Beethoven, Klavierkonzert No. 4 G-Dur op. 58

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    • Beethoven, Klavierkonzert No. 4 G-Dur op. 58

      Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht einmal versuche, den Anfang des G-Dur-Klavierkonzertes zu spielen. Und eigentlich war ich noch nie restlos zufrieden damit.

      Wilhelm Backhaus


      Beethovens 4. Klavierkonzert G-Dur op. 58: Orpheus in der Unterwelt?

      0. Diese Fadeneröffnung ist etwas umfangreicher und auch mühseliger geworden als ursprünglich gedacht, eigentlich wollte ich nur die sehr lockere Folge von Beiträgen fortsetzen, in denen ich hier im Forum in meine Lieblingskonzerte eingeführt habe. Es stellte sich dann bei der Beschäftigung mit dem Konzert heraus, daß einiges, das uns die Konzertführer und Booklets mitteilen, eher unsicher ist. Dies betrifft z.B. schon den Termin der ersten Aufführung, aber auch die Frage, ob es sich beim zweiten Satz oder sogar beim ganzen Werk um Programmusik handelt. Und die Probleme machen auch nicht vor dem Notentext Halt: Nach Veröffentlichung des Konzerts hat Beethoven noch einmal überarbeitend eingegriffen und den Solopart handschriftlich virtuoser gestaltet. E.T.A. Hoffmann mochte den fast zirzensischen Aspekt der damaligen Klavierkonzerte überhaupt nicht schätzen, aber dieses lyrischste aller Beethovenschen Klavierkonzerte stellt auch technisch-manuelle Anforderungen, die zu erfüllen und wiederzugeben sind. Zu entscheiden ist auch, ob Beethovens Änderungen gegenüber dem Erstdruck (soweit entzifferbar) ignoriert oder im ganzen gespielt werden sollten – oder aber ob ausgesucht werden darf.

      Es gibt Anhaltspunkte dafür, daß Beethoven sein 4. Konzert schon nicht mehr selbst aus der Taufe heben wollte, seine zunehmende Taubheit mag der verständliche Grund sein. Seine ersten drei Konzerte hatte Beethoven lange ungedruckt gelassen, um sie exklusiv als Visitenkarten für sein virtuoses Spiel nutzen zu können, jetzt wurde das Konzert schon vor seiner ersten Aufführung gedruckt. Die Premiere des 5. Konzerts fand dann später noch nicht einmal mehr in Wien statt und auch ganz ohne Beethovens Beteiligung.

      1. Beethovens Arbeit am Konzert begann wahrscheinlich 1804, fertig war das Konzert dann wohl im Laufe des Jahres 1807. Eine angebliche Aufführung des Konzerts im privaten Rahmen im Palais Lobkowitz im März des Jahres ist nicht beweisbar. Es ist nur davon die Rede, daß ein Klavierkonzert gegeben wurde. Es kann sich um ein älteres gehandelt haben, denn es wurden auch Symphonien gespielt, die nicht mehr sehr neu waren. Wohl im Herbst 1808 hat Beethoven zwei Pianisten gebeten, sein neuestes, bereits gedrucktes Konzert öffentlich aufzuführen. Beide mußten wegen zu kurzer Vorbereitungszeit und angesichts der Schwere des Soloparts passen, zur Aufführung gelangte stattdessen das 3. Konzert. Die Premiere des 4. Konzerts mußte auf seine Uraufführung bis zum Abend des 22.12.1808 warten. Im Rahmen eines bemerkenswerten vierstündigen Marathons im Theater an der Wien, ausschließlich mit Werken Beethovens, in dem auch zum ersten Mal u.a. die 5. und 6. Symphonie, aber auch die schlechtgeprobte Chorfantasie zu hören waren, erklang als letzter Programmpunkt vor der Pause das 4. Klavierkonzert. Reichardt berichtet über "ein neues Pianoforte-Konzert von ungeheurer Schwierigkeit, welches Beethoven zum Erstaunen brav, in den allerschnellsten Tempis ausführte. Das Adagio ein Meistersatz von schönem durchgeführten Gesang, sang er wahrhaft auf seinem Instrumente mit tiefem melancholischen Gefühl, das auch mich durchströmte." Beethovens Schüler Czerny berichtet, der Meister habe "muthwillig" gespielt. Möglicherweise sind hier zumindest auch jene Abweichungen vom gedruckten Notentext gemeint, von denen weiter oben schon die Rede war.

      2. Das Konzert beginnt ganz ungewöhnlich: Der Solist hat - "piano dolce" - das erste Wort. (Die in Booklets und andernorts öfter genannte Parallele zu Mozarts "Jeunehomme"-Konzert KV 271 ist eigentlich keine solche.) Das Backhaus-Zitat über diesem Beitrag deutet die ungeheuren Schwierigkeiten an, hier an ganz entscheidender Stelle den richtigen Ton zu treffen. Nach Kempff dürfen diese ersten Takte nicht gespielt werden, "es ist ein Horchen nach innen." (Ich stelle das Kempff-Zitat in seinem Kontext weiter unten in einem eigenen Beitrag ein.) Das Orchester ist insgesamt, bei allen kürzeren virtuosen Einlagen des Solisten, im ersten Satz der aggressivere Partner. Im ungewöhnlich kurzen Mittelsatz beginnt das Orchester schroff ("staccato", nur die Streicher spielen in diesem Satz), während das Klavier schüchtern antwortet ("molto cantabile"), im weiteren Verlauf des Dialogs kann es dann sein Gegenüber besänftigen. Das Rondo ("vivace") schließt sich ohne Pause unmittelbar an, erst hier im letzten Satz kommen auch die Trompeten und Pauken zu Wort, die in die Welt der Miltärmusik gehören.

      3. Beethoven hat kein Programm für das Konzert hinterlassen. Es ist unbekannt, welche außermusikalischen Bezüge die Musik für ihn gehabt haben mag. Schon Czerny fühlte sich beim Mittelsatz allerdings ganz allgemein an antike Tragödien erinnert. Konkreter wurde dann erst der Beethoven-Biograph Adolph Bernhard Marx 1859, indem er den Mittelsatz mit Orpheus in Verbindung brachte, der seine verstorbene Eurydike aus dem Schattenreich zurückholen möchte, ein Unterfangen, das bekanntlich leider am Ende nicht von Erfolg gekrönt ist. Der Mythos von Orpheus und Eurydike wurde zu Beethovens Zeit immer wieder für Opern genutzt, man denke an Gluck, aber auch an Beethovens Freund Kanne. Wenn auch nicht im geringsten beweisbar, ist die Assoziation mit Orpheus bis heute nicht ohne Einfluß auf die Interpretation des Konzerts geblieben. Kempff dachte vielleicht nur im Mittelsatz an Orpheus, Arrau auch schon im Kopfsatz.

      4. Beethoven hat erst 1809, im Jahr nach der Uraufführung, Kadenzen für das Konzert nachgereicht, eine längere und eine kürzere, ein wenig verstörende für den ersten Satz und eine für den letzten. Kadenzen sind u.a. von Brahms, Reinecke, Saint-Saens und d'Albert überliefert, man hört sie heute eher selten. Andere Pianisten wie Kempff oder auch in jüngster Zeit Levin haben eigene Kadenzen gespielt. Die Wahl einer Beethovenschen Kadenz für den ersten Satz fällt unterschiedlich aus, Gilels, Brendel und Pollini bevorzugen z.B. die kürzere, häufiger wird die längere gegeben.

      5. Einer zeitgenössischen Quelle ist zu entnehmen, daß Beethoven immer zuerst nach den gespielten Tempi gefragt habe, wenn ihm von Aufführungen seiner Werke berichtet wurde. Tempofragen lagen ihm also sehr am Herzen. Für seine Konzerte hat Beethoven keine eigenen Metronomangaben hinterlassen, allerdings gibt Czerny sie für alle Klavierkonzerte an (nur für den letzten Satz des 5. Konzerts fehlt eine Tempoangabe). Im großen und ganzen weichen heutige Aufführungen nicht drastisch von ihnen ab, aber insgesamt wird gewöhnlich doch etwas bedächtiger gespielt. Der erste Satz sollte unabhängig von der verwendetet Kadenz wohl weniger als 17 Min. dauern, der zweite etwa vier, der Schlußsatz weniger als 10. Im ersten Satz tendiert Arrau zur Langsamkeit und möchte das "moderato" in der Satzbezeichnung "Allegro moderato" rot unterstreichen. Man kann ihm entgegenhalten, daß der Satz ein "Allegro" bleiben muß, zumal der Mittelsatz ("Andante con moto") kein eigentlich langsamer ist. (Erst im Laufe des 19. Jhdts. ist die Tempozeichnung "Andante" als relativ langsam verstanden worden.) Im ganzen weniger problematisch ist der letzte Satz, der mit einem "Presto" endet.


      Literatur

      Fanning, David. "Beethoven's Fourth Piano Concerto on record." International Piano Quarterly Winter 2000: 54-67.
      Horowitz, Joseph. Conversations with Claudio Arrau. New York: Knopf, 1982.
      Jander, Owen. "Beethoven's "Orpheus in Hades": The Andante con moto of the Fourth Piano Concerto." 19th-Century Music 8.3 (1985): 195-212.
      Jander, Owen. "Orpheus revisited: A ten-year retrospect on the Andante con moto of Beethoven's Fourth Piano Concerto." 19th-Century Music 19.1 (1995): 31-49.
      Kempff, Wilhelm. Unter dem Zimbelstern: Jugenderinnerungen eines Pianisten (2. unveränderte Aufl.). Laaber: Laaber-Verlag, 1978.
      Küthen, Hans-Werner (Hrsg.). Beethoven: Werke: Abt. III, Bd. 3: Klavierkonzerte II. München: Henle, 1996.
      Küthen, Hans-Werner. "Die authentische Kammerfassung von Beethovens viertem Klavierkonzert für Klavier und Streichquintett (1807): Eine verwegene Variante im Stil der späten Kadenzen." Bonner Beethoven-Studien 1 (1999): 49-90.
      Lockwood, Lewis. Beethoven: The music and the life. New York: Norton, 2003.
      Plantinga, Leon. Beethoven's concertos: History, style, performance. New York: Norton, 1999.

      Gruß, Zelenka
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis

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    • Beethoven, Klavierkonzert No. 4 G-Dur op. 58

      Aufnahmen

      Die Diskographie von Donald Manildi, die David Fannings Überblicksartikel zu den Aufnahmen des 4. Konzerts vom Winter 2000 beigegeben ist (siehe weiter unten unter "Literatur"), nennt schon 166 Versionen (und ist auch zum damaligen Zeitpunkt nicht ganz vollständig), mittlerweile dürfte die Zahl der Einspielungen längst merklich über 200 liegen. Vielleicht habe ich ein Viertel des Vorhandenen gehört, Vollständigkeit kann und will ich gewiß nicht anstreben. Einiges habe ich bewußt beiseite gelassen, so z.B. die 4. Konzerte aus den Zyklen, die Aimard/Harnoncourt, Schiff/Haitink, Barenboim/Klemperer und Barenboim unter eigener Regie eingespielt haben, Brendel ist hier nur zweimal vertreten, van Immerseel/Weil habe ich schon vor längerer Zeit aus meiner Sammlung entfernt. Ich bedauere einige vielleicht schmerzliche Lücken: Ich habe keine von mehreren Serkin-Versionen gehört, Arrau unter Galliera ist derzeit nicht zu einem akzeptablen Preis zu bekommen. Afanassiev (Oehms) ist schon in einer frühen Vorrunde ausgeschieden, seine "selbsttreuen", lethargisch selbstgefälligen Satzzeiten (23.29, 5.53, 12.00) haben seine sofortige Nichtzulassung zur Folge gehabt. Im übrigen habe ich bei der Bewertung der einzelnen Versionen nicht nur auf die Zeiten für die einzelnen Sätze geschielt, sondern schönes Spiel genossen, wenn es zu genießen war. Dies sind die Aufnahmen, die mir zur Verfügung standen:

      Backhaus, LSO, Ronald (1929/30) Andante Great Interpreters 29962999 17.06 4.35 9.51
      Schnabel, LPO, Sargent (1933) Philips Great Pianists of the 20th Century 4569612 17.15 4.42 9.00
      Gieseking, Staatskapelle Dresden, Böhm (1939) Naxos Historical Great Pianists 8111112 15.01 4.15 9.08
      Kempff, Großes O des Reichssenders Breslau, Abendroth (1939) Music & Arts CD1065 16.59 5.55 10.01
      Kempff, O des Deutschen Opernhauses, van Kempen (1941) Hänssler Masterpiece CD94045 17.17 5.33 10.13
      Hofmann, NYPO, Barbirolli (1941) Intaglio INCD7651 15.22 4.30 9.06
      Hofmann, NYPO, Mitropoulos (1943) Music & Arts CD1114 16.20 4.33 9.15
      Haskil, LPO, Zecchi (1947) Decca Historic 4259682 17.57 5.02 9.51
      Casadesus, Philadelphia O, Ormandy (1947) Artone 222360354 15.52 4.35 8.48
      Yudina, Leningrad State Philharmonic O, Sanderling (1948) Vista Vera The Legacy of Maria Yudina vol. 7 VVCD00075 19.55 5.27 9.36
      E. Fischer, Paris Conservatoire O, Fistoulari (1949) Music & Arts CD1080 16.53 5.10 10.05
      Gieseking, RIAS-Symphonie-O Berlin, Dorati (1950) Tahra TAH409/412 16.07 5.36 9.12
      Gieseking, Philharmonia O, von Karajan (1951) Philips Great Pianists of the 20th Century 4568112 16.42 5.03 9.54
      Backhaus, VPO, Krauss (1951) Decca Eloquence Dokumente 4761507 17.24 4.38 10.28
      Rubinstein, NYPO, Mitropoulos (1951) Archipel Desert Island Collection ARPCD0071 17.19 4.44 8.56
      Solomon, Philharmonia O, Cluytens (1952) Testament SBT1220 18.27 5.25 8.51
      Gieseking, Kölner Rundfunk-Sinfonie-O, Keilberth (1953) Medici Masters MM0172 15.40 5.11 9.11
      Kempff, BPO, van Kempen (1953) DG Original Masters 4740242 17.00 5.17 10.47
      Gulda, Wiener Symphoniker (1953) Orfeo Orfeo d'Or C745071B 17.26 3.59 9.47
      E. Fischer, Philharmonia O (1954) Testament SBT1169 17.42 4.36 10.49
      Curzon, VPO, Knappertsbusch (1954) Decca Legends 4671262 18.42 5.03 10.08
      Backhaus, VPO, Knappertsbusch (1954) Artone 222362354 17.17 4.40 9.13
      Haskil, O national de France, Cluytens (1955) Archipel Desert Island Collection ARPCD0197 17.32 4.50 9.59
      Kempff, Venezuela Symphony O, Reyna (1956) Istituto Discografico Italiano IDIS6481/82 16.50 4.56 12.45
      Fleisher, Kölner Radio-Sinfonie-O, Klemperer (1956) Archipel Desert Island Collection ARPCD0348 18.03 5.25 9.36
      Gilels, Philharmonia O, Ludwig (1957) Testament SBT1095 18.05 5.29 9.51
      Arrau, Philharmonia O, Klemperer (1957) Testament SBT21351 19.24 5.27 10.14
      Fleisher, Cleveland O, Szell (1959) Sony Great Performances 82876787672 18.08 5.08 9.07
      Richter-Haaser, Philharmonia O, Kertész (1960) Testament SBT1299 18.17 5.43 9.52
      Kempff, BPO, Leitner (1961) DG 2CD 4594002 17.17 4.49 10.32
      Brendel, Wiener Symphoniker, Wallberg (1961) Regis RRC1047 17.52 4.55 10.49
      Gould, NYPO, Bernstein (1961) Sony Glenn Gould Edition SM3K52632 19.16 6.40 10.45
      Katchen, LSO, Gamba (1963) Decca The Art of Julius Katchen 4608252 17.07 5.04 9.44
      Arrau, Royal Concertgebouw O, Haitink (1964) Philips Eloquence 4624552 19.22 5.31 10.08
      Rubinstein, Boston Symphony O, Leinsdorf (1964) RCA Red Seal The Rubinstein Collection 09026630582 18.34 4.38 9.58
      Gilels, O A. Scarlatti di Napoli della RAI, Pradella (1965) Classica d'Oro CDO3044 18.44 6.20 10.15
      Gilels, Cleveland O, Szell (1968) EMI Double Forte CZS5695062 18.51 5.47 10.00
      Gulda, VPO, Stein (1971) Decca Amadeo Eloquence 4768761 19.10 5.56 10.00
      Kovacevich, BBC Symphony O, C. Davis (1974) Philips Duo 4425772 18.28 5.28 9.02
      Weissenberg, BPO, von Karajan (1974) EMI Karajan Collection 724347688621 18.26 5.07 9.44
      Pollini, VPO, Böhm (1976) DG 4134452 17.13 5.06 10.07
      Arrau, BRSO, Bernstein (1976) DG Collectors Edition 002894776690 20.00 5.40 10.08
      Curzon, BRSO, Kubelik (1977) Audite 95459 19.39 5.39 10.22
      Lupu, Israel Philharmonic O, Mehta (1977) Decca 4757065 18.52 4.46 10.11
      Arrau, Staatskapelle Dresden, C. Davis (1984) Philips 50 Great Recordings 2894646812 20.56 6.09 10.34
      Perahia, Royal Concertgebouw O, Haitink (1984) Sony 88697102902 18.57 5.09 9.45
      Lubin, Academy of Ancient Music, Hogwood (1987) Decca 4757297 18.25 4.34 10.00
      Arrau, Philadelphia O, Muti (1988) DVD Philips 0750929 20.19 5.35 10.16
      Zimerman, VPO, Bernstein (1989) DG 4297492 19.17 5.37 10.04
      Uchida, Royal Concertgebouw O, Sanderling (1994) Philips 4756757 19.19 5.07 10.12
      Pollini, BPO, Abbado (1995) DG 4458502 17.18 5.17 10.00
      Entremont, Netherlands Chamber O (1995) Vanguard 99119 18.51 5.50 10.07
      Levin, O Révolutionnaire et Romantique, Gardiner (1997) DG Archiv 4576082 18.32 5.24 10.54
      Brendel, VPO, Rattle (1997) Philips 4627812 17.41 5.03 10.11
      Moravec, Prague Philharmonia, Belohlávek (2003) Supraphon SU37142031 17.31 5.18 9.24
      Schoonderwoerd, Cristofori (2004) Alpha 079 16.18 3.56 10.41
      Haefliger, BBC Scottish Symphony O, Brabbins (2004) DVD BBC Music DVD001 19.08 5.06 9.34
      Bronfman, Tonhalle O Zürich, Zinman (2005) Arte Nova 82876640102 18.21 4.25 9.52
      Berezovsky, Swedish Chamber O, Dausgaard (2005) Simax 1280 18.11 4.34 9.54

      Version für Klavier und Streichquintett (rekonstruiert von Hans-Werner Küthen)

      Levin, Members of the O Révolutionnaire et Romantique (1997) 17.20 5.14 10.26

      (Ich habe die Trackzeiten für alle drei Sätze vermerkt, obwohl die Zeiten der Ecksätze wegen der jeweils gewählten Kadenzen nicht direkt vergleichbar sind.)

      Die frühe Diskographie beginnt mit Aufnahmen, die durchaus auch heute noch hörenswert sind: Backhaus mag ein wenig nüchtern oder neutral spielen (wie später auch), Schnabel im einzelnen nicht perfekt sein, wie es 6 Jahre später auch Gieseking nicht ist, aber die letzteren spielen mit einer Frische und mit Tempi, die Beethovens (oder Czernys) Vorstellungen im ganzen eher entsprechen als so manche spätere Deutung, die Langsamkeit mit Bedeutungsschwere verwechselt. Die späteren hier vertretenen Aufnahmen Giesekings fallen leider ab, etwa jene unter dem sehr kongenial begleitenden Karajan, die das Produkt einer Woche ist, in der die beiden mehr schlecht als recht insgesamt fünf Konzerte verschiedener Komponisten einspielten. Kempffs Livemitschnitt unter Abendroth von 1939 leidet unter seiner sehr mäßigen Klangqualität, die bei allem schönen Spiel eine Empfehlung letztlich ausschließt, jedenfalls aber der Studioaufnahme von 1941 vorzuziehen ist. Man kann nur dankbar sein, daß der Klang im Falle von Josef Hofmanns Live-Version von 1941 einigermaßen akzeptabel ist, denn dies ist meiner Meinung nach eine der großen Interpretationen des Konzerts. Von der pianistischen Seite her ist sie geradezu atemberaubend und unerhört, eine gewisse "Mutwilligkeit" und Eigenwilligkeit, was die Partitur angeht, entspricht durchaus dem Beethovenschen Geist. Barbirolli ist ein sehr aufmerksamer Begleiter und wohl insgesamt Mitropoulos in der späteren Aufnahme vorzuziehen. (Der oben angegebene Transfer ist dem von Archipel vorzuziehen.) Clara Haskils durchaus spannungsgeladene und virtuose Studioversion von 1947 verdient sicher gehört zu werden, während Casadesus leider nur eine nüchterne, eher langweilige Vorstellung gibt und auch keine brauchbare Unterstützung von Ormandy erfährt. Haskils spätere Live-Aufnahme unter Cluytens ist schon wegen der im ganzen eher mäßigen Orchesterleistung nicht so gelungen. In jeder Hinsicht mißraten, auch aufnahmetechnisch, ist Yudinas Version, einmal wieder wird verständlich, daß S. Richter sofort unter Kopfschmerzen litt, wenn er ihr unsensibles Spiel hörte. Fischer sollte besser schon aus aufnahmetechnischen Gründen unter seiner eigenen Leitung als unter Fistoulari gehört werden, in beiden Fällen mangelt es allerdings ein wenig an Spannung, auch wenn einzelne Details hörenswert bleiben. Guldas Einspielungen von 1953 und 1971 sind leider sehr vergeßbar.

      Die gehörten Backhaus-Versionen aus den 50ern bleiben nüchtern und gehören wohl nicht zu den großen Aufnahmen des Konzerts. Rubinstein ist 1951 unter dem wiederum nicht großartig begleitenden Mitropoulos noch schneller und impulsiver als später unter Leinsdorf (er spielt auch noch seine eigenen Kadenzen). Letztlich enttäuschend bleibt Solomons Einspielung, was möglicherweise auch der Tatsache geschuldet ist, daß Dirigent und Orchester nicht miteinander zurechtkamen. Kempffs Studioversion von 1953 unter van Kempen ist wohl insgesamt seiner späteren Zusammenarbeit mit Leitner, dessen Begleitung vielleicht etwas weniger inspiriert ist, vorzuziehen. Kempffs Spiel zeichnet sich vor allem durch seine ungewöhnliche Farbigkeit und Delikatesse aus, Attribute, die man auch Curzons Vorgehensweise unter Knappertsbusch fast in ähnlichem Umfang zuordnen kann, auch wenn sich letztlich Kempff dann doch etwas natürlicher anhört. Gleichwohl ist Curzon ein ganz besonders beeindruckender lyrischer Mittelsatz gelungen. Seine spätere Rundfunkaufnahme unter Kubelik aus den 70ern ist entspannter, insgesamt aber nicht ganz auf gleich hohem Niveau. Die in Venezuela 1956 entstandene Live-Aufnahme Kempffs ist schon alleine ob des chaotisch begleitenden Orchesters nur etwas für Kempff-Komplettisten. Die im selben Jahr aufgenommene Kölner Rundfunkversion Fleishers habe ich erst kürzlich kennengelernt. Sie hat mich überrascht, und ich ziehe sie inzwischen seiner Studioeinspielung unter dem als Begleiter oft problematischen Szell vor. Klemperer begleitet mit deutlich mehr Phantasie und läßt gleichzeitig dem frisch aufspielenden Solisten ein größeres Maß an Freiheit. Auch der zupackende und gleichzeitig doch poetische Gilels kommt unter Szell nicht recht ins Spiel, seine Aufnahmen unter Ludwig und sogar unter Pradella (hier mit einem dann doch viel zu langsam genommenen Mittelsatz) lassen einen engagierter spielenden Solisten zum Vorschein kommen. Auch im Falle Arraus ist es wieder Klemperer, der den Solisten im besten Licht erscheinen lässt, allerdings eher in dem Sinne, daß er ihm nicht wie später Haitink und dann besonders Colin Davis etwa in Tempofragen zu weit entgegenkommt. Unter Davis wird die Partitur ein wenig zu intensiv ausgekostet, tendenziell geschieht dies auch in der DVD-Version unter Muti, Bernsteins teils schleppendes, spannungsloses Dirigat ist 1976 im ganzen desaströs. Richter-Haasers Einspielung unter Kertesz wird bisweilen als "Geheimtip" gehandelt und sogar auf gleicher Höhe mit Gilels unter Ludwig gesehen, mir trägt er allerdings ein wenig zu dick auf. Brendel ist 1961 unter Wallberg um einiges frischer als fast 40 Jahre später unter Rattle, ich bin deswegen auch geneigt, über die insgesamt eher mäßige Orchesterleistung hinwegzusehen. Brendels letzte Studioeinspielung ist letztlich nicht mehr als sehr ordentlich zu nennen, ein gewisses Extra fehlt. Dagegen merkt man Gould schon während der Eröffnungstakte an, daß er um Individualität bemüht ist, koste es, was es wolle: Czerny sanktionierte das Brechen des ersten Akkords, Gould bricht alle außer dem ersten. Der von Bernstein und ihm selbst unerträglich zerdehnte Mittelsatz gerät zur Karikatur.

      Katchen spielt durchaus inspiriert und wird von Gamba aufmerksam und straff begleitet. Kovacevich unter Davis kostet die lyrischen Elemente in den beiden ersten Sätzen ein wenig mehr aus, legt dann aber im Finale umso mehr zu. Dies ist insgesamt immer noch eine sehr hörenswerte Aufnahme, auch wenn ich mich wohl nie ganz mit Kovacevichs Anschlag anfreunden werden kann. Schon rein manuell auf höherem Niveau anzusiedeln ist Pollini unter Böhm, der seine Fähigkeiten im Presto nicht einmal voll ausspielt. Böhm ist ein aufmerksamerer und flexiblerer Begleiter als Pollinis Freund Abbado, auch wenn letzterem ein insgesamt besseres Orchester zur Verfügung stand. (2004 spielte Pollini das Konzert in Luzern unter Abbado, dort hat die Zusammenarbeit besser funktioniert als im Studio. Störend allerdings ist ein fast durchgehendes Vokalisieren des Solisten.) Weissenberg unter Karajan ist, für mich ein wenig überraschend, eher lyrisch als brilliant eingestellt. Insgesamt ist dies eine tiefempfundene Version, die zu respektieren ist, auch wenn sich im einzelnen Vorbehalte melden. Lupu hat es mit einem eher mäßigen Orchester zu tun, Perahia mit einem eher einfallslosen Dirigenten, im übrigen ist es schwer, sich zwischen den beiden zu entscheiden. Im Falle Zimermans wiederum fällt mir die Ablehnung einigermaßen leicht. Man merkt seinem steifen, etwas phantasielosen Spiel an, daß er kein eigentlicher Beethoven-Pianist ist. Problematisch wie so oft ist Uchida, die immer wieder betörend spielt, aber mehr die einzelnen Bäume als den Wald sieht. Ihr Dirigent kann sie leider nicht davon abhalten. Entremonts Einspielung ist uninspiriert und höchstens routiniert zu nennen, auch Haefliger kann mich nicht überzeugen. Moravec, Bronfman und Berezovsky machen Freude, auch wenn mir Bronfmans Züricher Orchester einmal wieder ein wenig steril vorkommt.

      Unter den gehörten Aufnahmen sind drei, die "historisch informiert" sind oder es zumindest sein wollen. In zwei von ihnen, Lubin/Hogwood und Levin/Gardiner, fungiert ein anachronistischer Dirigent. In dieser Hinsicht sind sogar die Versionen auf modernen Instrumenten von E. Fischer und Entremont historisch korrekter. (Daß Beethoven in einem Fall eines seiner Klavierkonzerte dirigiert hat, als ein Schüler Solist war, war eine Ausnahme von der Regel.) Schoonderwoerd rekonstruiert jene nicht belegbare, also inauthentische private Premiere im Palais Lobkowitz, von der weiter oben schon die Rede war. Der Platzmangel dort liefert die Rechtfertigung für das minimale Orchester von weniger als zwei Dutzend Mitgliedern, deren "authentische" Klangproduktion aber nichtsdestotrotz dank der Aufnahmetechnik ungeheuer aufdringlich wirkt. Schoonderwoerds pianistische Leistungen sind nicht mehr als ordentlich, wie auch jene Lubins. Auch wenn die Tempi für eine historisch informierte Aufführung eher ein wenig breit sind, macht Levins Einspielung noch die meiste Freude. Eher eine Kuriosität ist die von Levin und seinem Streichquintett vorgelegte Einspielung der Kammermusikfassung. Levin spielt hier Beethovens handschriftliche Änderungen des Soloparts, von denen der Beethoven-Forscher Küthen wohl zu Unrecht annimmt, sie seien für die Kammerversion gedacht gewesen.

      Ich wage es nicht, eine eindeutige Spitzenempfehlung für eine einzige Aufnahme des Konzerts zu geben. Insgesamt kommt meiner Meinung nach Hofmann, besonders unter Barbirolli, Beethovens Geist am nächsten: Hofmann spielt frei und ein wenig "mutwillig", und das mit einer stupenden Technik, die wohl einzigartig ist. Ganz oben würde ich auch Pollini unter Böhm, Arrau unter Klemperer und nach einigem Nachdenken auch Weissenberg unter Karajan ansiedeln. Dann folgt ein größeres Feld von Versionen, die jede auf ihre Art unbedingt hörenswert sind. Dazu gehören Gieseking unter Böhm, Haskil/Zecchi, Kempff/van Kempen, Curzon (beide hier vertretenen Aufnahmen), Fleisher/Klemperer, Gilels/Ludwig, Brendel/Wallberg, Katchen/Gamba, Lupu/Mehta, Perahia/Haitink, (nach einigem Zögern und trotz des Dirigenten) Uchida/Sanderling, Moravec/Belohlávek und Berezovsky/Dausgaard. Dem, der das Konzert partout auf "historischen" Instrumenten gespielt hören möchte, sei Levin unter Gardiner empfohlen.

      Gruß, Zelenka
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis

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    • Beethoven, Klavierkonzert No. 4 G-Dur op. 58

      Arthur Nikisch! Ich sehe dein schönes, gefährlich schönes Männerantlitz vor mir, aus dem zwei gütige Menschenaugen leuchteten, sehe, wie sich dieses Antlitz unmerklich neigte, um mir zu bedeuten, daß es so weit sei, die ersten Takte des Beethovenschen G-dur-Konzertes erklingen zu lassen.

      Es gibt wohl in der ganzen Klavierliteratur kaum etwas, was diesem Anfang des Vierten Beethovenschen Konzertes zu vergleichen wäre. Das Orchester schweigt. Aber schweigt der Solist nicht auch auf seine Weise? Diese ersten Takte dürfen nicht gespielt werden. Es ist ein Horchen nach innen. Deshalb kann die Technik hier nichts ausrichten. Und jede Absichtlichkeit würde hier nur zerstörend wirken, denn das Unabsichtliche, "hier wird's Ereignis!"

      Und dann der zweite Satz dieses Klavierkonzertes. Auf diesen zwei Seiten der Partitur sind nur wenige Noten zu entdecken. Dafür viele Pausenzeichen, die wie schwarze große Vögel zwischen den Notenlinien hocken, Zeichen für Pausen, die den Atem stocken lassen, Beethovensche Pausen. Und zwischen diesen dunklen Schatten windet sich Orpheus hindurch, zuerst nur tastend, - denn welches sterbliche Auge wäre an solche Finsternis gewöhnt? Ungerührt und feindlich trotzend stellen sich ihm die Gewalten der Unterwelt entgegen. Orpheus spielt. Und wie er spielt, wird er gewahr, daß in den Furien noch ein letztes schwaches Leuchten ihrer einstigen Seele glimmt. Jetzt greift er stärker in die Saiten. Das Leid der Welt, das Leid der Menschen, derer, die da gewesen, die da sind, derer, die da kommen werden, es formt sich ihm zum Liede. Und so erleidet Orpheus den Gesang. Und wie er einst die wilden Tiere zähmte, die Stein' erweichte mit seiner Seele Singen, so schwindet auch der dumpfe Widerstand der Furien. Noch zuckt es hier und dort, bis Hartes sich dem Weichen gibt und selig auflöst. Der Weg ist frei, der Weg in die ewige Helle. Nacht muß es sein, auf daß Licht werde.

      Wilhelm Kempff, Unter dem Zimbelstern
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis
    • Meine Aufnahmen habe ich gerade im Vergleich gehört:

      Mitsuko Uchida
      Kurt Sanderling, Royal Concertgebouw Orchestra

      Hélène Grimaud
      Kurt Masur, New York Philharmonic

      Pierre-Laurent Aimart
      Nikolaus Harnoncourt, Chamber Orchestra of Europe

      Glenn Gould
      Leonard Bernstein, New York Philharmonic

      Schwierig, jede hat ihre überzeugenden Seiten:

      Uchida: purer Schönklang

      Grimaud: jugendliches Ungestüm bei phasenweise sehr schönem Klang

      Aimard: detailfreudig u. ausgefeilt

      Gould: hat auf mich komicherweise angenehm schlicht gewirkt und gar nicht so um Individualität bemüht, wie Zelenka schreibt (da finde ich Aimard bemühter)

      Berührt haben mich Gould und Uchida am meisten, Aimard am wenigsten.
      Gould, vielmehr das Orchester unter Bernstein, wirkt schleppend, daher ist wohl Uchida im Gesamteindruck am stärksten.

      Wohlgemerkt spreche ich hier vom Gesamteindruck!!

      Nikolaus.
    • Zelenka,

      gerade habe ich nochmals nachgelesen wann ich das Thema für Dich reserviert habe. Es war der 15.11.2007. Dies läßt wohl erahnen wie viele Hörsitzungen und wie viele Stunden Du Dich mich diesem Werk auseinander gesetzt haben mußt seit der Entscheidung diesen Thread zu starten.
      Jeder der jemals einen derartigen Beitrag gestartet hat kann ermessen welche Arbeit dahinter steht und das jede Zeile wohl überlegt sein muß um das was man alles gelesen und recherchiert hat kompakt in einen Thread einzubringen.
      Alleine die ausgewiesenen Literaturquellen lassen erahnen wie intensiv Du Dich mit dem Werk auseinander gesetzt hast. Sicherlich nicht nur seit der Entscheidung dem Werk einen Thread zu widmen.


      Und die Probleme machen auch nicht vor dem Notentext Halt: Nach Veröffentlichung des Konzerts hat Beethoven noch einmal überarbeitend eingegriffen und den Solopart handschriftlich virtuoser gestaltet. E.T.A. Hoffmann mochte den fast zirzensischen Aspekt der damaligen Klavierkonzerte überhaupt nicht schätzen, aber dieses lyrischste aller Beethovenschen Klavierkonzerte stellt auch technisch-manuelle Anforderungen, die zu erfüllen und wiederzugeben sind. Zu entscheiden ist auch, ob Beethovens Änderungen gegenüber dem Erstdruck (soweit entzifferbar) ignoriert oder im ganzen gespielt werden sollten – oder aber ob ausgesucht werden darf.


      Hier vertrete ich klar die Ansicht eine Überarbeitung von Beethoven selbst stellt seinen endgültigen Willen dar und sollte daher auch gespielt werden. Wahrscheinlich befolgen dies auch die meisten Pianisten vor allem da es virtuoser durch die Änderung wurde.


      Reichardt berichtet über "ein neues Pianoforte-Konzert von ungeheurer Schwierigkeit, welches Beethoven zum Erstaunen brav, in den allerschnellsten Tempis ausführte. Das Adagio ein Meistersatz von schönem durchgeführten Gesang, sang er wahrhaft auf seinem Instrumente mit tiefem melancholischen Gefühl, das auch mich durchströmte." Beethovens Schüler Czerny berichtet, der Meister habe "muthwillig" gespielt. Möglicherweise sind hier zumindest auch jene Abweichungen vom gedruckten Notentext gemeint, von denen weiter oben schon die Rede war.


      Wie schmerzlich muß es für Beethoven gewesen sein dieses Werk nicht mehr mit ganzer Hörleistung erleben zu können und wohl noch schmerzlicher den Applaus nicht in voller Lautstärke zu erleben. Welch eine satanische Höllenqual für eine Komponisten und Pianisten. Bedauernswert….
      Leider fand sich wohl niemand anderes der in der Lage gewesen wäre das Konzert zu spielen. Vermutlich beruhen die Änderungen wohl auch auf der Tatschache, daß Beethoven letztendlich erkannte das Konzert selber spielen zu müssen und er sich dann auch letztendlich für die virtuose Änderung entschieden hat. Wenn die „leichte“ Fassung anderen schon zu schwer war und sie sich verweigerten, dann wohl nach seiner Fassung.


      2. Das Konzert beginnt ganz ungewöhnlich: Der Solist hat - "piano dolce" - das erste Wort. (Die in Booklets und andernorts öfter genannte Parallele zu Mozarts "Jeunehomme"-Konzert KV 271 ist eigentlich keine solche.) Das Backhaus-Zitat über diesem Beitrag deutet die ungeheuren Schwierigkeiten an, hier an ganz entscheidender Stelle den richtigen Ton zu treffen. Nach Kempff dürfen diese ersten Takte nicht gespielt werden, "es ist ein Horchen nach innen." (Ich stelle das Kempff-Zitat in seinem Kontext weiter unten in einem eigenen Beitrag ein.) Das Orchester ist insgesamt, bei allen kürzeren virtuosen Einlagen des Solisten, im ersten Satz der aggressivere Partner. Im ungewöhnlich kurzen Mittelsatz beginnt das Orchester schroff ("staccato", nur die Streicher spielen in diesem Satz), während das Klavier schüchtern antwortet ("molto cantabile"), im weiteren Verlauf des Dialogs kann es dann sein Gegenüber besänftigen. Das Rondo ("vivace") schließt sich ohne Pause unmittelbar an, erst hier im letzten Satz kommen auch die Trompeten und Pauken zu Wort, die in die Welt der Miltärmusik gehören.


      Danke für diese kurze und prägnante Darstellung. Sie wird sehr hilfreich sein während der anstehenden Hörsitzungen….


      5. Einer zeitgenössischen Quelle ist zu entnehmen, daß Beethoven immer zuerst nach den gespielten Tempi gefragt habe, wenn ihm von Aufführungen seiner Werke berichtet wurde. Tempofragen lagen ihm also sehr am Herzen.


      Es läßt sich ja nicht beweisen, aber eventuell bewußt um hier den Pianisten in die Entscheidung zu zwingen mit welchem Tempo er das Werk spielen will / soll. ?!?!

      Das schöne an Deinem Beitrag ist für ich, daß ich mich bisher eher mit Klavierkonzert 3. und 5. beschäftigt habe. Dies ermöglicht mir in gewisser weise eine Entdekung des Werkes :thanks
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • Danke Zelenka,

      für die große Ausenandersetzung mit diesem großen Klavierkonzert Nr.4 von L.V.Beethoven.

      Ich habe mich in den letzten Wochen auch mit den Beethoven KK beschäftigt und mir als Ergänzung die Weissenberg/Karajan (EMI)-Aufnahmen zugelegt, die mich durchweg nicht so begeistern.
      Es fehlt mir bei Weissenberg an der letzten Brillanz und ... ganz leihenhaft ausgedrückt- das Klavier "perlt" bei Weissenberg nicht.
      Es fehlt mir auch an Emotion und packendem Zugriff.


      Leider ist eine der beiden favorisierten Aufnahmen des KK Nr.4 nicht in Deiner Liste aufgeführt, die für mich beide den "Abstrich des Perfekten" haben:

      Brendel, London SO, Haitink (Philips, 1972, ADD)
      Fleisher, Cleveland Orch., Szell (SONY, 1962, ADD)
      .

      In deinen Zeilen läßt Du durchblicken, dass Szell als Begleiter manchmal problematisch wäre. Dies kann ich nicht nchvollziehen, denn gerde Szell empfinde ich bei Konzerten als fabelhaften Dirigenten, der Orchester und Solist gleichwertig erscheinen läßt. Das finde ich wichtig, da für mein Hörempfinden zu einer gelungenen Konzertaufnahme nicht nur ein TOP-Solist, sondern auch ein gutes Orchester gehört.
      Szell als Begleiter der KK von Beethoven, Prokofieff, Brahms (Fleisher und Serkin) - - - für mich absolute Spitze.

      Brendel ist für mich auch ein fabelhafter Beethoven - Interpret, der bei Haitink eine bessere Unterstützung findet als später mit Levin. Die Levin/Brendel-Aufnahme habe ich wieder aus meinem Bestand entfernt - ich konnte mich mit ihr nach Haitink nicht mehr anfreunden.

      ------------------------------------------------------

      In Deiner Auflistung ist auch auch Gulda/Stein enthalten.

      Die Beethoven-Sonaten mit Gulda sind IMO ein MUSS.
      Die in der Decca/Amadeo-CD-Box enthaltenen KK mit Stein, Wiener PH sind in meinen Ohren lasch, was stark an der schlechten und mehr routinierten Orchesterbegleitung liegt - die Aufnahme hat für meinen Geschmack nichts reizendes, begeisterndes zu bieten.

      ---------------------------------------------------------
      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • @ Zelenka

      Mein Kompliment für diesen herausragenden Beitrag. :down

      Ich glaube nicht, dass ich überhaupt irgend ein klassisches Werk schon 60 mal gehört habe. Das auch noch vergleichend zu tun, ist eine Dimension, die sich meiner Vorstellungskraft entzieht.
      Umso bedauerlicher ist es, dass ausgerechnet die Brendel/Levine Aufnahme, - die einizge neben Uchida, die ich gut kenne :ignore :J- fehlt. Ich hätte gerne erfahren, wie du sie einschätzt.
      Jedenfalls hat mich der Beitrag dazu ermutigt, mich wieder mit diesem Werk auseinanderzusetzen. Ich hatte bisher immer das Gefühl, dass die Konzertführer bei der Mystifizierung (sehr schön in dem Kempffschen Zimbelstern Beitrag nachempfunden) etwas übertreiben, aber vielleicht habe ich einfach noch nicht die richtige Aufnahme gehört. ?(
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Auch wenn ich leider hier nichts beitragen kann (die Beschäftigung mit den KKs von Beethoven steht bei mir noch aus), will ich meine Anerkennung für Deinen Beitrag aussprechen: brilliant recherchiert, hervorragend geschrieben, in den Kommentaren zu den Aufnahmen sehr persönlich - einfach rundum gelungen!

      :hello
      Jörg
      "Ein Ding um seiner selbst willen tun" (Richard Wagner)
    • Ganz herzlichen Dank für Eure (natürlich zu) freundlichen Reaktionen auf meinen Beitrag!

      :thanks

      Gruß, Zelenka
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis
    • Original von nikolaus

      Gould: hat auf mich komicherweise angenehm schlicht gewirkt und gar nicht so um Individualität bemüht, wie Zelenka schreibt (da finde ich Aimard bemühter)

      Berührt haben mich Gould und Uchida am meisten, Aimard am wenigsten.
      Gould, vielmehr das Orchester unter Bernstein, wirkt schleppend, daher ist wohl Uchida im Gesamteindruck am stärksten.

      Wohlgemerkt spreche ich hier vom Gesamteindruck!!

      Nikolaus.


      Die außer dem ersten durchgehend von Gould gebrochenen Akkorde ganz zu Anfang des Konzerts interpretiere ich z.B. schon als ein angestrengtes Bemühen, anders als die Masse zu sein ...

      Gruß, Zelenka
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis
    • Original von Rachmaninov

      Hier vertrete ich klar die Ansicht eine Überarbeitung von Beethoven selbst stellt seinen endgültigen Willen dar und sollte daher auch gespielt werden. Wahrscheinlich befolgen dies auch die meisten Pianisten vor allem da es virtuoser durch die Änderung wurde.




      Es ist und bleibt ein Problem, wie man mit Beethovens letzten Gedanken zum Konzert verfahren soll. Wie schon angedeutet, sind sie teils schwer zu entziffern, teils auch nur in der Manier einer Gedächtnisstütze angedeutet, und müssen stellenweise für eine Aufführung mit etwas Phantasie ergänzt werden. Wenn man ergänzt, entfernt man sich natürlich möglicherweise von Beethovens Intentionen. Ich gehe davon aus, daß er mit seinem vierten Konzert aus alter Gewohnheit wie mit seinen lange ungedruckten ersten Konzerten verfahren ist: Er war ein großartiger Improvisator, jede Aufführung seiner Konzerte fiel anders aus. Im übrigen ist das Konzert auch ohne die Änderungen spieltechnisch nicht ganz ohne ...
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis
    • Original von teleton
      Danke Zelenka,

      für die große Ausenandersetzung mit diesem großen Klavierkonzert Nr.4 von L.V.Beethoven.

      Ich habe mich in den letzten Wochen auch mit den Beethoven KK beschäftigt und mir als Ergänzung die Weissenberg/Karajan (EMI)-Aufnahmen zugelegt, die mich durchweg nicht so begeistern.
      Es fehlt mir bei Weissenberg an der letzten Brillanz und ... ganz leihenhaft ausgedrückt- das Klavier "perlt" bei Weissenberg nicht.
      Es fehlt mir auch an Emotion und packendem Zugriff.


      Leider ist eine der beiden favorisierten Aufnahmen des KK Nr.4 nicht in Deiner Liste aufgeführt, die für mich beide den "Abstrich des Perfekten" haben:

      Brendel, London SO, Haitink (Philips, 1972, ADD)
      Fleisher, Cleveland Orch., Szell (SONY, 1962, ADD)
      .

      In deinen Zeilen läßt Du durchblicken, dass Szell als Begleiter manchmal problematisch wäre. Dies kann ich nicht nchvollziehen, denn gerde Szell empfinde ich bei Konzerten als fabelhaften Dirigenten, der Orchester und Solist gleichwertig erscheinen läßt. Das finde ich wichtig, da für mein Hörempfinden zu einer gelungenen Konzertaufnahme nicht nur ein TOP-Solist, sondern auch ein gutes Orchester gehört.
      Szell als Begleiter der KK von Beethoven, Prokofieff, Brahms (Fleisher und Serkin) - - - für mich absolute Spitze.

      Brendel ist für mich auch ein fabelhafter Beethoven - Interpret, der bei Haitink eine bessere Unterstützung findet als später mit Levin. Die Levin/Brendel-Aufnahme habe ich wieder aus meinem Bestand entfernt - ich konnte mich mit ihr nach Haitink nicht mehr anfreunden.

      ------------------------------------------------------

      In Deiner Auflistung ist auch auch Gulda/Stein enthalten.

      Die Beethoven-Sonaten mit Gulda sind IMO ein MUSS.
      Die in der Decca/Amadeo-CD-Box enthaltenen KK mit Stein, Wiener PH sind in meinen Ohren lasch, was stark an der schlechten und mehr routinierten Orchesterbegleitung liegt - die Aufnahme hat für meinen Geschmack nichts reizendes, begeisterndes zu bieten.

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      Lieber Teleton:

      Ich hatte schon gesehen, daß Dich Weissenberg nicht begeistert hat. Ich bleibe allerdings bei meiner Ansicht, daß Weissenberg und Karajan hier durchaus eine sehr tiefempfundene Einspielung gelungen ist - da macht es mir nichts aus, daß es nicht "perlt". Es ist eine ganz andere Sicht auf das Konzert als etwa bei Hofmann.

      Ja, Brendel ist ein immer hörenswerter Beethoven-Interpret, ich bin auch mit seinen anderen Konzert-Zyklen ein wenig vertraut, besitze sie aber bei aller Wertschätzung nicht. Ich führchte, seine späteren Aufnahmen sind nicht unbedingt immer die besseren.

      Szell ist als Begleiter oft diktatorisch und doktrinär gewesen, manche Solisten leben noch und könnten das eine oder andere mitteilen. Seine Zusammenarbeit mit Fleisher ist im Falle dieses 4. Konzerts nicht so erfolgreich verlaufen wie bei den beiden Brahms-Konzerten, die in der Tat Referenzaufnahmen sind.

      Möglicherweise sind die Gulda-Beethovensonaten ein Muß (ich sehe das nicht so ganz), aber die Konzerte unter Stein sind es gewiß nicht. Da sind wir uns einig.

      Gruß, Zelenka
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis
    • Original von Dox Orkh
      @ Zelenka

      Mein Kompliment für diesen herausragenden Beitrag. :down

      Ich glaube nicht, dass ich überhaupt irgend ein klassisches Werk schon 60 mal gehört habe. Das auch noch vergleichend zu tun, ist eine Dimension, die sich meiner Vorstellungskraft entzieht.
      Umso bedauerlicher ist es, dass ausgerechnet die Brendel/Levine Aufnahme, - die einizge neben Uchida, die ich gut kenne :ignore :J- fehlt. Ich hätte gerne erfahren, wie du sie einschätzt.
      Jedenfalls hat mich der Beitrag dazu ermutigt, mich wieder mit diesem Werk auseinanderzusetzen. Ich hatte bisher immer das Gefühl, dass die Konzertführer bei der Mystifizierung (sehr schön in dem Kempffschen Zimbelstern Beitrag nachempfunden) etwas übertreiben, aber vielleicht habe ich einfach noch nicht die richtige Aufnahme gehört. ?(


      Lieber Dox:

      Eigentlich sollte schon bei 30 Versionen Schluß mit dem Vergleichshören sein, aber es ist anders gekommen. Trotzdem fehlt natürlich immer noch Wichtiges wie möglicherweise Brendel unter Levine. Ich hätte weitermachen können, aber offengestanden möchte ich auch vermehrt wieder andere Musik hören ... Ich hatte mich zwischendurch schon leidgehört an einem meiner Lieblingskonzerte. (Dies nur als freundliche Warnung für jeden, der in die Hölle des Vergleichshörens eingehen möchte ...)

      Jedem Hörer ist selbst überlassen, was er sich für Gedanken beim Hören des zweiten Satzes macht. Er sollte vielleicht schon an Oper oder Theater denken, aber nicht unbedingt an Orpheus und seine Eurydike. Der Mythos mußte allerdings allein deswegen schon erwähnt werden, weil er die Interpretationsgeschichte des Konzerts stark beeinflußt hat. Der Komponist mag an etwas ganz anderes gedacht haben.

      Gruß, Zelenka
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis
    • Recht herzlichen Dank für den Aufwand, den Du zwecks Erstellung des Fadens betrieben hast. Dass derartig exzessives Vergleichshören die Gefahr mit sich bringt, dass einem der Genuss beim Hören von Lieblingskompositionen vergällt wird, liegt nahe.

      Da das 4. Konzert in der Tat wohl das "lyrischste" der Beethov´schen Konzerte ist verträgt es eine auf "Schönklang" ausgerichtete Herangehensweise in meinen Ohren gut, sodass derzeit meine Lieblingsaufnahme die mit Uchida unter Sanderling ist. Die CD (ich habe hier die Gesamteinspielung aller Konzerte) hat - jedenfalls derzeit, so etwas ändert sich gelegentlich - Kempff unter Leitner als meinen persönlichen Favoriten abgelöst. Sehr gerne höre ich auch noch die Kombination Perahia/Haitink, wobei ich nicht ganz nachvollziehen kann, was gegen das Dirigat Haitinks spricht (ebenso kann ich an der Kombination Szell/Fleisher nichts aussetzen, wobei ich diese Aufnahme allerdings nicht besitze, sondern nur kenne - aber das mag eine Frage des persönlichen Geschmacks sein, den manchmal etwas nüchternen, aber äußerst exakten Dirigierstil Szells mag ich im Allgemeinen persönlich sehr).
      Die Kombination Gulda/Stein finde auch ich wenig empfehlenswert; dies liegt weniger am Pianisten als am Dirigat/Orchester - kommt mir vor wie uninspiriertes Musizieren im Sinne von "Dienst nach Vorschrift". Mit Arrau habe ich was Beethovens Konzerte betrifft wenig Glück. Die Einspielung unter Bernstein aus dem Jahre 1976 hatte ich seinerzeit als LP, ebenso wie diejenige unter Galliera - erstere ist vom Dirigat her schlicht misslungen, letztere entsprach nicht meinen klanglichen Mindestvorstellungen (immerhin habe ich die Galliera-LPs -von Columbia- glaube ich teuer verkaufen können - keine Ahnung ob insoweit gut remasterte CDs vorliegen). Die Einspielung unter Haitink gehört zusammen mit einigen anderen CDs zum "Schwund" eines Wohnungsumzugs - ich habe diese Einspielung aber als empfehlenswert in Erinnerung. Ach ja, fast hätte ich noch die Aufnahme mit Bachauer unter Dorati vergessen - als gut durchschnittlich würde ich sie bezeichnen.
      Einen Sonderstatus nimmt die Aufnahme mit Pletnjow unter Gansch ein - auch im 4 KK nimmt sich Pletnjow einige Freiheiten heraus, sei es die ungewöhnlich kraftvolle Eröffnung oder sei es, dass er schon mal fortissimo spielt, wo es andere - vermutlich buchstabengetreuer - pianissimo angehen lassen. Das mag ins Manirierte abgleiten, aber ich persönlich mag Pletnjows gelegentliche Maniriertheiten - im Gegensatz zu Gould - gelegentlich als "Kontrastprogramm"ganz gern, sodass ich auch die CD mit den Konzerten Nr. 2 und 4, die ich nicht mein Eigen nenne, aber kenne, noch anschaffen werde (1,3 und 5 aus der Serie eigne ich bereits). Ich glaube zudem, dass die Kombination Szell/Gilels mir persönlich gut gefallen dürfte, aber solange auf dem Zweitmarkt solch exorbitante Preise wie derzeit zu zahlen sind werde ich mich zurückhalten.

      Gruß
      Henning
      Anstatt die besten Wissenschaftler in die Rüstungsindustrie und Raumfahrt zu schicken, hätte die SU sie ins Melodya-Tonstudio schicken sollen - was für eine vertane Chance...............
    • Lieber Zelenka,

      zunächst einmal meine Hochachtung für den Aufwand, den Du nicht gescheut hast und meine Gratulation für diesen tollen Einstieg!

      Nun bin ich ja nicht der Klaviermusik-Vielhörer, und daher kann ich wenig inhaltlich zum Thema beitragen, nur geknickt feststellen, daß kaum eine meiner Aufnahmen vor Deinem kritischen Ohr bestehen kann:

      Rubinstein / Leinsdorf
      Brendel / Rattle
      Casadesus / van Beinum
      Pollini / Abbado
      Arrau / Haitink
      van Immerseel / Weil

      Wobei ich im Moment nicht einmal sagen kann, welche Aufnahme ich von diesen vorziehe, dazu höre ich es viel zu selten. Kannst Du kurz erläutern, was Dir an der Einspielung van Immerseel / Weil so mißfallen hast, daß Du sie - offensichtlich schnellstmöglich? - wieder aus Deiner Sammlung entfernt hast?

      Viele Grüße,
      Wolfgang
      Wir sollten uns nicht brüsten, der Gipfel der Evolution zu sein, sondern uns daran freuen, eine Art Freak der Natur zu sein.
      So etwas wie uns wird die Evolution nie wieder hervorbringen. (Paul Sereno, Paläontologe)
    • Original von HenningKolf

      Da das 4. Konzert in der Tat wohl das "lyrischste" der Beethov´schen Konzerte ist verträgt es eine auf "Schönklang" ausgerichtete Herangehensweise in meinen Ohren gut, sodass derzeit meine Lieblingsaufnahme die mit Uchida unter Sanderling ist. Die CD (ich habe hier die Gesamteinspielung aller Konzerte) hat - jedenfalls derzeit, so etwas ändert sich gelegentlich - Kempff unter Leitner als meinen persönlichen Favoriten abgelöst. Sehr gerne höre ich auch noch die Kombination Perahia/Haitink, wobei ich nicht ganz nachvollziehen kann, was gegen das Dirigat Haitinks spricht (ebenso kann ich an der Kombination Szell/Fleisher nichts aussetzen, wobei ich diese Aufnahme allerdings nicht besitze, sondern nur kenne - aber das mag eine Frage des persönlichen Geschmacks sein, den manchmal etwas nüchternen, aber äußerst exakten Dirigierstil Szells mag ich im Allgemeinen persönlich sehr).
      Die Kombination Gulda/Stein finde auch ich wenig empfehlenswert; dies liegt weniger am Pianisten als am Dirigat/Orchester - kommt mir vor wie uninspiriertes Musizieren im Sinne von "Dienst nach Vorschrift". Mit Arrau habe ich was Beethovens Konzerte betrifft wenig Glück. Die Einspielung unter Bernstein aus dem Jahre 1976 hatte ich seinerzeit als LP, ebenso wie diejenige unter Galliera - erstere ist vom Dirigat her schlicht misslungen, letztere entsprach nicht meinen klanglichen Mindestvorstellungen (immerhin habe ich die Galliera-LPs -von Columbia- glaube ich teuer verkaufen können - keine Ahnung ob insoweit gut remasterte CDs vorliegen). Die Einspielung unter Haitink gehört zusammen mit einigen anderen CDs zum "Schwund" eines Wohnungsumzugs - ich habe diese Einspielung aber als empfehlenswert in Erinnerung. Ach ja, fast hätte ich noch die Aufnahme mit Bachauer unter Dorati vergessen - als gut durchschnittlich würde ich sie bezeichnen.
      Einen Sonderstatus nimmt die Aufnahme mit Pletnjow unter Gansch ein - auch im 4 KK nimmt sich Pletnjow einige Freiheiten heraus, sei es die ungewöhnlich kraftvolle Eröffnung oder sei es, dass er schon mal fortissimo spielt, wo es andere - vermutlich buchstabengetreuer - pianissimo angehen lassen. Das mag ins Manirierte abgleiten, aber ich persönlich mag Pletnjows gelegentliche Maniriertheiten - im Gegensatz zu Gould - gelegentlich als "Kontrastprogramm"ganz gern, sodass ich auch die CD mit den Konzerten Nr. 2 und 4, die ich nicht mein Eigen nenne, aber kenne, noch anschaffen werde (1,3 und 5 aus der Serie eigne ich bereits). Ich glaube zudem, dass die Kombination Szell/Gilels mir persönlich gut gefallen dürfte, aber solange auf dem Zweitmarkt solch exorbitante Preise wie derzeit zu zahlen sind werde ich mich zurückhalten.

      Gruß
      Henning


      Lieber Henning:

      Herzlichen Dank für die Anmerkungen zu Deinen Versionen! Zu einem guten Teil schätzen wir ja durchaus dieselben Aufnahmen (Uchida, Perahia, Kempff natürlich, Arrau unter Haitink), auch wenn ich dann andere Einspielungen der beiden letztgenannten Solisten vorziehe. Was Gulda unter Stein angeht, sind wir uns einig. Ich hatte allerdings schon befürchtet, daß meine kleine Szell-Attacke Widerspruch auslösen würde. Ich nehme sie aber nicht zurück. Beide betroffene Solisten wirken unter anderen Begleitern besser. (Ich lege im übrigen Wert auf die Feststellung, daß ich Szell durchaus sehr respektiere.) Haitink begleitet gewöhnlich sehr ordentlich (man nannte ihn schon mal das "Chamäleon der Begleiter"), aber nicht unbedingt inspiriert. Ich hätte mir gewünscht, daß Perahia etwas mehr gefordert worden wäre.

      Pletnevs Beethoven ist je nach Standpunkt ein Elend oder kongenial. Ich neige zu ersterer Sicht. Ich besitze einen legalen Download des gesamtem ersten Satzes des 4. Konzerts mit ihm (ein Werbegeschenk der DG), das Spiel ist aus meiner Sicht teils völlig pervers. Ich habe im Falle Hofmanns das gelegentliche Abweichen von der Partitur toleriert, weil ich auch Beethoven selbst einen etwas lockereren Umgang mit dem Text zutrauen würde. Pletnev geht mir dann doch zu weit ...

      Gruß, Zelenka
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis
    • Original von Poztupimi
      Lieber Zelenka,

      zunächst einmal meine Hochachtung für den Aufwand, den Du nicht gescheut hast und meine Gratulation für diesen tollen Einstieg!

      Nun bin ich ja nicht der Klaviermusik-Vielhörer, und daher kann ich wenig inhaltlich zum Thema beitragen, nur geknickt feststellen, daß kaum eine meiner Aufnahmen vor Deinem kritischen Ohr bestehen kann:

      Rubinstein / Leinsdorf
      Brendel / Rattle
      Casadesus / van Beinum
      Pollini / Abbado
      Arrau / Haitink
      van Immerseel / Weil

      Wobei ich im Moment nicht einmal sagen kann, welche Aufnahme ich von diesen vorziehe, dazu höre ich es viel zu selten. Kannst Du kurz erläutern, was Dir an der Einspielung van Immerseel / Weil so mißfallen hast, daß Du sie - offensichtlich schnellstmöglich? - wieder aus Deiner Sammlung entfernt hast?

      Viele Grüße,
      Wolfgang


      Lieber Wolfgang:

      Danke für Dein freundliches Lob!

      Fünf Deiner Solisten schätze ich in diesem Konzert sehr (auch Rubinstein unter Leinsdorf), Casadesus unter van Beinum kenne ich leider nicht. Brendel unter Rattle ist sehr gut! - Van Immerseels Version war meine erste Einspielung des Konzerts auf historischen Instrumenten. Ich mochte den Klang von van Immerseels Klavier nicht, es erschien mir zu weich. Ich habe bedauert, die Einspielung nicht mehr zur Hand zu haben, ich hätte sie besser behalten sollen. Allerdings wußte ich damals noch nicht, daß ich jemals einen Beitrag über das 4. Konzert schreiben würde ...

      Gruß, Zelenka
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis
    • Original von Zelenka

      Fünf Deiner Solisten schätze ich in diesem Konzert sehr (auch Rubinstein unter Leinsdorf), Casadesus unter van Beinum kenne ich leider nicht. Brendel unter Rattle ist sehr gut! - Van Immerseels Version war meine erste Einspielung des Konzerts auf historischen Instrumenten. Ich mochte den Klang von van Immerseels Klavier nicht, es erschien mir zu weich. Ich habe bedauert, die Einspielung nicht mehr zur Hand zu haben, ich hätte sie besser behalten sollen. Allerdings wußte ich damals noch nicht, daß ich jemals einen Beitrag über das 4. Konzert schreiben würde ...

      Gruß, Zelenka


      Lieber Zelenka,

      ich muß gestehen, daß ich mich teilweise mit dem Klang des Hammerflügels immer noch etwas schwer tue, sei es in einem Konzert, sei es im Einsatz in der Kammermusik.

      Ich glaube, ich muß mal wieder meine Aufnahmen hören - und mal darüber nachdenken, ob ich Deine Fleißarbeit für mich in Form einer Bestellung nutze.

      Viele Grüße,
      Wolfgang
      Wir sollten uns nicht brüsten, der Gipfel der Evolution zu sein, sondern uns daran freuen, eine Art Freak der Natur zu sein.
      So etwas wie uns wird die Evolution nie wieder hervorbringen. (Paul Sereno, Paläontologe)