Heinrich Schütz - bedeutendster deutscher Komponist des 17. Jahrhunderts

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    • Lieber Tranquillo,

      ich denke, daß es in unserer überalterten Gesellschaft gar nicht mehr möglich ist, sich nicht beinahe täglich mit dem Sterben auseinander zu setzen.
      Vor drei Jahren ist meine Schwester im Kreis ihrer großen Familie an Pankreaskrebs gestorben. Eine moderne Therapie mit Toxin-gekoppelten monoklonalen Antikörpern hatte ihr noch ein halbes Jahr an Lebenszeit hinzugewonnen - ohne Nebenwirkungen.
      Als die Metastaseschmerzen zu groß wurden, war sie etwa 10 Tage bettlägerig, konnte aber noch zum Essen aufstehen. Sie hatte einen Armkatheter an den eine Morphium-Infusion angeschlossen werden konnte. Die Dosierung erfolgte über eine elektrische Pumpe, die sie beliebig oft betätigen konnte, das Vorratsgefäß war sehr groß.

      Ich denke, daß dieser Tod ein humanes Modell für unsere moderne Gesellschaft sein könnte.

      Mein Vater war übrigens nie krank aber mit 89 schwerhörig und lebenssatt. Das hat er meinem Bruder gegenüber unmissverständlich zum Ausdruck gebracht. Er hat zu Weihnachten 1994 aufgehört zu essen und ist sechs Wochen später im Schlaf gestorben. Wir haben ihn gewähren lassen. Er hat ein katholisches Begräbnis erhalten.

      Mir geben diese beiden soviel irdische Hoffnung wie ich brauche.


      Gruß, Leif.
    • Original von Leif Erikson
      Mir geben diese beiden soviel irdische Hoffnung wie ich brauche.

      Lieber Leif,

      vielen Dank für diese sehr persönlichen Anmerkungen. Ich kann aus Deinen Beiträgen jetzt ganz gut nachvollziehen, warum Du keinen Zugang zu den geistlichen Werken von Schütz findest. Aber auch sein einziges erhalten gebliebenes weltliches Werk, die "Italienischen Madrigale", hat seinen Reiz.

      Neben der Aufnahme im Rahmen der Schütz-Edition von Brilliant Classics



      habe ich noch eine ältere Aufnahme mit dem Consort of Musicke unter der Leitung von Anthony Rooley, die nicht mehr lieferbar ist. Ich tue mich mit den italienischen Texten sehr schwer, leider habe ich bisher noch keine deutsche Übersetzung gefunden.

      Viele Grüsse
      Andreas
    • Heinrich Schütz – Leben und Werk

      Schon spät, aber ich möchte es mir nicht verkneifen noch einen Schütz - Thread zu eröffnen. Heute möchte ich aber keine großen Traktate mehr schreiben. Nur eine Frage ins Forum stellen: Wie ich relativ kostenneutral an eine akzeptable Aufnahme des SWV 501 kommen könnte. Wie bekannt, dass Klaglied auf den Tod seiner Ehefrau Magdelena.

      :( Diese zwei CDs sind mir bisschen zu teuer und ansonsten macht sich das rar:

      CD Hörprobe Nr. 14

      CD Hörprobe Nr. 9

      Der Text ist ganz nett, schön außergewöhnlich:

      »Mit dem Amphion zwar« swv 501
      Klaglied für eine Singstimme und Basso continuo, Dresden 1625
      Mit dem Amphion zwar mein Orgel und mein Harfe / Vorhin recht stimmten ein / Und akkordierten allermaßen gnau und scharfe; Aber o weh der Pein! /Verkehrt ist nu / In einem Hu / Solch Konkordanz, verstimmt sind alle Chorden, / Mein Harf ist Klag, / Mein Pfeif ist Plag, / Und heiße Tränenflut ist jetzo worden. O Magdlen, treues Weib, Eur kann ich nicht vergessen, / Euch lieb ich mehr und mehr: Eur Tod mir aus meinem Leib den roten Saft möcht pressen; / Wollt Gott, ich bei Euch wär! Nun ich bereu / Die ehlich Treu, / Damit Ihr mich als sonst kein Mensch tät lieben, / Welchs denn mein Herz / Mit größtem Schmerz, Wann ich dran denk, Nacht und Tag tut betrüben. Zwei liebste Töchterlein habt Ihr mir hinterlassen, / Daran ich alle Lust / Und Herzensfreud gehabt hab über alle Maßen, Weil ich Euch hab gewußt. / Aber wenn ich / Sie jetzt ansich, / So tut mich¹s in meim Herzen heftig kränken, / Weil an Ihn¹ beid / Euer Kontrafeit / Ich schau und an mein schweres Leid muß denken. / Nun liebste Seel, der Gott hat Euch von mir genommen, / Der Euch mir geben hat; / Unmöglich ist¹s, zu mir mögt Ihr nicht wiederkommen, / Ob ich sorg früh und spat. / Drum wie Gott will, / Halt ich ihm still, Solang noch währt mein hochbetrübtes Leben, Und ob noch wär / Mein Kreuz so schwer, Mit Hiob will ich doch Gott Ehre geben. Gott Euren Schöpfer Ihr im Himmel tut anschauen, / Achtet nicht mehr der Welt; Ich aber muß allein auf Erd das Elend bauen, Bis es meim Gott gefällt, / Daß der Tod kömmt, Mich auch hinnimmt, / So will ich mich zu Euch lassen verscharren, / Da wolln wir dann beide zusammn, / Bis uns Christus erwecken wird, verharren. Alsdenn wolln wir zugleich aus unserm Gräbern gehen / Zu ewign Freude ein, / Auch selbst in unserm Fleisch einander wiedersehen: / Da soll denn nicht mehr sein / Mein Harf ein Klag, Mein Pfeif ein Plag, / Sondern mit hellem Schall solln sie erklingen, / Und wolln wir beid In ewigr Freud / Gott Vater, Sohn und heiligm Geist lobsingen.
    • Heinrich Schütz erlebte nicht nur die verheerende Pest, sondern auch die schlimmsten Auswirkungen des Krieges. Der Dreißigjährige Krieg fiel mit den tatkräftigsten und schöpferischsten Jahren seines Lebens zusammen und bedeutete für ihn fortwährende seelische Erschütterung, inmitten der sozialen und wirtschaftlichen Verwüstung. Zudem schwierige Arbeitsbedingungen, die ihm oft jegliche Möglichkeit nahm, über eine ausreichende Zahl von Sängern und Instrumenten zur Ausführung seiner Werke zu verfügen.

      In der Auswahl der Texte ließ sich Schütz stark vom Kalvinismus beeinflussen, der im damaligen Deutschland Dichtung, Drama und die geistliche Musik stark prägte. Typisch für den kalvinistischen Einfluss ist die überwiegende Vertonung von Psalmversen im Verhältnis zu Texten aus anderen Büchern des Alten Testaments. Sie gewinnen an zusätzlicher Bedeutung in Hinblick auf ihren subjektiven, flehenden Ton mit dem Schütz sich, inmitten der Verwüstung, identifizieren konnte.

      Möchte diesen Schütz - Thread nicht mit Texten sondern ehr mit Musik pflegen, daher fange ich gleich mal an:

      YouTube >>> SWV 366 - Symphoniae sacrae II >>> Text und Infos
    • RE: Heinrich Schütz – Leben und Werk

      Original von Bernfried
      Schon spät, aber ich möchte es mir nicht verkneifen noch einen Schütz - Thread zu eröffnen.

      Ich spiele jetzt mal Spielverderber und weise darauf hin, dass wir hier schon einen haben.
      Nichtsdestotrotz: Herzlich Willkommen! :hello
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • RE: Heinrich Schütz – Leben und Werk

      Original von Cetay
      Original von Bernfried
      Schon spät, aber ich möchte es mir nicht verkneifen noch einen Schütz - Thread zu eröffnen.

      Ich spiele jetzt mal Spielverderber und weise darauf hin, dass wir hier schon einen haben.
      Nichtsdestotrotz: Herzlich Willkommen! :hello



      Hei,

      das hab ich schon gesichtet, allerdings möchte ich hier Musik von Schütz verlinken und weniger diskutieren. Wir haben nun also, sozusagen, einen Diskussions- und einen Vorführthread. :) Eine Interpretation der Musikalischen Exequien SWV 279 bei last.fm möchte ich auch gleich mal vorstellen.

      Hier das SWV 279 - Text und Info, ihr kennt das ja, rechts oben auf den weißen Pfeil klicken und hier die ganze CD.
    • Ihr könnt übrigens nicht nur die Bild sondern auch die Tonqualität bei YouTube etwas verbessern wenn ihr neben dem Lautsprechersymbol auf 480p schaltet.

      Ich sag mal: Für einen Hifi - Enthusiasten mag es ja sowieso das pure Grausen sein, aber für kost nix ist das schon ganz gut. :rofl

      Außerdem möchten wir ja nach der Anfütterung emsig CDs kaufen und die Musica fördern. Also, alles harmonisch in bester Ordnung.
    • Original von Tranquillo
      vielen Dank für diese sehr persönlichen Anmerkungen. Ich kann aus Deinen Beiträgen jetzt ganz gut nachvollziehen, warum Du keinen Zugang zu den geistlichen Werken von Schütz findest. Aber auch sein einziges erhalten gebliebenes weltliches Werk, die "Italienischen Madrigale", hat seinen Reiz.


      Hallo Tranquillo!

      Bin scheinbar in euren Thread verschoben worden, aber egal. Möchte dich auf eine CD mit deutschsprachigen weltlichen Werken von Schütz aufmerksam machen. Eigentlich bin ich gerade dabei was anderes vom Schütz hochzuladen, aber ich kann die verflixte SWV Nummer nicht richtig zuordnen. Also such ich mal eben die CD, die ich übrigens auch habe. Hier, ist sie auch schon.

      Daraus hatte ich jüngst mal zwei Madrigale (Fragmente) hochgeladen.

      YouTube >>> Madrigale SWV 438 + 96

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Bernfried ()

    • Es wurde mir schon nachgesagt ich hätte einen exzentrischen Musikgeschmack. Keiner will mit mir Musik hören. :(

      Die etwas düstere Melancholie die Schütz umgibt im Kontext zur Zeit in der er lebte sind aber eine echte Inspiration. Alte teutsche Musica find ich sehr erquickend. Na egal, dass sie nicht so ganz zeitgeistkonform ist. Hab ja sowieso ein Faible für diese Zeit. Wenn ich so denke, als ich neulich in Hannoversch - Münden war und in der Altstadt streunte. Da war ich ganz happy, weil dem Schütz mental echt näher. :)

      Ihr könnt mich steinigen, aber ich glaub das ist das SWV 461. (Etwas unsichere Datenlage.)

      YouTube >>> SWV 461
    • Mal wieder Zeit für etwas Musica vom Schütz. :down

      SWV 200

      Man möge mir den Frevel verzeigen, aber Anfang und Ende hab ich abgeschnitten, wegen der Zeitbeschränkung bei YouTube.

      Ensemble Weser-Renaissance Bremen musiziert.


      2. Zerschlagen ist mein traurigs Herz,
      Verdorrt wie Gras auf dürrer Heid,
      Daß ich vergeß für großem Schmerz,
      Mein Brot zu essen in dem Leid,
      An meinem Fleisch klebt mein Gebein,
      Für Heulen und für Seufzen schwer,
      Ich muß wie eine Rohrdommel sein,
      Die in der Wüsten streicht umher.

      3. Gleichwie ein Kützlein schreit des Nachts,
      Das in verstörten Städten wohnt,
      Also mein Herz ist immer wach,
      Kein Schlaf in meine Augen kommt,
      Gleichwie ein Vogel auf dem Dach
      Ganz traurig sitzt in Einsamkeit,
      Also muß ich täglich in Schmach
      Zubringen mein betrübte Zeit.

      4. Ich bin der Feinde Hohn und Spott,
      Bei meinem Elend schwörn sie frisch,
      Denn ich wie Aschen eß mein Brot,
      Mit Weinen ich mein Trank vermisch,
      Das macht, o Gott, dein Zorn und Grimm,
      Der du zu Ehren mich erhöhst
      Und doch so bald mit Ungestüm
      Und großem Leid zu Boden stößt.

      5. Gleichwie ein Schatten sind dahin
      All meine Tag elendiglich,
      Wie Gras sie gar verdorret sind,
      Doch bleibest du, Gott, ewiglich,
      Herr, mach dich auf, in Gnad bereit,
      Und über Zion dich erbarm,
      Die Stund ist da und rechte Zeit,
      Daß du mir hilfst durch deinen Arm.

      6. Das ist der Wunsch der Knechte dein,
      Daß Zion doch gebauet wär,
      Bereitet für die heilig Gmein,
      Auf daß erschein des Herren Ehr,
      Die Heiden fürchten deinen Nam,
      Auch alle König hier auf Erd
      In deinem Ehrendienste stahn,
      Darum Zion erbauet werd.

      7. Herr, laß erscheinen deine Ehr,
      Und nimm doch die Verlassnen auf,
      Zu ihrer Bitt in Gnad dich kehr,
      Verschmäh nicht der Elenden Hauf,
      Daß man predig künftiger Zeit
      Denen, die dein Volk worden sein,
      Wie groß sei dein Barmherzigkeit,
      Und all Welt lob den Namen dein.

      8. Der Herr schauet vom Gnadenthron,
      Er sieht vom Himmel auf die erd
      Und nimmt sich der Gefangnen an,
      Daß ihr Seufzen erhöret werd,
      Des Todes Kinder macht er frei
      Und läßt im Schwang die Predigt gehn,
      Des Herren Name steht uns bei,
      Sein Lob ist zu Jerusalem.

      9. Die Völker kommen all herzu,
      Die Königreich beisammen sind,
      Zu gehen in des Herren Ruh,
      Da man in reiner Furcht ihm dient,
      Der Herr sehr meine Kräfte schwächt,
      Verkürzt mir auch die Tage mein,
      Ich sprech: mein Gott, nimm mich nicht weg,
      Eh ich empfind die Gnade dein.

      10. Für und für währen deine Jahr,
      Du hast vorhin die Erd gegründt,
      Die Himmel und der Sternen Schar
      Allsamt deiner Hände Werke sind,
      Sie all vergehn, allein du bleibst,
      Machst sie zunicht durch deine Hand,
      Gleich wie zuletzt ein Kleid zerreißt,
      Oder veraltet ein Gewand.
    • Das Sterben, der Tod, ist allgegenwärtig, wenn er sich nicht versteckt. Ich höre geistliche Musik aus ästhetischen Gründen. Abgesehen davon meine ich einen Zusammenhang bei der Vermeidung einer Sterbekultur und der Geringschätzung von geistlicher Musik erkennen zu können. Die Realität, wie auch bei mir in der Verwandtschaft zu erfahren ist, sieht aber doch so aus das Menschen in einem Prozess sterben der allen Beteiligten emotional sehr tiefgreifende Erfahrungen aufbürdet. Der Tod ist brutal und nicht harmonisch wie die geistliche Musik und doch überschneiden sich beide auf eine tröstende Weise. Denn Hoffnung ist das was bleibt während alles darum zerbricht und wo diese nicht ist da bleibt nur Angst neben den Schmerzen des Zerfalls. Es ist bedauerlich wenn diese schöne Musik aufgrund ihrer Texte weggestoßen wird und Leute so in Unfrieden mit ihrer Vergänglichkeit leben.