Chopin, Barcarolle op. 60

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    • Chopin, Barcarolle op. 60

      Wie die Berceuse, die vor kurzem schon ihren eigenen Faden in diesem Forum bekommen hat, gehört auch Chopins Barcarolle (Gondellied) in Fis-Dur op. 60, trotz ihres größeren Umfangs, in den Umkreis der Nocturnes, die ebenfalls schon hier besprochen worden sind. Formal kann man sie in ihrer Dreiteiligkeit und Behandlung des thematischen Materials auch mit der dritten Ballade in Verbindung bringen, und Charles Rosen ("The Romantic Generation") sieht sie tatsächlich dementsprechend auch fast als 5. Ballade. Sie ist eigentlich nicht Chopins erste Barcarolle, sondern nach dem 12. Nocturne op. 37, No. 2 von 1839 die zweite. Entstanden ist sie 1845-46, gewidmet ist sie einer Baronin von Stockhausen. Was Chopin zur Komposition der Barcarolle anregte, bleibt unklar, möglicherweise eine geplante, aber nicht angetretene Italienreise, vielleicht auch die venezianischen Gondeln auf der Seine, die im Sommer 1845 offenbar der letzte Schrei in Paris waren, vielleicht keines von beiden. Das Genre der Barcarolle (ich bleibe bei Chopins französischer Schreibweise) ist in der Romantik häufiger aufgegriffen worden, so sind z.B. drei von Mendelssohns "Liedern ohne Worte" Barcarollen.

      Nach drei Einleitungstakten und notiertem Forte und unmittelbar folgendem Diminuendo ganz zu Anfang beginnt "piano" das schaukelnde Ostinato der linken Hand, zuerst zwei Takte allein. Über diesem Ostinato entwickelt sich eine Art unendlicher Melodie, die dann im Takt 78 unterbrochen wird: Chopin setzt hier ein "dolce sfogato", er ist der erste (und vielleicht bis heute einzige) Komponist, der diese Anweisung gebraucht hat. Völlig klar ist nicht, was er mit ihr meint, wahrscheinlich soll der Interpret hier den Gefühlen freien Lauf lassen. Das Ostinato wird hier unterbrochen, die Gondel scheint nur noch still zu treiben. Mit dem Takt 85 und der Rückkehr zum Grundtempo "Allegretto" setzen Melodie und Ostinato wieder ein, teilweise geht es bis zum Fortissimo, um dann im Takt 111 das Ende der Gondelfahrt zu erreichen. Es folgen noch kurz recht konventionelle abschließende Gesten, die Barcarolle selbst ist nach 117 Takten zuende.

      Nicht sehr ergiebig im Gespräch,
      Ansichten waren nicht seine Stärke,
      Ansichten reden drum herum,
      wenn Delacroix Theorien entwickelte,
      wurde er unruhig, er seinerseits konnte
      die Notturnos nicht begründen.

      Gottfried Benn, Chopin


      Chopin konnte und wollte seine Nocturnes nicht begründen, er hat es stets vermieden, Programme für seine Werke anzugeben. Die Nachwelt hat sich bekanntermaßen umso mehr herausgefordert gefühlt, Programme zu erfinden. Im Falle der Barcarolle ist hier wohl der Liszt-Schüler Carl Tausig (1841-1871) am weitesten gegangen. Sein Programm, das er natürlich nicht von Chopin bekommen hat, ist bei weitem das bekannteste. Nachzulesen ist es in dem überaus lesenswerten Buch zu vier Klaviervirtuosen von Wilhelm von Lenz, der mit Tausig im Spätherbst 1868 in Berlin persönlich bekannt geworden war:

      Ein Schlüssel seines künstlerischen Wesens lag für mich in der Art, wie wir an die Barcarole von Chopin kamen. "Kennen Sie die Barcarole?" fragte mich Tausig. "Nein!" "Ich werde Ihnen die Barcarole Sonntag spielen, kommen Sie aber vor der Stunde, zu der sich meine Freunde Sonntags einzufinden pflegen, die HH. Davidssohn, C.F. Weitzmann, einige Herren vom Kladderadatsch. Das bleibe unter uns, das ist eine Production, die man nicht vor mehr als zwei Personen vornehmen muss; ich werde Ihnen meinen Menschen spielen, ich liebe das Stück, aber nur selten gehe ich an dasselbe."

      Ich las selbigen Tages die Barcarole in einer Musikalienhandlung. Das Stück gefiel mir gar nicht, ein langer Satz im Notturno-Styl, Schwulst in Tonalität (Fis-Dur) und Modulation; auf leicht angelassenem Fundament, ein Thurmbau von Figuration! – Die grössten mechanischen Schwierigkeiten auf den Kauf – nun, Letzteres war Tausig's Sache.

      Wie sehr sollte ich mich geirrt haben! –

      Tausig bezeichnete das Stück, das er einmal ausnahmsweise nicht auswendig spielte: "Hier handelt es sich um zwei Personen, um eine Liebesscene in einer verschwiegenen Gondel; sagen wir, diese Inscenirung ist Symbol einer Liebesbegegnung überhaupt. Das ist ausgedrückt in den Terzen und Sexten; der Dualismus von zwei Noten (Personen) ist durchgehend; es ist Alles zweistimmig oder zweiseelig. In dieser Modulation hier in Cis-Dur (dolce sfogato überschrieben [Takt 78]) nun, da ist Kuss und Umarmung! das liegt auf der Hand! – Wenn nach 3 Tacten Einleitung im 4. dieses im Basssolo leicht schaukelnde Thema eintritt, dieses Thema dennoch nur als Begleitung durch das ganze Gewebe verwandt wird, auf diesem die Cantilene in 2 Stimmen zu liegen kommt, so haben wir damit ein fortgesetztes, zärtliches Zwiegespräch. Von der Kette der Doppeltriller an, wird die Geschichte schwer darzustellen; das ist meine Sache, das wird "besorgt". Kehren sie nun hübsch die Blätter um und hören sie hübsch zu."

      Selten im Leben hörte ich so zärtlich, so subjectiv schön etwas am Clavier darstellen, jede Note war sprechend; der Künstler gab den Menschen Tausig. Und wie interessant waren Beide! –

      Wie schwer, wie nur subjectiv durchdrungen überhaupt möglich, ist es, auf 9 Seiten jedenfalls entnervender Musik, eines und desselben langathmigen Rhythmus (zwölf Achtel) so viel Interesse, so viel Bewegung, so viel Handlung zu legen, dass ich bedauerte, das lange Stück sei nicht länger!

      Hier war Tausig die leibhaftige Personification von Chopin, er spielte wie er, er fühlte wie er, er war Chopin am Clavier! –

      Ich sagte es ihm unumwunden, er hörte meinen Worten die Wahrheit der Ueberzeugung an. Im Princip war er sonst vorsichtig, ja, misstrauisch bei solchen Gelegenheiten, weil er etwa nie freudig gestimmt und ohne alle Wolken sein mochte!

      Tausig hat seinerzeit in Berlin Chopin-Concerte gegeben, die ausschliesslich Werken von Chopin geweiht waren. Das erste Beispiel, denke ich, man müsste denn Chopin selbst, in seinem oben erwähnten alljährlichen Intimitätsconcert in Paris, ausnehmen. Wie undankbar pflegen Unternehmungen dieser Art zu sein! Wie sehr ist Tausig zu danken, eine solche Initiative in Chopin ergriffen zu haben, dessen Bedeutung am Clavier lange nicht genug erkannt ist.

      Wilhelm von Lenz, Die grossen Pianoforte-Virtuosen unserer Zeit aus persönlicher Bekanntschaft: Liszt. – Chopin. – Tausig. – Henselt, Berlin: B. Behr's Buchhandlung (E. Bock), 1872, pp. 64-6.


      Ob uns hier mit Programmen wirklich geholfen ist, wage ich zu bezweifeln. Mit Ravel wird man vielleicht nur die Nähe zu Italien und zur italienischen Oper konstatieren oder mit Friedrich Nietzsche einfach nur einen "seligen Moment" genießen (Menschliches, Allzumenschliches, Aphorismus 160). Tausigs Programm, zumindest in der Gestalt, von der uns von Lenz berichtet, scheint nicht das ganze Stück abgedeckt zu haben. Dort, wo eigentlich gegen Ende der dramatische Höhepunkt der Barcarolle liegt, läßt uns Tausig allein. Da wird die Darstellung schwer, da muß etwas "besorgt" werden. Das Programm ist wohl tatsächlich zu schön, um wahr oder stimmig zu sein, ich hüte mich aber davor, es als puren Kitsch zu bezeichnen. Es ist eine Reaktion unter anderen möglichen auf das Werk wie auch wohl Tausigs offenbar besonders zärtlicher Vortrag nur eine von vielen Interpretationsmöglichkeiten war. Nach dem Überlieferten zu urteilen, war Chopins eigenes Spiel wohl eher auch zurückhaltend und zärtlich. Die Barcarolle stand bei auf seinem letzten Pariser Konzert im Februar 1848 auf dem Programm, nach einem Bericht kam der kranke Chopin hier über ein Pianissimo überhaupt nicht mehr hinaus. Charles Hallé fiel auf, daß Chopin hier gegen die Partitur spielte, und fragte sich, ob dieser Pianissimo-Vortrag nicht vorzuziehen wäre. Wie das Werk von einem leichtgängigen, schmaltastigen, wenig sonoren Pleyel-Flügel auf die meist üblichen Steinways in modernen Konzertsälen zu übertragen ist, bleibt ein Problem. Tausig bestand auf Intimität und hatte in von Lenz nur einen Zuhörer bei seinem Vortrag. Wie die Nocturnes und andere Chopin-Werke gehört auch die Barcarolle eigentlich wohl nicht in eines der heutigen Großauditorien, in denen sie natürlich üblicherweise gespielt wird.

      Die Liste meiner Aufnahmen zeigt an, daß die eingeschlagenen Tempi recht stark variieren. Bei weitem nicht alle Interpreten halten sich an das "Allegretto", das Chopin als Grundtempo vorgibt. Schwerer wiegt, daß auch häufiger gegen dynamische Anweisungen verstoßen wird, so schon ganz zu Beginn, wo "forte" zu spielen ist, es schon bei Cortot aber nicht recht zu hören ist, bei seinem Schüler de Brunhoff noch weniger, auch nicht bei Moiseiwitsch und Horowitz. Ob hier Tausig seine Spuren hinterlassen hat, vermag ich nicht zu klären. Die Partitur weist durchaus auf Drama und Leidenschaft hin, dies sollte auch unbedingt zu hören sein. Die Gondel bewegt sich nicht nur in ruhigem Wasser. Dies hat schon Lipatti sehr schön gezeigt, auch wenn er selbst nicht so ganz zufrieden mit seiner Aufnahme gewesen ist. Vielleicht sogar überdeutlich ist der dramatische und hochinteressante Arrau. Moravec' Aufnahme geht nicht ganz so weit und ist vielleicht derzeit hier meine erste Wahl.

      Cortot (1933) EMI Great Recordings of the Century 094636154121 7.52
      Rubinstein (1946) Andante Chopin: Solo Piano vol. 1 AND1150 9.15
      Lipatti (1948) EMI Références CDH7698022 8.26
      Nat (1953) EMI 094634782623 8.03
      Horowitz (1957) Philips Great Pianists of the 20th Century 4568412 8.40
      Kempff (1958) Decca The Classic Sound 4523072 7.52
      Moiseiwitsch (1958) Philips Great Pianists of the 20th Century 4569072 8.03
      Sofronitsky (1960) Philips Great Pianists of the 20th Century 4567812 9.00
      Argerich (1960) DG Originals 4474302 8.07
      Richter (1961) BBC Legends BBCL41462 8.25
      Rubinstein (1962) RCA Red Seal 2 CD Twofer 74321341752 9.27
      de Brunhoff (1963) EMI Les Rarissimes 724358524925 8.20
      Rubinstein (1964) Revelation RV10013 9.15
      François (1966) EMI 724357445726 8.26
      Richter (1966) Philips The Essential Richter (vol. 3) 4541692 7.50
      Harasiewicz (1966) Decca Eloquence 442 8746 8.28
      Moravec (1969) Philips Great Pianists of the 20th Century 4569102 9.22
      Cziffra (1975) EMI 724358501223 8.26
      Ashkenazy (1977) Decca Double Decca 4521672 8.48
      Arrau (1979) Philips 4261472 9.43
      Horowitz (1980) RCA Red Seal Artists of the Century 74321634712 8.52
      Zimerman (1987) DG 4230902 8.54
      Pollini (1990) Philips Great Pianists of the 20th Century 4569402 8.31
      Marshev (1999) Danacord DACOCD530 9.30

      Gruß, Zelenka
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis
    • Lieber Zelenka,

      ich freue mich über Deinen Eröffnungsbeitrag zur Barcarolle!

      Es ist eigenartig: Die Barcarolle gilt zwar allgemein als Meisterwerk, trotzdem finden sich kaum Aussagen mit verwertbarem Inhalt zu Bedeutung und Interpretation. Mir ist jedenfalls bislang kaum Material untergekommen. Außer eben auch dem Tausig-Programm im Wilhelm von Lenz-Buch. Lenz rühmt sich schon ein wenig, die großen „Pianoforte-Virtuosen“ (Liszt, Chopin, Tausig und Henselt) persönlich gekannt zu haben. Würde das Tausig-Programm also direkt von Chopin stammen, hätte Lenz dieses wichtige Detail ganz sicher erwähnt.

      Der schaukelnde Rhythmus mit der Baßfigur, die gesangliche Melodie – man denkt zwangsläufig an Wasser, Ruderbewegungen und Gondolieri. Trotzdem fällt es mir schwer, Tausig (auch Nietzsche ist hier recht gefühlsduselig) hier ganz zu folgen. Bei Lipatti finde ich übrigens das sentimentale Tausig-Programm am ehesten umgesetzt. Ich mag diese Interpretation deshalb nicht so sehr, obwohl sie natürlich fantastisch gespielt ist.

      Jedoch wie Du bereits schriebst: Chopin verabscheute – ganz anders als z.B. sein romantischer Zeitgenosse Franz Liszt – programmatische Elemente. Diese malerische und gefühlselige Kulisse venezianischer Gondolieri passt nicht zu einem Komponisten wie Chopin; man hat tatsächlich das deutliche Gefühl, dass mehr dahinter stecken müsse. Ravel zum Beispiel sprach 1910 im Le Courier Musical von einer „mysteriösen Apotheose“. Auch das sagt nicht sehr viel aus, und vielleicht ist dieses „mehr“ eben gar nicht zu beschreiben, weil es gar zu flüchtig und subtil ist.

      Hier ist eine interessante Seite des Polish Music Journal, auf der neben verschiedenen Deutungsansätzen auch der der polnische Musikwissenschaftler und Chopin-Biograph Jaroslaw Iwaszkiewicz zitiert wird, der 1933 in einer Warschauer Zeitschrift seine Sicht der Barcarolle veröffentlichte. Er betont den impressionistischen Charakter des Werkes („painting it impressionistically“ – und damit wohl Debussy vorausnehmend), spricht von suggestiven Elementen, die metaphysische Ängste aber auch Sehnsucht beim Zuhörer hervorrufen, und ganz allgemein von versteckten Bedeutungen („something unknown, something impossible to define, something that has a liberating effect upon humans by communicating to them another world“).

      Mir gefällt der Gedanke, dass das Geheimnis der Barcarolle eben nicht zu lüften ist, sie ein undurchdringbares Mysterium bleibt. Man möchte sich dem zärtlichen und wiegenden Rhythmus anvertrauen und doch scheint etwas dahinter zu lauern, was tatsächlich etwas Beängstigendes hat. „We walk on the water into nothingness“ – damit beschreibt Iwaszkiewicz recht treffend das Gefühl, das sich unterschwellig bei mir einstellt.

      Ich habe in etwa auch die Aufnahmen gehört, die Du auflistest. Richter ist noch häufiger bei mir vertreten. Seine Interpretationen finde ich besser als erwartet. Ich rechnete allerdings auch immer mit dem Schlimmsten, er rast ja manchmal fürchterlich durch die Chopin-Stücke. Als favorisierte Aufnahmen haben sich im Laufe der Zeit herauskristallisiert:

      Vladimir Sofronitsky (1960): Für mich die beste Interpretation (9.00). In einer anderen Aufnahme aus 1949 (Denon) ist Sofronitsky etwas schneller, aber längst nicht so ausdrucksstark.

      Claudio Arrau (1979): Mit 9.43 ist sie nicht nur eine der langsamsten Interpretationen, sie nimmt auch aufgrund ihres betont düsteren und „schweren“ Charakters eine Sonderstellung ein.

      Ivan Moravec (1969): Fast perfekt, mit 9.22 ist sie mir aber ein wenig zu bedächtig.

      Maurizio Pollini (1990): Pollini braucht 8.31, ist damit ein bisschen zu rasch für meinen Geschmack. Famoses Klavierspiel, könnte etwas emotionaler sein.

      Hector Berlioz beschreibt in seinen „Memoiren“ Chopins Klavierspiel wie folgt: „Chopin ertrug nur schwer den Zügel des Metrums; meiner Meinung nach hat er die Freiheit des Rhythmus viel zu weit getrieben. […] Chopin war nicht imstande, gleichmäßig zu spielen.“

      Wie müsste also eine „authentische“ Barcarolle klingen? Interessant, sich das vorzustellen…


      Gruß, Cosima

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Cosima ()

    • Liebe Cosima:

      Ganz herzlichen Dank für Deine ausführlichen Anmerkungen zu meiner Fadeneröffnung! Du hast recht: Es ist im Falle der Barcarolle nicht einfach, Verwertbares zu ihrer Interpretation aufzuspüren. Es steckt ganz sicher mehr hinter und in ihr als nur der Gedanke an schaukelnde Gondeln. Hochinteressant ist Dein Link zu dem Artikel im "Polish Music Journal", in dem eine weitere Interpretationsmöglichkeit vorgestellt, wenn auch nicht unbedingt akzeptiert wird. Es geht um nichts weniger als Polens Wiedergeburt. Ausgangspunkt ist ein polnisches Poem von Krasinski, in dem eine Bootsfahrt auf dem Comer See vorkommt. Von Extase und Apotheose ist in diesem Zusammenhang die Rede. Leider ist auch hier auch nichts schlüssig beweisbar, nicht einmal, daß Chopin das Gedicht gekannt hat. Fragen über Fragen, die Geheimnisse möchten wohl nicht gelüftet werden.

      Die Frage, woher Tausig sein Programm hatte, bleibt wohl unlösbar. Eine Möglichkeit wäre noch, daß er es von Liszt bekommen hat, der es aber wiederum nicht von Chopin bekommen hätte. Was Lipattis mögliche Umsetzung dieses Programms angeht, bin ich doch anderer Meinung als Du. Ich empfinde sein Spiel nicht als übersentimentalisiert in der Manier Tausigs.

      Was Sofronitskys Aufnahme von 1960 betrifft, so ist dies sicher eine der herausragenden Interpretationen, ich hätte sie in meiner Einführung herausstellen sollen. Richter ist gewohnt schnell, aber eigentlich nicht schneller als Cortot und dessen Freund Kempff, und ich gehe davon aus, daß diese schnelleren Grundtempi eher Chopins Intentionen entsprechen als etwa Arraus oder das von Moravec. Ich wollte allerdings Tempofragen hier nicht zu dogmatisch sehen. Zu Chopins eigenem Spiel gibt es Widersprüchliches zu lesen. Entgegen Berlioz hat er aber wohl schon durchaus gleichmäßig gespielt, zumindest was die linke Hand angeht, die nach Berichten "im Takt" blieb. Die rechte Hand dagegen hatte allerdings freieres Spiel.

      "Wie müsste also eine „authentische“ Barcarolle klingen?" Wenn ich es nur wüßte …

      Gruß, Zelenka
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis
    • Lieber Zelenka,

      ich schrieb ja auch nichts von „übersentimentalisiert“, sondern meine, dass Lipatti – der schon eine recht gefühlvolle Interpretation bietet (und der dafür auch von vielen Hörern geschätzt wird) - dem Programm noch am nächsten kommt.

      So „gewohnt schnell“ ist Richter eben nicht durchgängig gewesen, weshalb ich ja gerade überrascht war. Hier die Zeiten der Aufnahmen, die mir vorliegen:

      Richter (1961, London) BBC Legends 8:14
      Richter (1966, Aldeburgh) BBC Legends 8.25
      Richter (1966) Philips 7.50
      Richter (1977, Salzburg) Orfeo 9:05

      Mit der Salzburger Live-Aufnahme auf Orfeo liegt er im Mittelfeld, die alte Philips-Aufnahme ist ziemlich durchrast.

      Gruß, Cosima
    • Hier kann man sich übrigens die Interpretation des Polen Rafal Blechacz anschauen und anhören. Er hat ja erst kürzlich seine Debüt-CD mit den Chopin-Préludes herausgebracht, auf der die Barcarolle aber nicht enthalten ist. Ich meine, dass dieser junge Künstler eine wirklich schöne Barcarolle spielt: klar, emotional, aber nicht kraftlos. Er braucht 8:54 – ungefähr um die 9:00 herum wäre auch meine „gefühlte Ideallaufzeit“ (siehe Sofronitsky mit 9:00). Blechacz als Chopin-Interpreten werde ich auf jeden Fall im Auge behalten.

      Gruß, Cosima
    • Original von Cosima
      Lieber Zelenka,

      ich schrieb ja auch nichts von „übersentimentalisiert“, sondern meine, dass Lipatti – der schon eine recht gefühlvolle Interpretation bietet (und der dafür auch von vielen Hörern geschätzt wird) - dem Programm noch am nächsten kommt.

      So „gewohnt schnell“ ist Richter eben nicht durchgängig gewesen, weshalb ich ja gerade überrascht war. Hier die Zeiten der Aufnahmen, die mir vorliegen:

      Richter (1961, London) BBC Legends 8:14
      Richter (1966, Aldeburgh) BBC Legends 8.25
      Richter (1966) Philips 7.50
      Richter (1977, Salzburg) Orfeo 9:05

      Mit der Salzburger Live-Aufnahme auf Orfeo liegt er im Mittelfeld, die alte Philips-Aufnahme ist ziemlich durchrast.

      Gruß, Cosima


      Liebe Cosima:

      Ich kenne von Richters Aufnahmen ja leider nur die beiden schnellsten, besten Dank für den Hinweis auf die beiden anderen Aufnahmen!

      Gruß, Zelenka
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis
    • Hier kann man sich übrigens die Interpretation des Polen Rafal Blechacz anschauen und anhören. Er hat ja erst kürzlich seine Debüt-CD mit den Chopin-Préludes herausgebracht, auf der die Barcarolle aber nicht enthalten ist. Ich meine, dass dieser junge Künstler eine wirklich schöne Barcarolle spielt: klar, emotional, aber nicht kraftlos. Er braucht 8:54 – ungefähr um die 9:00 herum wäre auch meine „gefühlte Ideallaufzeit“ (siehe Sofronitsky mit 9:00). Blechacz als Chopin-Interpreten werde ich auf jeden Fall im Auge behalten.


      Liebe Cosima,
      durch Deine Anregung habe ich mir eben Blechacz angehört, und weil da gleich zwei weitere interessante Aufnahmen waren, habe ich mir die auch noch gleich zu Gemüte geführt, jene mit Zimerman und die mit Rubinstein. Zunächst: Blechacz spielt tatsächlich sehr schön. Sein Konzept geht gut auf, die Tempi sind organisch. Allerdings stört mich bei ihm, dass er sehr oft doch weit mehr Gewicht auf die rechte Hand legt, insbesondere oft nur die Oberstimme herausholt. Das ist zwar generell schon richtig, wenn man dort kantabel spielt, doch bietet die Barcarolle im Seitenthema immer diese zwei imitatorischen Linien in der rechten Hand. Diese sind bei Rubinstein tatsächlich am schönsten hörbar (sein Tempo ist übrigens das langsamste, seine Barcarolle dauert 9:15 Min.). Bei allen dreien ist die Dynamik nicht sonderlich genau, so spielen zum Beispiel alle drei am Ende des 9. Taktes ein decrescendo statt des notierten Crescendo (mich stört das). In Punkto Dynamik ist Zimerman wohl am ungenauesten, Rubinstein überzeugt mich hier am ehesten, da er auch zumindest versucht, innerhalb einer Dauercrescendolinie noch abschwellende Phrasen zu spielen und nicht einfach nur lauter wird (die beiden anderen jedenfalls tun das leider). Rubinsteins Tempi sind abgeklärter, da ist eben nicht mehr so sehr das heiße Herz am Werk wie bei Zimerman und Blechacz, die doch viel flüssiger spielen. Blechacz nimmt dafür weniger weg von den einmal gewählten Tempi, spielt weniger Rubato als Zimerman, der mnchmal etwas übertreibt. Rubinsteins Tempi finde ich bis hin zum Schlussteil toll, und die langsamere Spielart erlaubt eben auch ein recht transparentes Spiel, leider ist im Schlussteil dann ein ständiges Wabern, welches teilweise unmotiviert ist. Auch spielt Rubinstein zwei drei Töne, die so nicht in der Partitur stehen, allerdings nichts schlimmes, könnte sogar bewusst so gespielt sein. Wären die Rubati am Schluss nicht, würde ich doch von den dreien Rubinstein bevorzugen, allerdings bieten alle im Grunde schöne Interpretationen der Barcarolle, einem Stück, das ich schon viel zu lange nicht mehr gehört hatte. Es ist ein verdammt schweres Stück, schon allein wegen der Doppeltriller.
      Ich würde übrigens nicht versuchen, ein Programm hineinzulegen. Zwar ist das ein Gondellied, und in denen geht es ja immer irgendwie um die Liebe, aber das reicht eigentlich. Weil der wogende Bass da ist, war das wohl der geeignete Titel.

      Herzlich,
      S A T I E
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch
    • Und eben habe ich noch Cortot gehört. Und wieder einmal hat er mich am meisten überzeugt! Er hält sich genau an die dynamischen Angaben (genauer als die anderen zumindest), auch nimmt er am Anfang deutlich weniger Pedal, wodruch etwa das leggiero im Takt 14 ganz anders wirkt, nämlich wirklich staccato daherkommt (das ist die einzige Stelle, wo diese Sechzehntelkette so notiert ist, bei den meisten Pianisten geht das aber im Pedal völlig unter. Flüssiges Tempo, tolle Aufnahme.
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      Harry Partch
    • Lieber Satie,

      sehr aufschlussreich sind Deine Hinweise – vielen Dank dafür! Könntest Du Dir bei Gelegenheit auch die Hamelin-Aufnahme anhören? Die erste Minute sitzt er nur da, also etwas abwarten.

      Und hier wäre noch Sofronitsky, bitte auch mal reinhören!

      Und schlussendlich Lipatti.

      Mich würde sehr interessieren, wie Du diese drei Aufnahmen beurteilst.

      Cortot ist mit 7:56 einer der Schnellsten. Vielleicht stimmt also meine „gefühlte Ideallaufzeit“ mit ca. 9:00 gar nicht.

      Gruß, Cosima

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cosima ()

    • Original von Cosima
      Lieber Satie,

      sehr aufschlussreich sind Deine Hinweise – vielen Dank dafür! Könntest Du Dir bei Gelegenheit auch die Hamelin-Aufnahme anhören? Die erste Minute sitzt er nur da, also etwas abwarten.

      Und hier wäre noch Sofronitsky, bitte auch mal reinhören!

      Und schlussendlich Lipatti.

      Mich würde sehr interessieren, wie Du diese drei Aufnahmen beurteilst.

      Cortot ist mit 7:56 einer der Schnellsten. Vielleicht stimmt also meine „gefühlte Ideallaufzeit“ mit ca. 9:00 gar nicht.

      Gruß, Cosima


      Liebe Cosima,
      ich habe auch in die anderen hineingehört. Wirklich spannend, dieser Vergleich!
      Sofronitsky überzeugt mich gar nicht. Mir ist der Anfang schon zu schwerfällig und langsam. Es ist ja doch immerhin Allegretto. Dann holpert der erste Doppeltriller gewaltig. Den zweiten Teil beginnt er wegen des folgenden Decrescendos mit einem ziemlich unmotivierten Forte, welches nirgend notiert ist. Die Reprise ist total bombastisch, in diesem Fortissimo gelingen ihm dann auch keinerlei Abstufungen mehr (eine generelle Schwäche, die zu oft unbeachtet bleibt).
      Hamelin gefällt mir da viel besser, er nimmt alles recht genau, macht sehr wenige leichte Rubati, die Dynamik ist sehr sehr gut. Leider ist der Mittelteil nicht organisch und zu schwerfällig im Bass, im Schlussteil dann ebenfalls sehr basslastig und dick, dafür macht er das piu mosso am Ende deutlicher als die anderen, die ich bisher gehört habe. Die "Schlussgirlanden" sind ein wenig vernuschelt, die Polyphonie ist nicht sehr klar herausgearbeitet.
      Sehr schön ist dafür Lipattis Interpretation! Wie Cortot ist auch er sparsamer mit dem Pedal. Den ersten Teil gestaltet er mit bewusster Oberstimmen-Bass-Balance, um dann in der Reprise mehr die Polyphonie in der r.H. hervorzuheben, was mir hier sehr gefällt. Den Mittelteil spielt er wahrscheinlich am besten (von den bisher von mir genannten), die Tempogestaltung ist wunderbar fließend und organisch, der Übergang in die Reprise ist bei ihm aus einem einzigen wunderbaren Guss. Den Schluss spielt er am schönsten: die linke Hand spielt den "Choral" voll aus, während die rechte ganz leicht darüber die verspielten "Girlanden" perlen lässt.

      Somit finde ich bisher Lipatti und Cortot am besten. Cortot ist gesamthaft am durchsichtigsten und am sparsamsten mit dem Pedal, Lipatti gefällt mir dafür in der Gestaltung und mit seinem herrlichen Anschlag.

      Die Tempofrage würde ich tatsächlich relativieren, es kommt mehr darauf an, wie der Fluss gestaltet ist. Bei Sofronitsky fehlt mir genau das: wäre es wirklich in diesem langsamen Tempo gespielt, ohne noch ständig zu schwanken, könnte es durchaus funktionieren.

      Übrigens: keiner der Pianisten, die ich bisher unter die Lupe genommen habe spielt in den Takten 15ff. oder 33 die Akzente in der linken Hand auf die Zählzeit 2 (wenn man in punktierten Vierteln zählt, was man meiner Meinung nach müsste).

      Herzlich,
      S A T I E
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      Harry Partch
    • Lieber Satie,

      herzlichen Dank für Deine Antwort! Für mich ist es sehr interessant zu erfahren, wie Du – als Fachmann – hier urteilst.

      Schade, dass Sofronitsky so schlecht bei Dir wegkommt, wenngleich Deine Kritik sicher nicht unberechtigt ist. Ich höre die Aufnahme aber gerade gerne, weil sie nicht so „rund“ ist, sondern eher dramatischen Charakter hat. Lipattis Klavierspiel an sich gefällt mir auch ausgezeichnet, wenn da nur nicht dieser Hang zur Sentimentalität wäre, den ich persönlich nicht so sehr mag. Evtl. habe ich hier aber auch Vorurteile – ich werde das noch einmal für mich überprüfen. Bezüglich Hamelin habe ich gar keine rechte Meinung, ich empfand die Aufnahme als wenig inspiriert. Wegen Cortot muss ich noch mal in mich gehen. Du scheinst ihn ja insgesamt sehr zu schätzen. Es muss also etwas an ihm sein, das ich bislang noch nicht wahrgenommen habe.

      Am liebsten würde ich Dir die anderen rund 20 Aufnahmen auf CD auch noch vorspielen. Arrau würdest Du sicher in Grund und Boden stampfen. Bei seinem Spiel denkt man eher an den Untergang der Titanic als an glückselige Gondelfahrten, aber sehr spannend ist das allemal (und ich bin sicher, er hat sich etwas Bestimmtes dabei gedacht).

      Gruß, Cosima
    • Liebe Forenser,

      dieser Faden gibt Gelegenheit, diverse Themen anzusprechen: die Barcarolle und ihre Interpretationen natürlich; sogenannte Programmusik bzw. Programme, die man sich dazu erdacht hat; die Frage von Zeit; und nicht zuletzt, zu dem alten Thema „über Musik reden“ zurückzukehren.

      Wie so häufig ist meine Sammlung erheblich kleiner als die zumindest einiger von Euch. Aber „youtube“ bietet ja einiges (danke, Cosima, für die Links).
      Die Barcarolle ist sicher ein Stück von unergründlicher Poesie, das mehr enthält, als sich auf der Oberfläche zeigt, und die man ständig neu entdecken kann (wie alle Werke, ob musikalisch oder anders, die einen künstlerischen Wert haben).

      Nietzsche würde sicher im Grabe rotieren wie ein Ventilator, wenn er sich als „gefühlsduselig“ bezeichnet wüßte, aber Sentiment ist nicht Sentimentalität. Gücklicherweise wird die Barcarolle eher selten sentimental interpretiert, aber – wie ich finde – gerade von den Polen (Zimerman und Blechacz).

      Sofronitsky finde ich (zumindest streckenweise) schleppend und neblig-trüb; er erinnert mich an den Spruch eines Kritikers - irgendwo mal gelesen - , viele Pianisten würden mit der Barcarolle "durch Ausdünstungen waten"; bei Zimerman weiß ich gar nicht, was er da eigentlich spielt ... Aber bei Sofronitsky weiß man ja nicht, auf was für einem Instrument er spielt, es gibt ja Aufnahmen von ihm auf einem sehr altersschwachen Flügel - wer weiß, wie man da improvisieren und Kompromisse eingehen muß (Satie vielleicht).

      Blechacz spielt "schön" - wie die meisten, aber ich fand immer (schon bei den Aufnahmen vom Chopin-Wettbewerb), daß er etwas "schunkelig" spielt. Man kann sich diese Interpretation - wie auch beispielsweise die von Perahia, die ich am Anfang ein wenig "schwächlich", gegen Ende ein wenig hysterisch finde - durchaus jederzeit anhören, ein wenig wie apricotfarbene Tapete; Hamelin würde ich auch in diese Kategorie packen, aber am oberen Ende, technisch ist er sicher fabelhaft.

      Rubinstein ist superb, aber am Schluß dreht er für meinen Geschmack ein wenig zu sehr auf.

      Ich hätte noch zwei bisher unerwähnte Aufnahmen aus meiner eklektischen Sammlung beizusteuern: Kissin und Philippe Giusiano. Letzterer spielt einen wunderbar eleganten Chopin (er gewann 1995 in Warschau – anscheinend weitgehend unbemerkt - den zweiten Preis, der erste wurde nicht vergeben), die Barcarolle mit gewohnter Verve, vielleicht für einige ein wenig zu extravertiert. Kissin ist einfach unglaublich musikalisch.
      Pollini ist großartig, bleibt mir aber etwas an Hingabe schuldig.

      Wen es interessiert, die Barcarolle einmal auf einem (fast) zeitgenössischen Instrument zu hören, kann sie sich hier auf einem Broadwood (A. Planès) bzw. auf einem Erard (Ph. Bianconi) zu Gemüte führen (wenn auch nur Ausschnitte von 2 bis 3 Minuten).

      Zu meinen Lieblingsinterpretationen gehört ohne Zweifel auch vorrangig Lipattis, der sich für mein Emfpinden zu dieser Musik "bekennt" – für mich das Hauptmerkmal einer „authentischen“ Interpretation.

      Grüße,
      Gamaheh
      In girum imus nocte et consumimur igni.
    • Original von Gamaheh
      Sofronitsky finde ich (zumindest streckenweise) schleppend und neblig-trüb; er erinnert mich an den Spruch eines Kritikers - irgendwo mal gelesen - , viele Pianisten würden mit der Barcarolle "durch Ausdünstungen waten"; bei Zimerman weiß ich gar nicht, was er da eigentlich spielt ... Aber bei Sofronitsky weiß man ja nicht, auf was für einem Instrument er spielt, es gibt ja Aufnahmen von ihm auf einem sehr altersschwachen Flügel - wer weiß, wie man da improvisieren und Kompromisse eingehen muß (Satie vielleicht).



      Naja, soweit wurden alle Aufnahmen am Moskauer Konservatorium aufgezeichnet. Ich unterstelle diesem renomierten Haus einfach ein ordentliches Instrument. ?(
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • Liebe Gamaheh:

      Du hast recht: Die Themen, die anhand der kurzen Barcarolle angesprochen werden können, sind zahlreich. Die etwas nähere Beschäftigung mit dem Stücklein hat diverse Probleme aufgeworfen, und mir scheint, daß ich eher weniger klug als wie zuvor bin.

      Ich freue mich, daß auch Du Lipatti schätzt, im Falle Sofronitskys sind wir unterschiedlicher Meinung. Das mit den durch Ausdünstungen watenden Pianisten klingt interessant, auch wenn ich nicht genau verstehe, was der Anonymus damit meint.

      Besten Dank für den Hinweis auf die allzu kurzen Hörproben auf den historischen Instrumenten!

      Gruß, Zelenka
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis
    • Eine weitere Barcarolle ist inzwischen hinzugekommen:

      Arrau (1953) Artone 222367 9.14

      Gegenüber der Philips-Aufnahme weicht die frühere Decca-Aufnahme in ihrer interpretatorischen Grundhaltung nicht weiter ab, auch hier wirkt vieles eher bedrohlich und aufgewühlt, dies ist kein weichlicher Chopin.

      Gruß, Zelenka
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis
    • Lieber Zelenka und all die anderen,

      ich möchte gerne nochmal auf die anderen Themen zurückkommen, die mir hier ein wenig am Herzen liegen.

      Zunächst zwei, die meiner Meinung nach zusammengehören: die „authentische“ Interpretation und das (vermeintliche) Progamm. Dies erinnert mich ein wenig an den Deutschunterricht in der Schule (ich war eine sehr schlechte Schülerin in Deutsch), wo einem zu jedem Stück der Literatur vorgegeben war, wie man es interpretieren mußte (unnütz, sich eigene Gedanken zu machen), es hing weitgehend von der jeweils vorherrschenden Literaturtheorie ab, aber das „Programm“ stand fest, auch wenn dieses Wort nicht erwähnt wurde, und was „authentisch“ war, das wurde auch vom Zeitgeist bestimmt.

      Mich besticht gerade die Freiheit, die einem die Künste geben, ihre Schöpfungen von Zeit zu Zeit und von Individuum zu Individuum mit anderen Augen zu sehen – natürlich immer mit Respekt gegenüber der vom Urheber vorgegebenen Form – und das Skelett des Textes (im Falle von Literatur und Musik) mit Fleisch und Blut, mit einem Antlitz zu versehen und ihm Leben einzuhauchen.

      Dies tun für uns in gewissen Fällen (Musik, Theater) Interpreten – nicht, indem sie uns eine akademische Abhandlung darüber vortragen, sondern indem sie auf der Bühne ihre Auffassung davon „leben“, sie für uns umsetzen, vermitteln (ich denke gerade an Pogorelich: ohne Vermittlung keine Interpretation); wenn sie aufrichtig sind, ihre Wahrheit sagen, dann ist das für mich eine „authentische“ Interpretation.

      Aus diesem Grunde gibt es für mich nicht die eine authentische Interpretation von irgend etwas, sondern soviele, wie es Interpreten gibt, die bereit sind, ihre Wahrheit zu verteidigen, sich zu ihr zu bekennen. Im übrigen glaube ich auch, daß wir in der Lage sind, eine in diesem Sinne authentische Interpretation als solche zu erkennen, wenn wir sie sehen oder hören, und uns niemand irre zu machen braucht, indem er uns sagt, dieses sei „gut“ und „jenes“ schlecht, denn das erkennen wir selbst, auch wenn wir sie nicht alle gleichermaßen lieben, weil wir alle unterschiedlich sind – glücklicherweise – und unterschiedliche Wünsche an die immateriellen wie an die materiellen Dinge haben. Das alles zu begründen, ist natürlich sehr schwierig, und wenn wir es müssen – wie wir es dauernd meinen zu müssen, weil wir so erzogen sind – dann haben einige dafür bessere Voraussetzungen als andere; das heißt aber doch nicht, daß deren Empfinden besser ist als das der anderen.

      Wenn nun ein Carl Tausig in der Barcarolle ein „Symbol einer Liebesbegegnung überhaupt“ wahrnimmt, oder dieser Marx im langsamen Mittelteil von Beethovens 4. Klavierkonzert Orpheus und Eurydike glückestaumelnd der Unterwelt entsteigen sieht, dann ist das deren Privileg, wie es das Privileg anderer ist, dort anderes zu sehen. Wenn es der Komponist in die Noten geschrieben hätte, wäre es etwas anderes, dann wäre es Teil des Skeletts, oder zumindest ein Knorpelstückchen – so ist es Teil dessen, was jeder Interpret das Recht hat zu Gestalt zu machen, wie auch anderes, wenn ihm dies nichts sagt – solange nur eine in ihren Proportionen ansprechende Gestalt dabei herauskommt (und nicht, wie es eben auch der Fall sein kann, eine Ansammlung von einzelnen Gliedmaßen).

      Dies ist zur Zeit meine Vorstellung von diesen Dingen, und mich würde interessieren, wie Ihr sie seht.

      Grüße,
      Gamaheh
      In girum imus nocte et consumimur igni.
    • Liebe Gamaheh:

      Ein Problem ist hier sicher das Wort "authentisch", das ich in einem wohl engeren Sine gebrauche als Du. Mich interessiert schon, wie die Flügel, die Chopin gespielt hat, geklungen haben und wie sie gebaut waren. Ich bestehe in der Regel auch auf einer recht genauen Beachtung der Partitur. Die Freiheiten, die sich der Interpret nehmen kann und auch soll, sollten sich Grenzen halten. Der Komponist hat für mich Vorrang, der Interpret ist nur Vermittler. Anders als der Schauspieler verfügt der musikalische Interpret in der Regel über sehr genaue Anweisungen in Gestalt der Partitur, Tempo und Dynamik sind z.B. durchwegs recht genau bezeichnet. Es hat weder zu Chopins Zeiten noch jetzt andere Interpreten gegeben, die seine Werke "authentisch" oder exakt in jener Hinsicht gespielt haben oder spielen, wie sie unter den Fingern des Komponisten geklungen haben. Weder Tausig noch Paderewski sind zweite Chopins gewesen. Ein Streben nach Authentizität halte ich allerdings für legitim.

      Zu den Programmen: Ich habe Tausigs Programm (soweit man von einem solchen sprechen kann) eingeführt, weil es rezeptionsgeschichtlich von einiger Bedeutung ist. Es war gleichzeitig auch ein wenig als Provokation für das Forum gedacht: Wir alle denken wohl mitunter an Außermusikalisches, wenn wir Musik hören. Ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn andere Vorschläge für Programme aus dem Forum gekommen wären. (Mehr oder weniger gut recherchierte Einführungen sind doch nur Sprungbretter, jeder könnte ohne lange Recherche mitteilen, was ihm ein konkretes Werk bedeutet oder sagt.) Grundsätzlich habe ich ja deutlich gemacht, daß mich weder Tausigs "Programm" für die Barcarolle noch Marxens für das 4. Beethovenkonzert überzeugen. Interessant finde ich sie allemal.

      Gruß, Zelenka
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis
    • Original von Gamaheh
      wenn sie aufrichtig sind, ihre Wahrheit sagen, dann ist das für mich eine „authentische“ Interpretation.


      Authentizität (gr. authentikós „echt“) bedeutet Echtheit im Sinne „als Original befunden“. Das Adjektiv zu Authentizität heißt authentisch (aus wikipedia :ignore)

      In diesem Zusammenhang sehe ich die Authentizität auf die Interpretation bezogen u. nicht auf das Werk an sich.

      Daher:
      Du sprichst mir hier aus der Seele.
      Ich glaube daran, dass man diese Aufrichtigkeit in der Musik spüren kann.
      Und das ist für mich ein Qualitätsmerkmal.

      Für mich ist das, was die Musik in meinem Inneren bewirkt, das Entscheidende, und dabei spielt der Interpret als Vermittler eine ganz wichtige Rolle.

      Zelenkas Ansichten kann ich durchaus auch verstehen. Nur ist es bei mir so, dass mir schlicht und einfach die nötigen Kenntnisse fehlen und ich diese Argumentationsebene gar nicht betreten kann.

      So, und jetzt habe ich irgendwie den Faden verloren :(
      und werde mich bemühen, in wiederzufinden...

      Nikolaus.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von nikolaus ()

    • Eine weitere Aufnahme der Barcarolle ist hinzugekommen:

      Kapell (1953) RCA Red Seal 828755855026 8.35

      Sie ist Teil der wiederentdeckten australischen Konzertaufnahmen, die ein Musikliebhaber privat vom Radio mitgeschitten hat. Ich hatte Schlimmes erwartet, aber klanglich ist diese Version durchaus akzeptabel. Zumindest am heutigen Morgen überzeugt mich die Interpretation allerdings nicht völlig, sie scheint mir nicht recht aus einem Guß oder zwingend zu sein. Derzeit ist die Aufnahme in Gänze auch hier zu hören.

      Gruß, Zelenka
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis
    • Liebe Forenser,

      Ich habe in den letzten Tagen wieder vermehrt die Barcarolle gehört (in 28 Interpretationen), und je mehr ich sie kennenlerne, desto wunderbarer erscheint sie mir. Deshalb drängt es mich, diesen Faden wieder hervozuholen.

      Es ist vielleicht die am meisten bewunderte von Chopins Kompositionen, und wir haben oben schon davon gelesen. Was Nietzsche genau schrieb, ist folgendes: „Fast alle Zustände und Lebensweisen haben einen seligen Moment. Den wissen die guten Künstler herauszufinden. [...] – diesen seligen Moment hat Chopin, in der Barcarole, so zum Ertönen gebracht, daß selbst Götter dabei gelüsten könnte, lange Sommerabende in einem Kahne zu liegen.“ (Der Wanderer und sein Schatten, §160)

      Auch für André Gide ist sie das Höchste, was Chopin geschaffen hat; wir wissen, daß Hans von Bülow sie bewundert hat, und Ravel sprach von „Apotheose“ (obwohl man nicht sicher sein kann, daß er dieses Wort gebrauchte, denn er hatte offenbar diverse Probleme mit der Art, wie die Redaktion des Le Courier Musical seinen Artikel in der Chopin-Jubiläums-Ausgabe von 1910 behandelte).

      Mancher bringt es in den Zusammenhang der Nocturnes (Cortot nannte es ein „tristaneskes Nocturne“), andere in den der Balladen (so Charles Rosen in The Romantic Generation). Aber schließlich ist es die Barcarolle, und als solche einzigartig.

      Man hat darin eine romantische (im populären Sinne) Szene gesehen (Carl Tausig, wie oben „einen Kuß und eine Umarmung“) – eine persönliche Interpretation; ein Ausdruck der messianischen Sendung des polnischen Volkes wurde darin vermutet (s. den von Cosima oben genannten Artikel im Polish Music Jounal, wo sie auch auf eine polnische Dichtung zurückgeführt wird – wie die Balladen). Sie mußte für persönliche, romantische, philosophische, politische, esoterische Interpretationen herhalten – kurzum: Mir drängte sich assoziativ eine Phrase ins Ohr, die ich nicht lange brauchte zu identifizieren: Es war die Stimme von Charles Laughton, der als Rembrandt in dem gleichnamigen Film über seine Frau Saskia (offenbar symbolisch) sagte: „She is all things to all men“ (manche Stimmen sind wie Musik, und man vergißt sie auch nach vielen Jahren nicht). Dies ist ein Bibelzitat aus der 1. Epistel St. Pauli an die Korinther (9.22): „Ich bin jedermann allerlei geworden, auf daß ich allenthalben ja Etliche selig mache.“

      So ist das auch mit der Faszination der Barcarolle, denke ich: Ein jeder kann in ihr nach seiner Façon selig werden, und im besten Falle kann er das. Für mich hat sie einen dramatischen Charakter im klassischen Sinn, und als solche würde sie dann doch eher den Balladen nahestehen. Der Höhepunkt ist – ganz ungewöhnlich – das „dolce sfogato“ – man kann ihn leicht verpassen, wenn man nicht aufpaßt; die Auflösung kommt dann ab Takt 93 – man hat darauf gewartet, und es ist wirklich – ein in diesem Zusammenhang vielfach beschworenes Wort – eine Katharsis. Danach dann meiner Auffassung nach nicht konventionelle Phrasen, sondern das Seligsein im Frieden nach dieser Dramatik und Katharsis. Die Auflösung kann etwas Triumphales haben: Es ist der Sieg des Lichts über die Finsternis (in jedem Sinne, den man diesen Symbolen geben mag). Sfogato heißt „erleichtert“, es ist das Herauslassen eines Überdrucks, der sich aufgestaut hat, ein sfogo ist eine Öffnung, die ihn herausläßt (< lat. fuga, „Flucht“); dies passiert normalerweise (im übertragenen Sinn) mit großer Leidenschaft. Hier ist es wie ein sanfter, kleiner Seufzer der Erleichterung, nicht eine Gefühlsexplosion – was für eine Kunst!

      Die Interpretationen, die ich gehört habe, sind alle schöne Musik und in aller Regel große pianistische Leistungen. Nicht jedem gelingt es, den besonderen Charakter der Barcarolle darzustellen. Jeder spielt das dolce sfogato „dolce“, aber wenige „sfogato“. Die Dauer liegt zwischen 7:41 und 10:15 Minuten, aber man darf sich von diesen Angaben nicht irre machen lassen: Die gemessene Zeit ist sehr relativ.

      Was Saties Anmerkungen zu Rubinstein betrifft, er habe Noten gespielt, die Chopin nie geschrieben hat: Rubinstein hat diese schon 1928 gespielt – wahrscheinlich hatte er eine andere Ausgabe. Ich habe mal irgendwo gelesen, daß Chopin aus marktwirtschaftlichen Überlegungen unter seinen Verlegern in den verschiedenen Ländern leicht veränderte Ausgaben verbreitet hat. Er selbst soll ja auch nicht notengetreu mit ihnen umgegangen sein. Ein Zeugnis von Karl Halle (später: Sir Charles Hallé) sagt aus, er (Chopin) habe bei seinem letzten Konzert in Paris 1848 den gesamten letzten Teil der Barcarolle völlig entgegen seinen eigenen dynamischen Angaben gespielt: „Von der Reprise des Hauptthemas an hat er pianissimo gespielt, aber mit derartig subtilen Nuancen, daß man sich fragen könnte, ob diese Version nicht der anderen vorzuziehen sei. Nur Chopin konnte ein solches Wunder vollbringen.“ Eine im Internet frei zugängliche Partitur ist in einigen Punkten anders als die, die ich aus der Bibliothek habe (u.a. steht dort das "dolce" ohne "sfogato").

      Hat jemand Lust auf Blindhören? Wenn ja, bitte ich um Mitteilung, gegebenenfalls per PN oder email.

      Nocturne Grüße,
      Gamaheh
      In girum imus nocte et consumimur igni.

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