner, so gibt es auch Sackgassen. Völlig auf der falschen Fährte:




      zerfahren, spannungsarm, so als wenn Bruckner 8 oder 10 Einzelteile komponiert hätte. Ne eigentlich auch nicht, auch die Bestandteile dieser grausamen Aufnahmen hören sich nicht nach Bruckner an.


      Gruß
      Henning


      PS: @ Daniel

      Dir entgeht was! Ob man mit der Neunten anfangen sollte? Schwer zu sagen, aber jedenfalls kann ich nichts Sperriges oder schwer Zugängliches entdecken.
      Anstatt die besten Wissenschaftler in die Rüstungsindustrie und Raumfahrt zu schicken, hätte die SU sie ins Melodya-Tonstudio schicken sollen - was für eine vertane Chance...............
    • @Bruckner-Freunde,

      mit Bruckner habe ich mich bis heute eigentlich fast gar nicht beschäftigt. Die 4. Sinfonie, zu der es ja hier einen Thread gibt, konnte mich nicht wirklich in den bann ziehen.

      Was mich wirklich von der Auseinandersetzung mit Bruckner oft fern gehalten hat ist diese immer und überall diskutierten Fassungen der 9. Sinfonie, die Uhlmann ja auch hier angesprochen hat. Mir ist es unergründlich wieso Menschen immer dieses Verlangen haben Werke verstorbener Komponisten "zu Ende" zu komponieren. Man muss Dinge auch einmal hinnehmen und es dabei belassen. Egal welche Quellen man nimmt, wer weiß ob z.B. Bruckner diese nicht gänzlich verworfen hätte. Gerade bei Bruckner durchaus denkbar.

      Wie auch immer. Danke diesem Thread hörte ich eben meine vorliegende Haitik Aufnahme der 9. Sinfonie und muß feststellen, daß dieser (drei Sätzige) Fassung mir durchaus gefallen hat. Vor allem der 2. Satz war mir aufgefallen!
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • Original von Amadé
      Liebe Bruckner-Freunde,

      wenn man die besten Interpretationenen der 9. kennenlernen möchte, kommt man an diesen beiden nicht vorbei:
      Otto KLemperer und dem Philharmonia Orchestra, EMI (im Augenblick leider nicht im Katalog)
      und Bruno Walter und dem Columbia Sinfonie-Orchester


      Grüße Amadé


      @Amade,

      und warum kommt man an diesen Aufnahmen nicht vorbei?
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • Original von HenningKolf
      Ich beschäftige mich mit Bruckner noch nicht allzu lange ...


      :J aber 13 Aufnahmen einer Sinfonie vorstellen :J

      Ich habe lange überlegt, ob ich zur 9. überhaupt was schreiben soll. Sie gehört zu den Schätzen, die sehr selten höre, weil ich sie zu gut finde. Dieses Werk aufzulegen, ist ein echtes Ritual und ich stelle vorher sicher, dass ich nicht gestört werde.
      Um es mal ganz esoterisch zu formulieren (Anhänger des rational-analytischen, materialistischen Weltbildes oder Schriftgläubige springen bitte direkt zu den Einspielungen): Ich glaube, dass große Künstler ihre Inspiration aus einem All-Bewußtsein schöpfen und manchmal kommen sie dessen Quelle sehr nahe - wie Bruckner bei seiner Neunten. In diesem Sinne ist die 9. etwas wahrhaft "Göttliches".

      Einspielungen:



      Ich denke mit Wand kann man bei Bruckner nichts falsch machen. Ich habe immer das Gefühl, hier findet eine tiefe Auseinandersetzung statt, ohne dass sich der Dirigent dabei in den Vordergrund drängt. Im Mittelpunkt steht dabei die große Architektur des Werkes und Wand schafft es tatsächlich, die Form zum klingen zu bringen. Was mir bei seinem Beethoven und Brahms nur ein Gähnen abringt, funktioniert bei Bruckner ganz wunderbar.



      Wie sagte Amadé neulich? Guilini hat meistens etwas "zu sagen". Das trifft voll und ganz zu. Jede Phrase wirkt bedeutungsschwer. Und im Nachzeichnen von großen formalen Spannungsbögen ist Giulini eh kaum schlagbar.



      Die Löwe-Fassung. So dramatisch sind die Unterschiede zur Urfassung nicht, die hinzukomponierten Fetzen belustigen eher. Knappertsbuschs Zugriff ist jedenfalls sehr eigenwillig. Er wirkt trotz zügigen Tempi irgendwie schläfrig und meißelt dann unvermittelt die Höhepunkte sehr scharf heraus.



      Und dann gibt es noch die Intercord Aufnahme mit Michael Gielen und dem SWF-RSO. (Ziemlich vergriffen; ersatzweise ein ähnliches Bild mit der 4.)
      Wie bei Gielen nicht anders zu erwarten, tilgt er sämtliche Assoziationen an eine katholische Messe und läßt Bruckner als radikalen Modernisten erscheinen. @ R Wenn dich der 2te Satz aufhorchen läßt, dann läßt er dich hier auffahren.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • Bruckner 9 mit harding

      Hallo Bruckner-Freunde,

      ja so ist das, fast jeder scheint seine favoriten für die Sinfonie Nr.9 zu haben.

      Ich hatte gestern zum ersten mal die LIVE-Aufnahme mit Swedish Radio Symphony Orchestra, Daniel Harding der Sinfonie Nr.9 mit dem 4.Satz SMPC gehört und war seher positiv überrascht.

      :hello Vielen Dank für die bisherige INFO zu Harding an Uhlmann, denn es ist eine fantastische Interpretation voller Dramatik, dabei Tempomäßig voll im Rahmen bleibend um nirgendwo etwas zu verschleppen.

      Die Spielzeiten:
      1. Satz-24:47
      2. Satz-10:45
      3. Satz-24:20
      4. Satz-24:45
      Auch die Durchhörbarkeit der Instrumente und meiner geliebten Pauken war phäomenal überzeugend; besonders im 2.Satz fantastisch.

      Der 4.Satz von SMPC hat mich zum ersten mal hier bei Harding überzeugt. Er zeigt deutlich auf welch laues Lüflein hier von Wildner im Vergleich interpretiert wird, der mich 2007 auf der NAXOS-Doppel-CD gar nicht überzeugen konnte.

      Einen Abschnitt u.a. von 4:15-4:33 kaufe ich SMPC nicht ab, da hätte Bruckner mehr drauß gemacht.

      :times10 Den Namen Daniel Harding werde ich mir merken ! Ein nach Bildern augenscheinlich relativ junger Dirigent, von dem wir noch hören werden.
      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Original von Rachmaninov
      Ich erinnere mich, daß Jeremias die Giulini(DG) Aufnahme seinerzeit auch im allg. Bruckner Sinfonien Thread (neben der von Sinopli) lobte.

      Glaube ich könnte mich dochmal zu einem Kauf hinreißen lassen...



      wobei die Aufnahme mit den Wienern sehr gut, aber die mit den Chicagoern noch besser ist, jedenfalls in meinen Ohren (so viel Details herausgearbeitet ohne den Blick fürs ganze zu verlieren - das ist schon phänomenal)


      Gruß
      Henning
      Anstatt die besten Wissenschaftler in die Rüstungsindustrie und Raumfahrt zu schicken, hätte die SU sie ins Melodya-Tonstudio schicken sollen - was für eine vertane Chance...............
    • Klemperer und Walter

      @ Rachmaninow

      Otto Klemperer lässt Bruckners letzte Sinfonie (übrigens auch eine der letzten KLemperer-Aufnahmen 1970) in herber Strenge, großartig geformt vor unseren Ohren erklingen. Ähnliche Interpretationshaltungen beobachten wir bei Schuricht und Wand, jedoch nicht in dieser Kompromisslosigkeit wie bei Klemperer.
      Bruno Walter ist auch ein großer Baumeister, betont jedoch eher das lyrische Element, die Zwischentöne, er wirkt dadurch verbindlicher, insofern eine ideale Ergänzung zu Klemperer.

      Gruß Bernd
    • Hallo liebe Bruckner-Freunde!

      Ich kann Dox Orkh und uhlmann gut verstehen - auch ich empfinde bei dieser Musik etwas Religiöses im ganz allgemeinen Sinne, eine kosmische Dimension. Wie sich aus den leisen manchmal fast vereinzelten Tönen diese eruptiven Höhepunkt-Katarakte harausbilden, erinnert an eine Sternengeburt. An dem vielfach bei Bruckner beschworenen "Urton" ist schon was dran.

      Am liebsten höre ich die Symphonie in diesen zwei Varianten:



      Guilini leitet die Wiener mit sehr viel Feinsinn, aber auch Freude am laut donnernden Bläserbombast. Da glitzert und schimmert jeder Ton, eine innere Spannung ist noch in der leisesten Passage zu spüren. Meiner Ansicht nach steht und fällt eine Bruckner-Interpretation ja duchaus mit der Qualität des Bläserklangs. Und das Wiener Blech erzeugt hier einen wunderbar strahlenden Klang. Das Scherzo lässt Guilini recht temperamentvoll spielen.




      Viel breitere Tempi wählte Günther Wand mit den Berlinern. Aber auch hier ist eine ständige Innenspannung zu spüren, eine Freude am Detail. Die Musik fällt niemals auseinander.

      Das Erhabene dieses Werkes spielen beiden Versionen sehr gut heraus.


      Wem Bruckner in solchen Varianten zu wuchtig ist, sollte es mal mit Stanislaw Skrowaczewski und dem Saarbrücken Radio Symphony Orchestra versuchen. Mir ist die Spielkultur hier etwas zu verfeinert, denn das Schwere der Bruckner-Symphonien geht dabei ein wenig verloren. Sie bekommen einen fast schon leichten luftigen Anstrich.


      Herzliche Grüsse!
      Jörg
      "Ein Ding um seiner selbst willen tun" (Richard Wagner)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Nordolf ()

    • Hallo zusammen,

      ich lese gerade mit Interesse diesen Thread. Bruckner schlummert in Form einer Gesamtaufnahme mit den Berliner Philharmonikern unter Barenboim, die ich einmal günstig mitgenommen habe, in meinem Regal. Großartig beschäftigt habe ich mich noch nicht mit ihm. Angeregt durch den Thread, habe ich jetzt die Neunte mehrmals gehört und finde sie faszinierend und anregend.

      Mich würde interessieren, ob es eine akzeptable bis empfehlenswerte Aufnahme der Neunten gibt, die das "Te Deum" mit enthält. Das wäre für mich ideal, weil ich Letzteres noch nicht besitze und eine zweite Aufnahme der Neunten sicher nicht schaden würde.

      Kann mir jemand eine Aufnahme nennen?

      [ggf. könnte man dieses Posting auch in den Beratungs-Thread verschieben, wenn das gewünscht ist...]

      Vorab vielen Dank,
      Grüße,
      Gerion
    • Bruckner mit Barenboim

      Hallo Gerion,

      ich kenne Bruckner mit Barenboim nicht.

      Nach den tells miserablen Kritiken in der STEROPLAY damals, hatte ich aber auch nie das Bedürfnis diese DG-GA-Aufnahmen kennenzulernen.

      Es wurde seinerzeit jede Sinfonie einzeln mit Barenboim besprochen und zusammenfassend in einer Großkritik zusammengefasst.
      Wenn Du Interesse hast bin ich gerne bereit darauf näher ein zu gehen und die Rezensionsergebnisse der einzelnen Sinfonien zu posten.

      Aus der Kritik geht hervor, das barenboim die Spannungsbögen nicht optimal zieht und es an Detailarbeit mangeln läßt.
      Als Bruckner-Dirigent ist er auch nie groß in Erscheinung getreten.
      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • RE: Bruckner mit Barenboim

      Original von teleton
      Hallo Gerion,

      ich kenne Bruckner mit Barenboim nicht.

      Als Bruckner-Dirigent ist er auch nie groß in Erscheinung getreten.


      Immerhin hat er zwei komplette Zyklen der Symphonien aufgenommen (DG, Teldec) ...

      Gruß, Zelenka
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Zelenka ()

    • RE: Bruckner mit Barenboim

      ich besitze die ga von warner (früher teldec), die es vor einiger zeit recht günstig gab. habe sie hauptsächlich des preises wegen erworben.

      gerade eben las ich eine kritik über eine neue barenboim-cd: hier
      diese kritik hat zwar nichts mit bruckner zu tun, jedoch analysiert der rezensent sehr treffend barenboims musizieren.

      sein bruckner ist recht romantisch angelegt, subtiler werksaufbau oder herausarbeiten der strukturen sind seine sache nicht. dafür kläßt er es ordentlich knattern, mit dickem sound, eher breiteren tempi und (natürlich) großartigen berliner philharmonikern. dieses konzept klappt bei einigen symphonien besser als bei anderen. recht gelungen finde ich die vierte, fünfte und sechste, auch die neunte ist durchaus gut.

      barenboim rangiert mit bruckner bei mir im mittelfeld, seine interpretationen ärgern mich nie, können mich aber auch selten richtig überzeugen. ich höre sie hin und wieder, wenn mir nach mächtigem klang zumute ist.