DVD - Oper aus der Flimmerkiste

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Puccini, Tosca (Zürich 2009)

      Giacomo PUCCINI, TOSCA

      Tosca ...............Emila Magee
      Cavaradossi ...... Jonas Kaufmann
      Scarpia ............. Thomas Hampson
      Angelotti .......... Valeriy Murga
      Sacristano ......... Giuseppe Scorsin

      Chor und Orchester des Opernhauses Zürich unter Paolo Carignani

      Regie: Robert Carsen


      Sehnsüchtig wartete ich auf die DVD dieser Züricher "Tosca", die ich zweimal live sehen durfte und mich rundum begeistert hatte. Nun endlich ist es so weit und ich war gespannt, ob sich mein so positiver Live-Eindruck bestätigen würde.
      Überwiegend ja, aber ich muss gestehen, dass das Bühnenbild auf der DVD nicht ganz so überzeugend wirkt wie in der Oper, was auch an der diesmal überraschend konventionellen Bildregie von Felix Breisach liegen mag, der schon so oft mit spektakulären Kameraeinstellungen eine schwache Inszenierung aufgewertet hat. Diesmal ist es eher umgekehrt, aber das bemerkt gottlob nur jemand, der auch die Aufführung gesehen hat.

      Was mich an Carsens Regie nach wie vor verblüfft, ist seine apolitische Herangehensweise an "Tosca", denn nach seiner so hochpoltisch
      orientierten Züricher Lucia dachte ich natürlich, er würde diesen
      Aspekt in einer Oper, wo dies doch weit naheliegender ist, ebenfalls
      ins Zentrum seiner Regiearbeit stellen. Aber weit gefehlt, der
      historische Hintergrund interessiert Carsen ebenso wenig wie eine
      konkrete Diktaturkritik, ihm geht es diesmal um das Theater im Sinne
      von Schnitzlers "Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug." Das heißt,
      für Carsen ist Tosca in erster Linie die große Diva, erst in zweiter
      die liebende Frau, und für die Legitimation dieser Sicht gibt es im
      Libretto genügend Belegstellen.
      Daher zeigt auch das Bühnenbild nicht die üblichen Schauplätze (Kirche,
      Palazzo Farnese, Engelsburg), sondern die drei "Aspekte" eines
      Theaters: Zuschauerraum, Hinterbühne, Bühne, wobei Ausstatter Anthony
      Ward eine sehr einfache, aber raffinierte Lösung gefunden hat, mit
      praktisch einem einzigen Bühnenbild auszukommen, das nur geringfügig
      modifiziert wird. Die Spielfläche wird von einem rechtwinkeligen
      Dreieck gebildet, dessen Basis die Abgrenzung zum Orchestergraben ist.
      Die linke, kürzere Seite besteht aus einer Mauer, die im ersten Akt als
      Hintergrund für ein beinahe fertig gestelltes Fresko - die HL.
      Maddalena - dient, die rechte, lange wird von einem Vorhang begrenzt,
      der entweder die imaginäre Bühne (im 1. und 2. Akt) oder den imaginären Zuschauerraum (im 3. Akt) verhüllt. Im Scheitelpunkt des Dreiecks ragen zwei mächtige, golden kannellierte Säulen auf hohem Sockel bis in den Schnürboden hinauf.

      Im 1. Akt ist der Vohang aus rotem Samt mit Goldbordüren, davor stehen ebenfalls rot gepolsterte Stühle in einer Anordnung, die unschwer den Ort als Zuschauerraum eines Theaters definieren. Ein hohes Gerüst stehtvor dem Fresko, darunter führt eine kleine Türe in ein Nebengemach -die "Kapelle", in welcher Angelotti verschwindet, nachdem er den Schlüssel auf dem Sockel des Säulenpaares gefunden hat. Die Zuschauerder letzten Vorstellung haben allerhand Müll hinterlassen, u.a. auch Programmhefte, die ebenso wie die der echten Aufführung das Bild Toscas auf dem Titelblatt zeigen. Der Sagrestano, hier logischerweise einTheaterdiener, beseitigt schimpfend das Chaos, rückt Sessel gerade und lässt das Publikum nicht im Unklaren darüber, was er von seinem Job hält. Beim "Angelus domini" ist er nicht so ganz bei der Sache, denn erhält dabei ein Programmheft in Händen und scheint die schöne Diva mit recht unfrommen Gedanken zu betrachten. Daher mischt sich in des Sagrestano Abscheu vor dem Freidenker Cavaradossi ein gehöriger Schuss Eifersucht, weil der besitzt, was er wohl auch gern hätte, nämlich Herz und Körper der vergötterten Sängerin. Giuseppe Scorsin macht aus dieser kleinen Rolle eine gelungene Charakterstudie, die sich mit vielen feinen Details einprägt.

      Jonas Kaufmann, mit Jeans und weißem, locker über die Hose hängendem Hemd, beides mit Farbspritzern verunziert, ist ein
      Bilderbuchcavaradossi und bewegt sich auf der Bühne mit einer
      Natürlichkeit, die mich immer aufs Neue begeistert. Nie ertappt man ihn
      bei einer pathetischen, falschen Geste, der Dirigent scheint für ihn
      nicht zu existieren, denn kaum einmal schaut er bewusst in diese
      Richtung, und trotzdem verpasst er keinen Einsatz. Wie ein großer Junge wirkt dieser Cavaradossi, unbeschwert, verspielt und natürlich seeeehr verliebt in seine Floria, deren Eitelkeit und Hang zur
      Selbstdarstellung er zwar erkennt, aber als liebenswerte Schwäche
      betrachtet. Mit Politik hat der Maler in Carsens Lesart nicht viel am
      Hut, er hasst Scarpia nicht so sehr wegen seiner politischen Funktion,
      sondern weil er ihn als Mensch verabscheut - noch nie hörte ich so viel
      Verachtung beim "Bigotto satiro".

      Dann tritt Tosca auf, und sie tut es bei Carsen in doppeltem Sinn, denn
      in (fast) allem was sie macht und sagt, ist sie die große, vergötterte
      Diva, die nie auf ihre Außenwirkung vergisst. Selbst in den intimen
      Momenten der Zweisamkeit kann sie ihre Rolle nicht ganz ablegen, und so tritt sie während des "Non la sospiri la nostra cassetta" vor an die
      Rampe, als stünde sie auf der Bühne und berauscht sich an der Kunst
      ihres Vortrags. Belustigt und nachsichtig lächelnd verfolgt Cavaradossi
      diesen "Auftritt" seiner Geliebten. Ist Toscas rasende Eifersucht echt
      oder gespielt? Man weiß es nicht so genau, und exakt dieser
      Schwebezustand zwischen Spiel und Realität ist es, das diese
      Inszenierung so spannend macht. Für Tosca ist die ganze Welt ihre
      Bühne, alle Menschen ihr Publikum, dessen Bewunderung sie um jeden
      Preis erringen will, selbst wenn es sich um Scarpia handelt, den sie
      als Charakter natürlich durchschaut und verabscheut. Trotzdem fühlt sie
      sich durch sein Interesse an ihr geschmeichelt, und als beinahe
      instinktive Reaktion auf sein Auftauchen im Theater (Kirche) zückt sie
      ihre Puderdose und korrigiert ihr Makeup, ihn dabei verstohlen im
      Spiegel betrachtend.

      Schon im 1. Akt erkennt man, was im 2. dann natürlich offensichtlich
      ist, dass hier zwei starke Persönlichkeiten aufeinandertreffen und die
      Herausforderung des jeweils anderen nicht nur annehmen, sondern in
      einer gewissen Weise auch genießen. Und wieder "spielt" Tosca ihr
      Spiel, denn eben rast sie noch vor Eifersucht, um im nächsten Moment
      huldvoll lächelnd zwei Bewunderern ihre Programmhefte zu signieren,
      bevor sie, ganz im Stil der großen Diva, abrauscht.

      Während Scarpia sein "Va Tosca...." anstimmt, füllt sich der Raum mit
      Zuschauern, die von Billeteuren auf ihre Plätze gewiesen werden, und am Ende des Tedeums hebt sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf eine im goldenen Strahlenkranz thronende Tosca (Madonna), zwei goldene Posaunenengel schweben über ihr und kirchliche Würdenträger beugen ehrerbietig Köpfe und Knie - die Kirche als farbenprächtige
      Inszenierung, die jedes Theaterstück in den Schatten stellt!

      Der 2. Akt spielt auf der Hinterbühne, statt des Vorhangs erblickt man
      eine graue Stahlwand mit der Aufschrift "Vietato fumare!", wo im ersten
      Akt das Fresko hing, lehnt nun ein überdimensionales Poster von Tosca.
      Ein prächtiger Barocktisch mit passendem Stuhl - ein Requisit, wie es
      in jedem Theater zu finden ist - und links vorne einige achtlos
      deponierte Scheinwerfer charakterisieren die Lokalität. Scarpia
      betrachtet rauchend das Bild mit dem Ziel seiner Begierde. (Naja, auch
      ohne diesen flachen Gag wüsste man: "Für diesen Mann gelten weder
      Gesetze noch Verbote!", aber bitte...) Dann öffnet er eine Reihe von
      Briefen, und mit diesem Brieföffner wird er später ermordet werden.
      Cavaradossi ist so irritiert vom Bild Toscas in Scarpias Gemach, dass
      er zunächst wie geistesabwesend auf die Fragen antwortet, dann aber
      umso wütender wird, besonders, als seine Floria nun auch ad personam
      auftaucht. Sie rauscht herein, wieder ganz große Diva, im Arm einen
      Strauß roter Rosen, und scheint kein bisschen pikiert über die
      Einladung des Polizeichefs. Das ist sie erst, als sie ihren Geliebten
      vorfindet.... Nach dessen unfreiwilligem Abgang beginnt ein Verbalduell
      zwischen Tosca und Scarpia, das an Spannung nichts zu wünschen übrig
      lässt. Es sind zwei ebenbürtige Partner, die einander nichts schenken,
      und bei Tosca verhärtet sich der Verdacht, dass sie wieder einmal
      Realität und Bühne verwechselt. Das empfindet offensichtlich auch
      Scarpia so, denn bei den Worten "Mai Tosca alla scena piu tragica fu!"
      wirft er ihr höhnisch lachend das Programmheft mit ihrem Coverfoto vor
      die Füße. (Es lag auf seinem Schreibtisch) Dann zerfetzt er mit dem
      Brieföffner Toscas Bild an der Wand und wirft ihn achtlos auf den Boden.

      Selbst der halb bewusstlose Cavaradossi erschrickt über die sichtbaren
      Spuren dieser Raserei. Als er aber Toscas Verrat erkennt, wirft er den
      Rahmen mit dem zerstörten Bild auf den Boden.

      Tosca erwacht nun kurz aus ihrer Theaterscheinwelt und erkennt, dass
      dies alles kein Spiel mehr ist, dass es nicht mehr um Bewunderung und
      Ruhm, sondern um das nackte Leben und ihre Ehre geht. Carsen
      verdeutlicht dies auf berührende Art und Weise, indem er Tosca ihr
      "Vissi d'arte" beinahe im Dunklen beginnen lässt, während der
      Scheinwerfer auf Scarpia ruht, der höhnisch lächelnd an der nun nackten
      Ziegelwand lehnt. Sie ist nun nicht mehr die große Diva, sondern nur
      mehr Frau und Liebende, schutzlos und verletzlich. Allerdings dauert
      diese Phase der Reduktion auf den Menschen Floria Tosca nur kurz, denn im Laufe der Arie gewinnt sie immer mehr an Selbstsicherheit und bei "e diedi il canto agli astri" ist sie wieder ganz die berühmte Tosca,
      die mit theatralisch erhobenen Armen - und auch wieder im vollen
      Scheinwerferlicht - auf den Applaus des Publikums wartet. Dieser
      erfolgt natürlich reichlich, und als es im Zuschauerraum wieder still
      ist, applaudiert Scarpia, langsam, begleitet von hämischem Grinsen. Das
      ist eine der Momente dieser Inszenierung, die wirklich Gänsehaut
      erzeugt.

      Als dann der "Deal" geschlossen ist, benimmt sich Tosca keinesfalls wie
      ein Opferlamm, sondern will Scarpia diesen Triumph, sie erniedrigt und
      womöglich panisch zu sehen, auf keinen Fall gönnen. Im Gegenteil,
      während er den Geleitbrief schreibt, tritt sie an seinen Tisch und legt
      langsam, beinahe ein wenig lasziv, ihre Ohrringe ab und zieht die
      langen Handschuhe aus. Scarpia beobachtet sie dabei mit einem Blick,
      der alleine Thomas Hampson schon den Schauspieloscar sichern würde, und löst mit saradanischem Grinsen seine Fliege (Dieser Polizeichef trägt
      natürlich Anzug und Gilet.) Hastig schreibt er weiter, während Tosca
      ihr Kleid ablegt. Dabei fällt ihr Blick auf den noch immer am Boden
      liegenden Brieföffner. Herausfordernd legt sie sich auf ihr zerfetztes
      Bild und stößt ihn Scarpia, der sich mit dem "Finalmente mia!" auf sie
      stürzt, ins Herz, rollt ihn von sich herunter, kniet sich auf ihn und
      singt ein "Muori!!", das einem durch Mark und Bein geht. Dafür klingt
      das "Davanti a lui tremava tutta Roma! beinahe ein wenig spöttisch. Der
      tote Scarpia wird nicht wie üblich mit Kreuz und Kandelaber aufgebahrt,
      Tosca legt ihm das Programmheft mit ihrem Bild, das er ihr zuvor vor
      die Füße geworfen hat, auf die Brust, gemeinsam mit einer Rose, die sie
      aus ihrem Strauß zupft. Sie rennt auch keineswegs panisch davon, zieht
      sich in aller Ruhe an, vergisst auch besagten Rosenstrauß nicht und
      verlässt den Raum, wie sie ihn betreten hat: Im Stil einer großen Diva.

      Im 3. Akt befinden wir uns nun auf der völlig leeren Bühne, deren
      Vorhang (die graue Rückseite) zugleich mit dem echten hoch geht.
      Cavaradossi steht mit dem Rücken zum Publikum und blickt in den
      imaginären Zuschauerraum, der als große Dunkelheit vor ihm liegt.
      Während der Hirtenknabe sein Lied singt, sinkt er langsam in die Knie und krümmt sich am Bühnenboden. Dann kommt das einzige Element dieser Inszenierung, das ich nicht verstehe: Anstatt des Briefes an Tosca malt Cavaradossi mit Kreide ein riesiges Auge an die Ziegelmauer.
      (Bezugnehmend auf die Occhi neri?????) Sonst passiert nichts
      Spektakuläres in diesem Akt, sieht man vom wieder äußerst intensiven
      Spiel von Jonas Kaufmann und Emily Magee ab. Und wie stirbt Tosca bei
      Robert Carsen? Wie sie gelebt hat, als große Diva! Feierlich schreitet
      sie vor an die Rampe (die Verfolger treten nicht in Erscheinung, man
      hört sie nur aus dem Off), im Lichtkegel auf der ansonsten völlig
      finsteren Bühne, und springt in den imaginären Zuschauerraum.

      Wenn sich dann der Vorhang zum ersten Mal zum Schlussapplaus öffnet,
      steht Tosca alleine im Rampenlicht, zwei riesige Rosensträuße im Arm,
      und spielt noch einmal die große Diva, bevor die "richtigen" Vorhänge
      beginnen.

      Fans des extremen Regietheaters werden dieser Inszenierung nicht allzu
      viel abgewinnen können, denn eine spektakuläre Neudeutung nimmt Robert Carsen auf keinen Fall vor. Er konzentriert sich auf die
      Personenführung und setzt auf das intensive Spiel seiner Protagonisten,
      und diese Rechnung geht mit Emily Magee, Jonas Kaufmann und Thomas Hampson 100%ig auf.
      Aber schauspielerisch gebührt allen Sängern eine Auszeichnung,
      selbst kleinen und kleinsten Rollen verleiht Carsen ein
      unverwechselbares Profil.

      Emily Magee wirkt leider auf der DVD (Nahaufnahmen können grausam sein...) wesentlich "reifer" als aus der sicheren Entfernung des Zuschauerraumes, und ihre von Carsen bewusste Stilisierung zur großen Diva manchmal zu übertrieben. Aber mit ihrem runden, warmen Sopran, der auch in den Höhenlagen nie unangenehm klingt, kann sie voll punkten.
      Jonas Kaufmann ist sowohl stimmlich wie auch schauspielerisch für den Cavaradossi prädestiniert und für mich endlich ein würdiger
      Aragallnachfolger, auf den ich bis zum 27. April vergeblich gewartet
      habe. Wie der Spanier verfügt sein Tenor einerseits über die
      Durchschlagskraft, ein fulminantes, endlos gehaltenes "Vittoria!" zu
      schmettern, bei dem der Kronleuchter klirrt, andererseits über genügend Atem, die typischen "Puccinibögen" schwelgerisch und auf einer bruchlosen Linie auszusingen und vor allem über eine perfekte
      Pianokultur. So innig, schwebend und dennoch körperhaft kamen die
      "Dolci mani" bisher eben nur von Aragall.

      Thomas Hampson gab sein Debut als Scarpia und überraschte mich dabei positiv. Dass er schauspielerisch einen herrlich fiesen Polizeichef abgeben würde, hatte ich vorausgesetzt, bei seinen letzten Auftritten in Wien hatte er mich stimmlich aber ziemlich enttäuscht. Hier nun klingt er ausgeruht, sein warmer, eher hell timbrierte Bariton wartet mit mehr Farbnuancen auf als zuletzt, doch ist leider nicht überhören, dass Thomas Hampson den stimmlichen Zenit wohl überschritten hat. Die souveräne, strahlende Höhe von einst ist dahin, und leider versucht der Sänger dies mit Lautstärke zu kompensieren, was man beim Scarpia aber als rollendeckend durchgehen lassen kann. Paolo Carignani war sehr kurzfristig für Christoph von Dohnany
      eingesprungen, der nach Differenzen mit dem Ensemble wenige Tage vor der PR das Handtuch geworfen hatte. Er hatte also kaum Zeit, das
      Orchester, das die ganze Zeit mit Dohnany geprobt hatte, auf seine
      Lesart einzustellen. Ich habe an seinem Dirigat eigentlich nichts
      auszusetzen, außer vielleicht, das er speziell im 3. Akt etwas langsam unterwegs ist. Da Jonas Kaufmann über einen langen Atem
      verfügt, macht sich das nicht negativ bemerkbar. Dankbar bin ich
      Carignani, dass er nach ""E lucevan le stelle" nicht die übliche
      Klatschpause macht, sondern zügig weiter dirigiert, sodass der
      Spannungsbogen nicht verloren geht.

      Insgesamt kann ich sagen, dass sich das Warten auf diese DVD gelohnt hat - für Kaufmann- und Hampsonfans ist sie auf jeden Fall ein Muss!

      lg Severina :hello

      PS: Tut mir Leid, dass der Zeilenumbruch so merkwürdig ist, ich spiele mich schon Ewigkeiten herum, aber es wird nicht besser.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Severina ()

    • Hallo Severina!
      Danke für diese Schilderung einer ja wohl doch recht spannenden "Tosca". Die Idee die Handlung in ein Theater zu verlegen finde ich gar nicht dumm. Ich glaube, daß Tosca eine Person ist mit der ich vermutlich nicht besonders gut auskäme: sie kreist m.E. doch sehr um sich selbst, ihre Kunst, ihren Erfolg. Sie sagt es ja im Gebet auch ziemlich naiv: "Ich habe doch niemals etwas Böses getan, warum bestrafst du mich so schwer?" Die politischen Zustände in ihrem Land interessieren sie erst und nur als und soweit sie sie selbst betreffen. Sie singt auf Siegesfeiern für die sie gebucht wird, egal wer da nun gerade welchen Waffengang gewonnen hat. Ich glaube nicht, daß sie mit Cavaradossi jemals über seine politischen Ansichten gesprochen hat.
      Ich fand schon immer, daß Scarpia ihr dunkler Spiegel ist: er ist ebenso rücksichtslos und Ich-bezogen wie sie, zieht sein Ding nur noch ein ganzes Stück konsequenter und egoistischer durch als sie weil seine Charaktereigenschaften nicht durch die Liebe zu einem anderen Menschen gemildert werden wie bei Tosca. Ich glaube, was Tosca an ihm entsetzt ist gar nicht mal so sehr das unmoralische Angebot. Ehrlich gesagt denke ich, daß sie mit der erzwungenen Nacht halbwegs klarkäme. Sie ist, im Original, eine ehrgeizige Künstlerin Anno 1800, damals war in vielen Fällen eine gewisse "Protektion" für solche Frauen nicht unüblich und es wäre vermutlich nicht das erstemal daß sie einen solchen Deal eingeht. Was sie nicht ertragen kann ist m.E. daß ihr klar wird, wie ähnlich sie Scarpia im Grunde genommen ist. Ich finde, die beiden sind wie zwei Gestirne die sich immer wieder gegendeitig anziehen und abstoßen. Man stelle sich nur ganz vor, aus ihnen würde tatsächlich ein Paar...ein Paar, daß nicht durch Liebe sondern durch Macht und Faszination zueinander findet.
      Wenn Hampson seinen stimmlichen Zenit hinter sich hat, ist es dann wirklich klug, Scarpia zu singen? Daß er das darstellerisch hinkriegt glaube ich sofort und unbesehen, aber etwas Bammel habe ich ja nun schon, daß er sich damit Schaden zufügt. Auch Terfel (für mich ein ganz, ganz großartiger Baron!) sagen ja manche nach, daß ihm der Polizeichef stimmlich nicht gut getan habe.
      Mit Kaufmann kann ich mich aus Gründen die ich selbst nicht verstehe nicht immer anfreunden, aber was auch immer ioch von ihm halte: Eyecandy ist er defintiv. :ignore :D :times10
      Ah, music! A magic beyond all we do here...
      (Albus Dumbledore)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Solitaire ()

    • Liebe Mina,

      da denken wir ganz ähnlich, und in dieser Inszenierung kommt das auch sehr gut heraus. Es gibt einen ganz spannenden Moment, wenn im 2. Akt Scarpia Tosca einmal an sich reißt und man einen winzigen Moment lang glaubt, sie würde seine Umarmung erwidern. Da spürt man beinahe so etwas wie eine Hin-zu-ihm-Bewegung, eine unglaubliche Spannung liegt zwischen den beiden, und gerade wenn die Zuschauer glauben "Jetzt!", stößt sie ihn doch zurück.
      Dazu passt auch gut, dass Jonas Kaufmann auf der DVD (live war das nicht so deutlich) jünger wirkt als Tosca, eine gewisse Naivität ausstrahlt und eindeutig der Schwächste in diesem Beziehungsdreieck ist. Er glaubt noch an die große Liebe, während Tosca das schon viel pragmatischer sieht, mehr Lebenserfahrung besitzt. Normalerweise verhalten sich die Toscas nach dem Einverständnis zu dem Deal mit Scarpia doch verzweifelt, panisch, reflektieren das Grauen vor dem, was ihnen jetzt gleich bevorsteht, nicht jedoch diese Tosca. Die streift derart lasziv die Handschuhe ab, wirft Scarpia, der vor ihr am Schreibtisch sitzt und den Passierschein ausstellt, einen derart herausfordernden Blick zu, als wolle sie ihn nun erst so richtig heiß machen. Da ist nichts von der unterlegenen Frau, sie ist kein Opferlamm, sondern immer noch im Spiel. Schon bei ihrem Auftritt zu Beginn des 2. Aktes zeigt Tosca keine Spur von Abneigung gegen Scarpias Einladung, dass der mächtigste Mann Roms sie, die große Diva, zum Souper bittet, scheint für sie die normalste Sache der Welt zu sein. Wofür der Polizeichef politisch steht, interessiert sie nicht, sie lebt bekanntlich nur für die Kunst.
      Allerdings handelt bei Carsen auch Cavaradossi nicht politisch motiviert, er verabscheut Scarpia aus rein menschlichen Gründen. Auch der Maler lebt mehr im Elfenbeinturm der Kunst und im 7. Himmel der Liebe als in der politischen Realität.

      Ich denke mal, auf dieser DVD würde Dir Kaufmann gefallen. (Als Cavaradossi muss er auch nicht gegen caro Rolando antreten, was die Sache erleichtert :wink)

      lg Sevi :hello
    • Bellini, LA SONNAMBULA (MET 2009)

      Vincenzo Bellini, LA SONNAMBULA

      Amina - Natalie Dessay
      Elvino - Juan Diego Flórez
      Conte Rodolfo - Michele Pertusi
      Lisa - Jennifer Black
      Teresa - Jane Bunnell
      Alessio - Jeremy Galyon

      Dirigent - Evelino Pidò
      Regie: Mary Zimmermann


      Auch auf diese DVD habe ich sehnsüchtig gewartet, in der Hoffnung, dass man die tontechnischen Mängel bei der Kinoübertragung inzwischen behoben hat, und tatsächlich klingen die Passagen, bei denen man ursprünglich den Eindruck hatte, sie wären ein bisschen übersteuert, nun tadellos.

      Das Inszenierungskonzept von Mary Zimmermann dürfte inzwischen allgemein bekannt sein: eine Operntruppe probt Bellinis "Sonnambula", wobei die private Liebesgeschichte zwischen Primadonna und Startenor sich immer wieder mit der Spielebene vermengt. Nun ist das natürlich alles andere als originell, und normalerweise reagiere ich auf dergleichen mit einem entnervten "Nicht schon wieder!", aber ich muss gestehen, dass es gerade bei diesem Libretto, das dem Publikum ja allerhand abverlangt punkto Plausibilität, den Plot um einiges erträglicher macht.
      Denn besonders der 1. Akt, wo in der Regel nur schön gesungen wird und den meisten Regisseuren nicht mehr einfällt, als wer wo zu stehen hat, entwickelt in dieser Inszenierung einen ungewohnten Drive, sprüht nahezu vor Lebendigkeit und auch Humor.
      Wir befinden uns in einem Probenraum, hinter hohen, bis zum Boden reichenden Fenstern zeichnen sich die Fassaden der Häuser auf der anderen Straßenseite ab, ein großer Ventilator in dieser Außenwand sorgt für Frischluft. Der Eingang liegt links auf einer erhöhten Estrade, ein Treppe führt herunter und gestattet den Stars der Truppe ihre akklamierten Auftritte.
      Am Anfang herrscht hektisches Treiben vor Probenbeginn, jeder ist noch mit irgendwelchen Arbeiten beschäftigt, Noten werden verteilt, Requisiten herbeigeschafft, Amina lässt eher genervt letzte Kostümproben über sich ergehen und hat Mühe, ein passendes Paar Schuhe zu finden. Ich finde diesen Beginn wirklich genial, weil damit der normalerweise statisch agierende Chor in ein zwar hektisch herumwuselndes, aber mimisch und gestisch sich völlig natürlich gebärdendes Künstlervölkchen übergeführt wird. Und besonders hier sind Mary Zimmermann viele witzige Details eingefallen, die zum Schmunzeln anregen. Vor allem verleiht sie jedem Choristen ein eigenständiges Profil, jeder ist voll in das Spiel integriert. Köstlich auch die eifersüchtigen Blicke, die Lisa - hier eine Art Regieassistentin - auf ihre Rivalin abschleudert, wobei man den Eindruck gewinnt, dass sie ihr nicht nur Elvino, sondern auch ihre Starposition neidet. Wenn sie Amina abschätzig beobachtet, die gerade bei der Schuhanprobe herumzickt und zwischendurch hektisch am Handy telefoniert, könnte man ihren Gesichtsausdruck so ein bisschen in die Richtung interpretieren: "Ich wäre genauso gut wie die, aber ich leg mich halt nicht vor jedem Produzenten flach!" Denn dass sie Amina für ein raffiniertes Luder hält, macht sie schon in dieser ersten Szene deutlich.
      Geschickt mischt Mary Zimmermann hier die zwei Spielebenen - die Probe der Oper "La Sonnambula" und die "reale" Liebesgeschichte zwischen Amina und Elvino, und in den ersten Szenen geht das wirklich perfekt auf. Später leider nicht mehr so ganz.
      Elvino, ein lässiger Typ in Jeans und Lederjacke, auf den nicht nur die Sopranistin steht, wie die allseits enthusiastischen Reaktionen auf sein verspätetes Erscheinen zeigen, verrät durch einige wenige intime Gesten, wie er in Wahrheit zu seiner Partnerin steht. Das alles kommt völlig natürlich und selbstverständlich rüber, und von der ersten Sekunde an spürt man, wie es zwischen den beiden prickelt.
      Die Notarszene ist zunächst echtes Theater, aber dann unterbricht Elvino vor "Prendi l'anello ti dono" mit einer kurzen Handbewegung die Probe, scheucht die anderen ein wenig zurück und macht Amina seinen Antrag nun als Privatmann. Nun wird so mancher vielleicht einwenden, dass das doch völlig unglaubwürdig ist - wer verlobt sich während einer Probe in Anwesenheit des gesamten Ensembles, so etwas ist doch ein höchst intimer Akt. Nun ja, sicher, aber: Wenn ich bedenke, dass es auch im realen Leben passiert, dass jemand während einer Talkshow oder Unterhaltungssendung seiner Angebeteten vor einem Millionenpublikum einen Heiratsantrag macht, erscheint mir Elvinos Vorgehen nicht ganz so abwegig. Er ist ein Divo, er braucht und liebt die große Bühne, also inszeniert er auch seine eigene Liebesgeschichte quasi vor Publikum.
      Und Natalie Dessay und Juan Diego Flórez machen es absolut glaubwürdig, dass in diesem Moment des Glücks alles rund um sie versinkt.
      Klar ist es Lisa, die diese rührselige Szene rüde unterbricht und alle wieder zur Arbeit ruft. Aber für Amina und Elvino hat der Text plötzlich eine andere Bedeutung, immer wieder mischen sich "private" Zärtlichkeiten ins Spiel, was ihre Kollegen teils belustigt, teils aber auch gerührt verfolgen. Dessay&Flórez spielen das ganz reizend, man merkt einfach, dass die Chemie zwischen den beiden 100%ig stimmt.
      Auch der Conte Rodolfo tritt zunächst als Privatmann auf, als neuer Kollege, auf den alle dementsprechend gespannt reagieren, und Amina weiß sichtlich nicht so recht, was sie von seiner Anmache halten soll, sie schwankt zwischen Amüsement und Pikiertheit. Elvinos Reaktion ist allerdings von Anfang an eindeutig....

      Ich erspare Euch jetzt eine weitere detailierte Schilderung des Handlungsablaufs, denn wie ich schon erwähnte, geht in den späteren Szenen das Konzept nicht mehr so perfekt auf, fügen sich die beiden Spielebenen nicht mehr so nahtlos ineinander. Aber bei diesem Libretto geht von vornherein so manches nicht auf, sodass ich es auch der Regisseurin gerne verzeihe.
      Sehr gelungen finde ich den Schluss, als Amina zunächst auf einer Rampe kauert, die sich von der Bühne über den Orchestergraben geschoben hat, was ihre innere Verlorenheit wunderbar illustriert. Und natürlich ist Natalie Dessay genau die Singschauspielerin, die den fragilen Seelenzustand der Heldin vokal und mimisch zu Herzen gehend gestalten kann.
      Als dann Elvino seinen Irrtum eingesehen hat und Amina wieder als Braut in die Arme schließt, scheint die Bühne plötzlich zu explodieren, denn wo noch eben diffuses Licht und gedeckte Farben dominiert haben, herrscht nun kunterbunte Fröhlichkeit: Der Chor steckt in knalligen Pseudotrachten, auch Elvino und Amina werden flink welche übergezogen, alle tanzen fröhlich den schon in der ersten Szene geprobten Reigen, das Liebespaar wird auf die Schultern gehoben und alles endet somit als herrliche Persiflage auf das tatsächliche Ende der "Sonnambula", das mir mit seiner aufgesetzten Happyend-Seligkeit immer ein bisschen auf die Nerven geht. (Ich wünsche mir eigentlich immer, dass nach dem Duett der Vorhang fallen und mir das kitschige Schlusstableau erspart bleiben würde, das mich immer ein wenig aus der Stimmung reißt.) Aber hier passt es einfach, da nimmt sich eine Oper quasi selbst auf die Schaufel.

      Für mich ist Mary Zimmermann die bisher überzeugendste szenische Umsetzung der "Sonnambula" gelungen.
      Aber selbst wenn ich die Regie misslungen fände, würde ich diese DVD lieben, denn die Besetzung ist wohl nur schwer zu toppen.

      Für Natalie Dessay kam diese Produktion gerade noch rechtzeitig, denn kurze Zeit später zeigte sich bei der Aufführungsserie in Wien, dass ihre große Zeit als Amina vorbei ist. (Sie legte danach diese Rolle auch zurück.) Hier in NY meistert sie die Anforderungen der Partie beinahe mühelos, beinahe, denn am Schluss hört man ihr die Anstrengungen schon ein wenig an, da werden die Spitzentöne mit letzter Kraft herausgeschleudert und verhungern dann ein bisschen. Aber das wird durch Natalie Dessays großartige Leistung zuvor mehr als wettgemacht, wo sie scheinbar mühelos durch die Koloraturen tänzelt, herrliche Piani spinnt und in jeder Phrase die Seele mitschwingen lässt.

      Juan Diego Flórez ist ihr ein kongenialer Partner. Ich habe meiner Begeisterung über seine stimmlichen Fähigkeiten schon so oft Ausdruck verliehen, dass ich hier nicht schon wieder in Schwärmerei ausbrechen will (Ich verweise auf meine Rezensionen zu z.B. "L'Elisir" an der WSO), für mich ist er einfach der im Moment konkurrenzlose König des Belcanto. Wurde ihm früher nicht ganz zu Unrecht sterile Perfektion vorgeworfen, hat er inzwischen gelernt, die Balance zwischen technischer Brillianz und Ausdruck zu finden, kann er mit dynamischen Schattierungen eine ganze Gefühlspalette abrufen. Flórez bietet nicht nur Schöngesang, sondern beseelten Schöngesang. (So, finto, bevor es noch schmalziger wird, aber bei meinen Lieblingen gehen mir eben die Gäule durch, mi dispiace :S)
      Auch schauspielerisch, bekanntlich seine Achillesferse, kann Flórez diesmal überzeugen, besonders als cooler Lederjackentyp in der ersten Szene.

      Die Stimmen von Dessay und Flórez harmonieren ganz wunderbar miteinander, weil beide eine perfekte Pianokultur besitzen, aufeinander hören und Sopran und Tenor spätestens beim "Ah, costante nel tuo, nel tuo seno" so innig wie selten miteinander verschmelzen. Wie viel Zartheit, wie viel erotisches Prickeln allein in dieser Szene liegt!

      Aber auch der dritte im Bunde, Michele Pertusi, liefert eine erstklassige Leistung. Sein weicher, warmer Bariton ist ein echter "Gehörgangschmeichler", den er sehr nuancenreich einsetzt. Den Gewissenskonflikt, in den ihn die sich ihm schlafwandlerisch anbietende Amina stürzt, spielt er sehr überzeugend.

      Auch Jennifer Black bringt ein starke Bühnenpräsenz ein und stattet ihre Lisa mit vielen interessanten Details, auch sie speziell in der ersten Szene, aus. Stimmlich fällt sie ebenso wie Jane Bunell als Teresa ein wenig ab, aber die Latte liegt für sie auch sehr hoch.

      Bleibt noch der Dirigent der Produktion, Evelino Pidò, der gottlob nicht in die Kitschfalle tappt und einen frischen, lebendigen Bellini ertönen lässt fern aller Humtataklischees.

      Mein Fazit: Diese DVD hat schon jetzt einen Fixplatz in meiner Favoritenliste. Sie punktet mit einer wirklich anregenden Inszenierung und einem Ensemble, das zumindest in den drei Hauptpartien zur Zeit kaum zu toppen ist.

      lg Severina :hello

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Severina ()

    • Hallo Severina!
      Wenn ich gewusst hätte, daß du so sehnsüchtig auf die DVD gewartet hast...ich habe sie schon länger und auch mir hat sie sehr gut gefallen, ich habe mich hier ja auch schon dazu geäußert. Meine Eindrücke decken sich nahezu hundertprozentig mit deinen. Ich finde die Aufführung szenisch in den meisten Situationen sehr gelungen und musikalisch z.Zt. unschlagbar.
      Allerdings kenne ich auch keine traditionelle Umsetzung der Oper, habe also keine Vergleichsmöglichkeit zu einer „klassischen“ Sonnambula . Aber vielleicht muß das auch nicht unbedingt sein.

      Und wo treibt sich eigentlich die Feenkönigin rum? Urlaub?
      Ah, music! A magic beyond all we do here...
      (Albus Dumbledore)
    • Liebe Mina,
      das ist lieb, aber ich hatte schon einen Mitschnitt dieser Produktion, allerdings keinen optimalen. Da klang Flórez tatsächlich ein wenig schrill, was wohl nur an der Tonmischung gelegen haben kann.
      In Wien haben wir eine stinklangweilige "Sonnambula", die nicht einmal eine Natalie Dessay retten konnte, denn auch sie beschränkte sich weitgehend aufs Singen und Herumstehen. Flórez tut das sowieso gern, wenn ihn nicht sein Umfeld zu mehr Körpereinsatz animiert.
      lg Sevi :hello

      PS: Langsam frage ich mich auch, wo Fairy steckt. Sie hat sich zwar Anfang Juli für ca. 3 Wochen abgemeldet, aber die müssten längst um sein.
    • Liebe Mina und liebe Sevi, ich treibe mich derzeit in ganz Frankreich und Ende August dann noch in Bayern herum, bin heute seit Wochen mal wieder online und soeben aus der Auvergne zurück, wo ich zwar nicht Bellinis Sonnambula und auch nicht die Chants d'Auvergne dafür aber Auszüge aus Lakmé und Romeo und Juliette gesungen habe. Über Mary Zymermanns Inszenierung hab ich irgendwo gazn sicher berichtet- mich hat das Konzept jedenfalls aus überzeugt- es ist ja nciht eben einfach, eine Bellini Oper zu inszenieren. Ich bin meinerseits schon froh, wenn sie überhaupt gut gesungen wird und Natalie Dessay kann meintwegen auch an der Rampe rumstehen. Was ihr aber sicherlich total gegen den strich bzw die natur geht.. Heute auf einer 8-stündigen Autofahrt habe ich u.A. ihre Lakmé nochmal ganz gehört- einfach ein Traum! (auch die Oper an sich ist wunderschön und leider total verkannt- wer kennt shcon was anders als Blumenduett und Glôckchenarie?)

      Ihre Amina ist für mich aber ebenso eine Referenz wie die Lakmé, so wie natürlich auch der Elvino von Florez. Als Vergleichs-DVD habe ich nur Eva Mei aus Zürich. Die ist auch recht ansehnlich- und vor allem an-hörlich, wobei mir die New Yorker Produktion aber deutlich besser gefällt.

      Liebe Feengrüsse an Alle- im Vorüberfliegen :engel
      Da es der Gesundheit förderlich ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein (Voltaire)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Fairy Queen ()

    • Bizet, Carmen (MET)

      Carmen .... Elina garanca
      Don José .. Roberto Alagna
      Micaela...... Barbara Frittoli
      Escamillo ... Teddy Tahu Rhodes
      Frasquita.... Elizabeth Caballero
      Mercedes... Sandra Piques Eddy
      Zuniga....... Keith Miller

      Dirigat: Yannick Nézet-Seguin
      Regie: Richard Eyre

      Mit dieser DVD liebäugle ich schon lange, bin ich doch ein großer Fan von Elina Garanca, nur der Tenor hat mich bislang vom Kauf abgehalten :ignore. Nun bekam ich sie von einem lieben Menschen geschenkt und habe eben den ersten Durchlauf hinter mir.

      Die Inszenierung tut niemandem weh, wie man sich das an der MET erwarten darf, wo ein eher konservativer Publikumsgeschmack bedient werden muss, vermeidet aber gottlob auch allzu Klischéehaftes, das einem bei "Carmen" leider immer wieder begegnet. Also keine oberflächliche, bunte "Zigeunerromantik", sondern reduzierte Bühnenbilder und schlichte Kostüme, bei denen Erdfarben dominieren und die auf das 20. Jhdt. als Zeit der Handlung verweisen. Nur Carmen, Mercedes und Frasquita heben sich durch raffiniertere Garderobe von der Masse ab, Elina Garanca wird berückend schön in Szene gesetzt.

      Das Bühnenbild verweist symbolisch auf eine Welt/Gesellschaft, die brüchig geworden, aus dem Gleichgewicht geraten ist. Das beginnt schon beim Vorhang, durch den sich ein Riss zieht. Wenn er sich bei der Ouvertüre öffnet, sieht man dahinter einen zweiten mit einem nun breiter klaffenden Spalt, in dem Balletttänzer einen leidenschaftlichen Pas-de-deux darbieten. (Das gleiche passiert beim Vorspiel zum letzten Akt.)
      Drei ineinander verzahnte halbrunde Mauerreste - zwar noch hoch aufragend und mit Rundbogen versehen, aber mit deutlichen Abbruchkanten - werden von einem hohen Gitter umschlossen, durch das ein Tor Einlass gewährt, nur dass nicht so ganz klar wird, wer nun draußen und wer drinnen ist, wer vor wem geschützt werden will - die Soldaten, die vor diesem Gitter, also auf der Zuschauerseite, ihren Stützpunkt haben (Tische, ein paar Sessel), oder die Gaffer, die sich innerhalb des durchbrochenen Mauerkreises bewegen und durch die Abzäunung die Uniformträger verhöhnen. Vielleicht ist diese Assoziation ja hirnrissig, aber ich musste immer wieder an die Magritte-Ausstellung denken, die ich unlängst besucht habe, denn vieles an diesem Bühnenbild wirkte äußerst surrealistisch auf mich, besonders das letzte: Da wird die Arena durch eine Reihe konzentrischer Ringe angedeutet, die von oben nach unten immer enger werden, sich aber nicht berühren, also quasi um den zylindrischen Kern zu schweben scheinen, was durch die indirekte bläuliche Beleuchtung noch verstärkt wird, während das Ganze noch einmal von einem ähnlich ruinösen Mauerwerk wie im 1. Akt eingerahmt wird, nur dass diese Mauern wie abgebrochene Zähne von der Decke hängen. Auch die Schmugglerschlucht ist realistisch und doch auch wieder nicht.

      Merkwürdig auch, dass die Zigarettenfabrik offensichtlich unterirdisch angelegt ist, denn im 2. Bild, das nun durch eine Drehung das Innere des Mauerkreises zeigt, wird von den Soldaten eine Falltüre geöffnet, durch welche die Arbeiterinnen ans Tageslicht klettern. Daher ist es auch keine fröhliche Schar bunt gekleideter Zigeunerinnen, die sich in der Mittagspause mit den Soldaten amusieren, wie man es z.B. von unserer Zeffirelli-Inszenierung her kennt, sondern erschöpfte, verhärmte Frauen, die wie Lemuren ans Tageslicht kriechen und vorerst nur eines im Sinn haben, ihre müden Glieder auszustrecken und mit Wasser zu kühlen. Einige werden von ihren Männern/Freunden erwartet, eine junge Frau stillt ihr Kind, das sie offensichtlich während der Arbeit bei sich hat.
      Die logische Frage, warum Carmen dann relativ frisch und kegel aus diesem Fabriksverließ heraufsteigt, in ihrem raffiniert geschnittenen Ensemble einfach hinreißend aussieht und nach kurzer Regeneration sofort beginnt, die Männerwelt aufzumischen, darf man sich natürlich nicht stellen. Ich stufe es einfach als weiteres surreales Element dieser Inszenierung ein :D!

      Eine der Stärken der Regie von Richard Eyre zeigt sich schon jetzt, nämlich eine exzellente Personenführung. Für ihn ist auch der Chor nicht bloß Staffage wie für so viele seiner Kollegen, sondern ein ganz wesentliches Element der Inszenierung. Alle sind in Bewegung, gehen einer plausiblen Beschäftigung nach, kommunizieren miteinander, und auch wenn ein Statist scheinbar nur herumsteht, reagiert er zumindest mimisch auf seine Umgebung, ist voll im Spiel drinnen. Das ist handwerklich wirklich ausgezeichnet gemacht und schafft eine sehr dichte Atmosphäre und natürlich den perfekten Rahmen für das intensive Spiel der Hauptakteure.

      Elina Garancas Carmen - und das habe ich ihr ehrlich gesagt in dieser Form nicht zugetraut - ist ein Ereignis. Wer immer von dieser Sängerin bisher behauptet hat, sie könne keine Emotionen zeigen, agiere immer unterkühlt bis gar nicht, möge sich bitte diese DVD anschauen!!
      Auch in der ungewohnten schwarzen Löckchenperücke sieht sie hinreißend aus, aber das alleine macht noch keine Carmen. Aber Elina Garanca deckt auch sämtliche Facetten dieser vielschichtigen Bühnenfigur ab, ist lockende Verheißung in ihrem Spiel mit den Männern, ein Schuss Laszivität inclusive, ohne aber ins Ordinäre abzugleiten, ein brodelnder Vulkan in der Auseinandersetzung mit José im 2. Akt - in ihrem Tanz bewegt sich sich mit dem Anmut einer Katze, die aber jederzeit die Krallen ausfahren kann - , vermittelt absolut glaubhaft den Überdruss einer erkalteten Liebe (Wie nervt sie dieser José mit seiner Anhänglichkeit und Eifersucht!) und die Bereitschaft, den Preis für ihre Freiheit zu zahlen, und sei es auch der Tod. Ja, und der Schluss ist dann einfach unglaublich - so präzise auf den emotionalen Punkt gebracht hat das für mich seit Agnes Baltsa keine Darstellerin der Carmen, wobei ich der Meinung bin, dass Elina Garanca auch da die feinere Klinge führt, unglaublich viele Nuancen einbringt, ohne auch nur eine einzige falsche Geste zu setzen. Da stimmt einfach alles - jeder Blick (Waffenscheinpflichtig!), jede Bewegung, und vor allem jeder Tonfall: Alleine wie sie das "Laisset-moi-passer" hervorstößt, ist Gänsehaut pur.
      Aber natürlich singt Elina Garanca auch zum Niederknien, technisch absolut perfekt, aber ohne deshalb nur sterile Virtuosität zu bieten. Betörend ihr Timbre, wunderbar differenziert im Ausdruck - noch selten habe ich ihre Stimme emotional so aufgeladen empfunden wie als Carmen. Und dazu diese strahlenden Höhen, das herrliche Aufblühen der Stimme! Aber ich gerate ins Schwärmen, bitte um Verzeihung :D!

      Neben dieser Ausnahmeleistung hätte es wohl keine Micaela leicht, und schon gar nicht Barabara Frittoli, deren Stimme speziell in der Höhe schon etwas ausgeleiert und vor allem spitz klingt. Mit ihrem warmen Timbre vermag sie allerdings immer noch für sich einzunehmen. Natürlich wirkt sie auch nicht mehr wie ein junges unschuldiges Mädchen und verfällt gottlob nicht in den Fehler, so zu tun als ob. Frau Frittoli legt ihre Micaela als "spätes Mädchen" an, das schon viel zu lange darauf wartet, dass sich José endlich erklärt. Sie ist auch nicht gänzlich unerfahren im Umgang mit Männern, das beweist sie gleich im ersten Bild mit den Soldaten, signalisiert auch José sehr deutlich, dass sie sich mehr von ihm wünscht als ein keusches Bussi auf die Wange und erwidert schließlich seinen Abschiedskuss durchaus leidenschaftlich. Das mag ungewohnt sein, ist in der Rolle aber sicher drin.

      Sehr engagiert im Spiel und ansprechend im Gesang Elizabeth Caballero und Sandra Eddy als Frasquita und Mercedes.

      Wie befürchtet, ist Roberto Alagna der Schwachpunkt dieser Aufführung, und die durchwegs euphorischen Rezensionen, die er bei amazon bekommen hat, kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Sein einst so strahlender Tenor klingt inzwischen leider spröde und angestrengt, obwohl er sich im Laufe der Vorstellung ein wenig steigert und die dramtischen Ausbrüche im Schlussbild recht gut meistert. Vor allem kann Alagna halt so überhaupt keine Finesse in sein Singen legen, die Fähigkeit zum Legatosingen hat ebenso gelitten wie seine Piani, die meist nur heiße Luft sind anstatt zu klingen oder wie in der Blumenarie falsettiert werden (Immerhin....).
      Dafür gelingt Roberto Alagna ein überzeugendes Rollenporträt. Auch er begeht nicht den Fehler, krampfhaft auf jung und naiv zu machen, denn das nimmt man ihm bei seiner Optik, die nun einmal einen zwar gut aussehenden, aber schon reiferen Herrn zeigt, nicht ab. Sein Don José ist also nicht das unbedarfte Landei, das dem erotischen Frontalangriff einer Carmen hilflos ausgeliefert wäre. Im Gegenteil, er weiß recht genau, welche Nummer dieses kleine Luder da abzieht und beobachtet sie zunächst in einer Art spöttischen Überlegenheit. Es amüsiert ihn zu beobachten, wie ihr die Männer auf den Leim gehen, er selbst fühlt sich gefeit gegen ihre Tricks. Denkste, die Rose trifft ihn wie ein Blitzschlag. (Diese Szene ist sehr hübsch inszeniert!), und danach ist für José nichts mehr wie zuvor.
      Wie er dann im 2. Akt quasi in sein Verhängnis hineinschlittert, spielt Alagna ebenso überzeugend wie seine rasende Eifersucht im 2. und die ausweglose Verzweiflung im 3.
      Als Schauspieler kann Alagna also punkten, aber irgendwie fände ich es halt nett, wenn ein Don José auch schön gesungen wird.....

      Teddy Tahu Rhodes ist angeblich erst drei Stunden vor der PR eingesprungen, was bei dieser Inszenierung nicht so schwer ist, denn vom Escamillo wird szenisch nicht mehr als das Übliche verlangt. Den schneidigen Torero glaubt man dem schlanken und hoch gewachsenen Sänger so halbwegs, ein wenig mehr Schneid in der Stimme fände ich allerdings wünschenswert. Tiefe und Mittellage sind zwar vorhanden und klingen auch recht gut, aber die Höhe bröckelte etwas. Vielleicht war das aber auch wirklich die Nervosität wegen des kurzfristigen Einspringens.

      Als Carmen wäre ich in dieser Produktion mit dem Zuniga Keith Miller auf und davon, der verfügt nämlich nicht nur über eine runde, sehr einschmeichelnde Stimme, sondern auch über wesentlich mehr Sexappeal als Escamillo.

      Bleibt noch Yannick Nézet- Seguin, der am Pult des MET-Orchesters einen guten Job machte und sehr sängerfreundlich dirigierte. (Zumindest klingt es danach, bei einer Aufzeichnung weiß man natürlich nie so genau, ob und wie der Tonmeister in die Balance zwischen Bühne und Graben eingegriffen hat.)

      Mein Fazit: Für alle Garancafans ist diese DVD ein Muss, zu einer Referenzaufnahme fehlt leider ein adäquater Don José. Wer aber einfach nur eine spannende "Carmen" sucht, ist mit dieser Aufnahme bestens bedient!

      lg Severina :hello
    • Leos Janacek:
      Das schlaue Füchslein



      Füchlsein: Irmgard Arnold
      Fuchs: Manfred Hopp
      Dachs: Josef Burgwinkel
      Hund: Werner Enders
      Henne: Christa Oehlmann
      Libelle: Karin Vetter

      Förster: Rudolf Asmus
      Seine Frau: Ruth Schob-Lipka
      Pfarrer: Josef Burgwinkel
      Harasta: Herbert Rössler
      Terynka: - Helga Naujoks
      Chor und Orchester der Komischen Oper Berlin
      Vaclav Neumann

      Regie: Walter Felsenstein
      Fernsehfasung von 1965

      Ich habe in der Plauderecke kurz erwähnt, daß meine Freunde zusammengelegt und mir zum Geburtstag die Felsenstein-Edition geschenkt haben, die ich schon so lange habe wollte.

      Gestern hatte ich nun endlich Zeit, mich zum erstenmal näher damit zu befassen, daher lief im Teatro Solitaire „Das schlaue Füchslein“.
      Ich habe diese wunderschöne Oper bisher nur einmal gesehen, das aber gleich in einer geradezu hinreißenden Aufführung in unserem Stadttheater. Diese Aufführung machte dem Wort vom „tschechischen Sommernachtstraum“ alle Ehre und war von bezaubernder Poesie und Anmut. Die Musik hat mich ohnehin gleich vom ersten Takt an in ihren Bann gezogen...
      Ich war also gespannt, auf die Felsenstein-Version. Nun denn: das Einzige was ich an dieser Fassung bedauere ist, das man sie leider nicht in Farbe sondern „nur“ in schwarz-weiß zu sehen bekommt und daß die Bildqualität vergleichsweise schlecht ist, selbst wenn man keine heutigen Maßstäbe anlegt. Mehr gibt es dann aber auch wirklich nicht zu meckern. Irmgard Arnold in der Titelrolle ist ein hinreißendes, wunderbares, listiges, koboldhaftes und, wo es passt, auch sinnliches schlaues Füchslein. Sie war natürlich der Star des Films, obwohl auch alle anderen Partien gut besetzt waren, und die Sänger nicht nur gut gesungen, sondern auch großartig gespielt haben und darüber hinaus in den meisten Fällen sehr textverständlich singen. Besonders gefallen hat mir der Schulmeister den Walter Felsenstein in seiner Neuübersetzung in einer Szene sagen lässt er benutze seinen Stock zur Stütze und „als Ersatz für den Charakter“.
      Szenisch wimmelt es nur so von kleinem und großem Waldgetier, dargestellt zum Teil von Mitgliedern des Kinderballetts, da macht es dann auch gar nichts aus, daß der Frosch ebenso groß ist wie das Füchslein, und Jenes so groß wie die Sonnenblume die der verliebte Schulmeister für das Zigeunermädchen Terynka hält.
      Wie gesagt: ich wünschte, es gäbe dieses Gewimmel in Farbe zu erleben.
      Musikalisch ist diese Oper m.E. eine der Schönsten die es gibt und ich sehe mich gerade nach einer Gesamtaufnahme um.
      Das Bonusmaterial enthält unter anderem ein Radiointerview mit Walter Felsenstein, der darüber berichtet wie er mit seinem Füchslein und einem Tross von über 200 Mitwirkenden und Tcchnikern nach Paris gereist ist um die Oprt dort auf die Bühne zu bringen. Außerdem erfahren wir, daß Felsensteins Inszenierung es zu ihrer Zeit zu mehr Aufführungen der Oper gebracht hat, als in allen Theater der damaligen Tschechoslowakei zusammen zu erleben waren.

      Ich werde in den nächsten Wochen und Monaten auch die übrigen Opern der Felsenstein-Edition ansehen, und bin schon sehr gespannt.
      Ah, music! A magic beyond all we do here...
      (Albus Dumbledore)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Solitaire ()

    • Original von Solitaire
      Leos Janacek:
      Das schlaue Füchslein

      Musikalisch ist diese Oper m.E. eine der Schönsten die es gibt und ich sehe mich gerade nach einer Gesamtaufnahme um.


      Liebe Solitaire,

      Du kannst Deine Suche als erfolgreich beendet betrachten, denn es gibt keine schönere und musikalisch (Mackerras!!! Allen!) wie sprachlich authentischere Version als diese Inszenierung von Nicholas Hytner in Paris, die fpür meine Begriffe keinen Wunsch offen lässt:


      Am Amazonas gibt es die derzeit gebraucht für einen durchaus vernünftigen Preis. Viel Glück und viel Spaß damit.

      :hello Rideamus
      Ich mag alle Kunstformen und Genres. Ich höre Musik von Alban Berg und gehe ins Musical. Für mich gibt es keine Hierarchie der Künste, denn es sind letztlich alles Erzählformen. Alain Resnais
    • Hallo Solitaire :hello,

      ich habe von der Felsenstein-Edition nur den "Don Giovanni" und bin schon sehr gespannt, wie dir der gefallen wird. Es ist sicher nicht meine Lieblingsaufnahme dieser Oper, aber z.B. das "Deh vieni alla finestra" (ich weiss nicht mehr, wie die deutsche Übersetzung lautete) hat mir sehr gut gefallen.

      VG, stiffelio
    • Rossini, Zelmira (Pesaro 2010)

      Zelmira........ Kate Aldrich
      Emma......... Marianne Pizzolata
      Ilo.............. Juan Diego Flórez
      Polidoro...... Alex Esposito
      Antenore ... Gregory Kunde
      Leucippo..... Mirco Palazzi

      Orchestra e coro del Teatro Communale di Bologna unter Roberto Abbado

      Regie: Giorgio Barberio Corsetti



      Noch selten habe ich mir sehnlicher gewünscht, an Stelle der DVD wäre bloß eine CD produziert worden wie bei dieser „Zelmira“ aus Pesaro. Da läuft ein wunderbares Ensemble musikalisch zur Höchstform auf, aber wenn man ihm über drei Stunden beim Herumstehen und Händeringen zuschauen muss, stellt sich bei allen belcantesken Wonnen irgendwann Langeweile ein.
      So geschah es zumindest mir, als ich gestern erstmals die schon ungeduldig erwarteten Scheiben in den Player schob.

      Die Story der „Zelmira“ ist eine ziemliche Räuberpistole. Schon die lange Vorgeschichte, ohne die der Hauptplot überhaupt unverständlich bleibt, ist womöglich noch komplizierter als das Libretto selbst. Da gibt es zwei gemeuchelte Könige von Lesbos, wobei aber der erste, Polidoro, gar nicht wirklich tot ist, sondern von seiner Tochter Zelmira versteckt wird. Um eine falsche Fährte zu legen, verrät sie scheinbar das Versteck, das vom Usurpator prompt abgefackelt wird. Praktisch für Antenore und seinen Handlanger Leucippo, der nun seinerseits den widerrechtlichen König killen lässt, aber nun immer noch Tochter und Enkel des rechtmäßigen am Hals hat. Die muss also auch irgendwie weg, und da ist es sehr praktisch, dass deren Gatte Ilo gerade das tut, was antike Prinzen so zu tun pflegten, nämlich auf Kriegszug zu sein.
      Also kommt Antenore auf die geniale Idee, Zelmira als Mörderin der beiden Könige anzuklagen, was offensichtlich problemlos geglaubt wird. Irgendwie motiviert ist dieser Glaube allerdings nicht. (Damit beginnt die eigentliche Handlung!) Da tritt Ilo auf den Plan und freut sich tierisch, zur Abwechslung wieder einmal ein bisschen in Familie machen zu können, umso mehr bestürzt ihn der eher wirre Auftritt seiner holden Gattin, denn anstatt ihm einfach zu sagen, was Sache ist, ergeht sie sich in diffusen Andeutungen. (Wie schon bei „Tancredi“ fragt man sich auch hier, warum die dumme Gans nicht im richtigen Moment Klartext redet!) Der verunsicherte Ilo tappt also bereitwillig in die Intrigenfalle und glaubt nicht nur an eine Untreue Zelmiras, sondern auch an die ihr zur Last gelegten Anschuldigungen. So einen Gatten wünscht man sich….. Aber Ilo muss natürlich auch beseitigt werden (Den Sohn und Kronprätendenten hat Zelmira schon vorher von ihrer Vertrauten Emma in ein sicheres Versteck bringen lassen), schließlich könnte auch er Anspruch auf den Thron erheben. Als Ilo, der für einen tapferen Krieger recht schwache Nerven hat, wegen seiner Ehekrise ohnmächtig (!) zu Boden sinkt, nähert sich Leucippo mit dem Dolch in der Hand. Im letzten Moment wirft sich Zelmira dazwischen und entwindet ihm das Mordwerkzeug. Ilo kommt zu sich, sieht seine Holde mit dem Dolch vor sich stehen und glaubt sofort Leucippos Version, dass nämlich sie auf Gattenmord aus sei. Alles klar?? Ich erspare Euch den Rest, es geht bis zum Happy end ähnlich obstrus weiter.

      Nein, diese Oper muss man wirklich nicht SEHEN, es genügt völlig, sich auf Rossinis spritzige Musik zu konzentrieren. WENN man sie aber schon sieht, dann möchte man auch wirklich etwas sehen, und zwar ein bisschen mehr als das, was Regisseur Giorgio Barberio Corsetti dazu eingefallen ist – wobei „eingefallen“ ziemlich euphemistisch formuliert ist.

      Anfangs umringt eine moderne Armee mit Sturmgewehren den blutigen Leichnam des Königs, Sand bedeckte Torsi antiker Statuen verweisen auf den Schauplatz Lesbos. Diese Statuen werden wenig später in die Höhe gezogen und schweben tänzelnd über den Akteuren. Irgendeinen Sinn ergibt das keinen.
      In der zweiten Szene fährt hinten eine Spiegelwand hoch – irritierender Weise sieht man das Orchester eine Weile hinter den Sängern- und wird dann im letzten Drittel leicht nach vorne gekippt, sodass man die Akteure einerseits auf der Bühne und dann noch einmal aus der Vogelperspektive über ihren Köpfen schweben sieht. Die Szene ist meist völlig dunkel, nur die Sänger und ihre somit ihre Spiegelbilder sind ausgeleuchtet. Wer nun vielleicht glaubt, dass das optisch sicher toll aussieht, den muss ich enttäuschen, es sieht nur albern aus. Denn in Verbindung mit einer katastrophal schlechten Kameraführung, die meist die ganze Bühne in der Totale zeigt, sieht man nur, dass die Sänger von merkwürdig hellen Flecken hoch über ihren Köpfen verfolgt werden. Außerdem rechtfertigt es natürlich ein völlig statisches Rampentheater, denn um eine gleichmäßige Verteilung der „Lichtpunkte“ oben und unten zu gewährleisten, müssen die Sänger natürlich immer großen Abstand zueinander halten und auch hübsch symmetrisch Aufstellung nehmen.

      Dass man dem Publikum nicht drei Stunden lang Glühwürmchen in stockfinsterer Nacht zumuten kann, dürfte auch Signore Corsetti gedämmert zu haben, weshalb die Spiegelwand fallweise mit seltsamem Aktionismus belebt wird, wobei mir nicht ganz klar ist, wie das technisch gemacht wird (Einiges ist projiziert, aber nicht alles.). Aber egal. Auf jeden Fall sieht man dann plötzlich blutige Körper, die sich in einem Wassertümpel winden, halb nackte Menschen, die einen steinigen Abhang hinauf kriechen und wieder zurückrutschen, sich in Zeitlupentempo bewegende und offensichtlich gefolterte Männer. Manche Bilder wecken Assoziationen an biblische Szenen, z.B. die Kreuzabnahme. In irgendeinem Zusammenhang mit der Handlung oder dem Libretto steht das alles nicht, ganz im Gegenteil:
      Ilo wird zwar als erfolgreicher und hoch dekorierter Soldat gezeigt, aber er hat den Krieg physisch und psychisch unversehrt überstanden, leidet also keineswegs an traumatischen Erinnerungen. Dass also gerade da, während er in zärtlichen Kantilenen sein Liebesglück besingt und sich auf das Wiedersehen mit Frau und Sohn freut, hinter ihm blutverschmierte und halb tote Körper gezeigt werden, ist einfach absurd. Denn falls der Regisseur die Sinnlosigkeit und Grausamkeit von Krieg anprangern will, so muss er sich dazu eine Oper suchen, in der Krieg thematisiert wird, „Zelmira“ gibt das einfach nicht her. Sämtliche Mord- und Totschlagszenarien dieses Werkes gewinnen nie politische Dimensionen, bleiben rein auf der privaten Ebene.

      So ärgerlich also die szenische Umsetzung (oder besser „In-den-Sand-Setzung“) „Zelmiras“ gescheitert ist, umso beglückender gelingt die musikalische Seite. Selten, dass ein Ensemble so auf Augenhöhe agiert und es einfach keine Schwachstelle gibt.

      Kate Aldrich ist eine fabelhafte Zelmira, ein nicht sehr hell getönter Sopran, aber mit großer Leuchtkraft und technischer Brillianz ausgestattet. Schade, dass diese auch sehr attraktive Sängerin szenisch in Pesaro nicht mehr gefordert wurde, denn schon ihre Mimik beweist, dass sie sie sich nicht damit begnügt, ihren Figuren nur vokal profil zu verleihen.

      Der warme, erdige Mezzo von Marianna Pizzolata harmoniert vorzüglich mir Aldrichs Timbre, auch ihr bereitet die Partie der Emma technisch keinerlei Probleme.

      Juan Diego Flórez tänzelt mit einer Leichtigkeit durch die teilweise verflixt hohe Tessitura, die so manchen Tenorkollegen verzweifeln lassen wird, setzt seine Spitzentöne effektvoll und ohne jede Anstrengung und begeistert in seiner Auftrittsarie auch mit unendlich zart gesponnenen Kantilenen.
      Von Signore Corsetti durch keinerlei Regieanweisungen belästigt, tut Flórez, was er in solchen Fällen immer tut: Er verlässt sich auf sein gutes Aussehen und ringt theatralisch die Hände. Diesmal ringt er besonders ausgiebig, sodass der Ilo für mich so ziemlich den Tiefpunkt in Flórez Karriere als Singschauspieler markiert. Dass er sehr wohl auch ein überzeugender Darsteller sein kann, hat er in letzter Zeit immer wieder bewiesen, aber man muss es ihm offensichtlich abverlangen!

      Eine großartige Leistung erbringt auch Gregory Kunde als der über Leichen gehende Antenore. Er verfügt zwar nicht (mehr) ganz über die Virtuosität eines Flórez, aber immer noch über die solide Technik eines ausgezeichneten Rossini-Tenors und über wirklich ausgezeichnete Höhen. (Vielleicht war also der nicht ganz so positive Eindruck, den ich vor wenigen Wochen in der „Donna del Lago“ von ihm gewann, tatsächlich nur der Tagesform geschuldet!)

      Ebenfalls einen ausgezeichneten Eindruck hinterlassen Alex Esposito als greiser Polidoro und Mirco Palazzi als Leucippo, beide bewältigen ihre Partien stimmschön und fehlerlos. (Soweit das jemand wie ich, der keine Partitur lesen kann, überhaupt beurteilen kann!)

      Roberto Abbado kam mit dem Orchester des Teatro Communale di Bologna nicht ganz an das Niveau der Sänger heran, aber das ist in Pesaro eigentlich immer der Fall. Man investiert dort eindeutig in die Sänger und nicht ins Orchester.

      Mein Fazit: Für Flórezfans ist diese „Zelmira“ natürlich ein Muss, für Belcantofans eine Empfehlung, allen anderen würde ich raten, zunächst einmal ihre Wunschlisten abzuarbeiten!

      Lg Severina
    • Humperdinck, Königskinder (Zürich 2007)

      Königssohn ....... Jonas Kaufmann
      Gänsemagd ....... Isabel Rey
      Hexe ................ Liliana Nikiteanu
      Spielmann ......... Oliver Widmer
      Holzhacker ........ Reinhard Mayr
      Besenbinder....... Boguslav Bidzinsky
      Wirt.................. Tomasz Slawinski
      Wirtstochter...... Anja Schlosser

      Dirigent: Ingo Metzmacher
      Regie: Jens-Daniel Herzog

      Ziemlich genau vor 5 Jahren erlebte ich in Zürich eine Aufführung von Engelbert Humperdincks „Königskindern“, seither warte ich sehnsüchtig auf das Erscheinen der DVD, die nun nach langen Geburtswehen endlich auf dem Markt ist.

      Von einer Regie Jens -Daniel Herzogs darf man sich natürlich keinen romantischen Märchenwald und eine schnatternde Gänseschar erwarten, Gänsemagd und Königssohn sind bei ihm moderne junge Menschen, die mit dem der Jugend eigenen Idealismus ihren Weg und Platz in der Gesellschaft suchen. Aber in einer Welt, die von Geld und Habgier beherrscht wird, ist kein Platz für Utopien.
      Herzogs Hexe hat offensichtlich eine ehemalige Turnhalle (auf dem Parkettboden sieht man die für diverse Spielfelder angebrachten Markierungen) für ihre Zwecke adaptiert. Große, beinahe bis zum Boden reichende Fenster öffnen sich auf der rechten Seite, im Hintergrund führt ein großes Tor hinaus in den "Wald". Dieser ist nur als botanisches Schaubild einer Linde präsent, in der Art, wie es früher im Biologieunterricht Verwendung fand. Von der Decke baumelt eine ganze Reihe Wärmelampen, denn die Hexe singt zwar von "Würzlein, grauen Schnecken und Bilsenwürmern", hat ihr Gewerbe aber längst auf eine Gewinn bringende Hanfplantage umgestellt. (Der Spielmann wird dann auch bei seinem Auftritt gleich mit Stoff versorgt!) Die Töpfe mit den Hanfpflanzen stehen in Reih und Glied auf Rollwagen, wie sie auch in einem Spital/Labor in Gebrauch sind und den klinischen, sterilen Charakter des Raumes noch unterstreichen. Hinter einem solchen Rollwagen sitzt am Beginn auch die Gänsemagd und schreibt eifrig in ein Schulheft, ängstlich darauf bedacht, keine Fehler zu machen und ihre gestrenge Großmutter/Lehrerin, deren Stimme zunächst unheilverkündend aus dem Off dringt, zufrieden zu stellen. Eine ziemlich mickrige Pflanze (Die Lilie des Librettos) steht auf dem Tisch und wird von dem Mädchen liebevoll gepflegt, aber in dieser kalten Atmosphäre verkümmert jedes echte Leben. Die Gänsemagd flüchtet in eine Fantasiewelt, symbolisiert durch eine Gänseschar aus Papier, die sie wie Pflanzenstecker in den Hanftöpfen arrangiert und spielerisch umsorgt. Zornig reißt sie die Hexe, die wie eine eiskalte Karrierefrau (mit einem Schuss Domina) auftritt, wieder heraus: Für Träumereien ist hier kein Platz, ihr Lebenselixier ist der Hass, nicht die Liebe. Daher ist die Natur, welche die Sehnsüchte der Gänsemagd symbolisiert, nur als Surrogat (Bild von der Linde) oder in missbrauchter Form (Haschisch) vorhanden. Nichts kann sie der "Goßmutter" recht machen, weder die Hausaufgabe, in der die Hälfte durchgestrichen wird, noch das widerwillig gebackene Hexenbrot. Ganz im Dienste dieser "schwarzen Pädagogik", die auf Gewalt und Einschüchterung beruht, steht auch die Drohung mit dem verzauberten Wald.
      In diese kalte, leblose Laborwelt bricht der charismatische Königssohn (ein moderner Tramp mit Rucksack, an dem wie ein Eispickel das Schwert befestigt ist) tatsächlich wie ein Wesen von einem anderen Stern herein, sodass die bange Frage der Gänsemagd "Bist du ein Mensch?" nicht ganz so absurd erscheint. Die sozialen Defizite des Mädchens - Folge ihrer jahrelangen Isolation in dieser lebensfeindlichen Umgebung - treten nun deutlich zutage, sie steht der Charmeoffensive des Königssohnes völlig hilflos gegenüber. Beide spielen das ganz großartig: Isabel Rey das schüchterne Mädchen mit beinahe autistischen Zügen, das überhaupt nicht weiß, wie man mit Fremden und schon gar nicht mit Männern umgeht, und Jonas Kaufmann den romantisch veranlagten, extrovertierten Jüngling, der das Leben als große Herausforderung betrachtet und ihre Angst vor dem, was vor der Türe lauert, nicht verstehen kann. Wie er einen Gang zurückschaltet, als er merkt, dass er bei diesem merkwürdigen Mädchen nicht sofort aufs Ganze gehen darf, sie zärtlich umwirbt, dabei aber seine Ungeduld spürbar bleibt, wie sie im Gegenzug sich allmählich öffnet, Vertrauen fasst, seinem Werben schließlich nachgibt - das ist ganz großes Schauspiel, damit könnten sie auf jeder Sprechbühne reüssieren. (Alleine JKs köstlich verdutzter Blick auf ihre Frage, ob er ein Mensch sei, ist oscarreif.)
      Das Bühnenbild ändert sich auch im 2. Akt nicht: Das Labor der Hexe wird den Bürgern von Hellabrunn als Veranstaltungshalle adaptiert, die Hanfproduktion ist offensichtlich nach der Flucht der Gänsemagd in Schwierigkeiten geraten, denn die Pflanzen werden im Hintergrund als Sonderangebote verschleudert. Auch die Schautafel mit der Linde findet eine neue Verwendung: "Königsburger 3 Euro 50" schreibt der findige Wirt auf die Rückseite,. der aus der erwarteten Ankunft des neuen Königs ebenso Kapital schlägt wie der Besenbinder mit seinen "Königsbesen". Auf den Turnbänken sitzen die Hellabrunner in freudiger Erwartung des Spektakels, die Kinder in ihren Schuluniformen tragen Kronen vom Burgerking „Hellasnack“ und mampfen Pommes und Burger. Ein solcher wird auch dem Königssohn angeboten, und zur Freude der modernen Ernährungswissenschaft behauptet er, dass ihm davon übel wird. Nach der kulinarischen scheitert auch der sehr körperbetonte Verführungsversuch der Wirtstochter. Der Königssohn träumt von der Gänsemagd und ist immun gegen andere erotische Reize, auch wenn sie ihm noch so bereitwillig angeboten werden. Wenig später setzt er sich aber trotzdem eine Papierkrone auf, weil er einen Aushilfsjob beim Burgerking angenommen hat. Dieser besteht darin, die Abfälle einzusammeln, welche die Festgäste ungeniert im ganzen Saal fallen lassen - insofern eine geniale Umsetzung des "Schweinehirten", wie es das Libretto vorschreibt. Sehr flott und witzig hat Jens-Daniel Herzog diesen Akt inszeniert, mit etlichen wirklich gelungenen Gags. Umso beklemmender wirkt dann der Schluss, wenn die fröhliche Stimmung jäh kippt, die erst so biederen und scheinbar harmlosen Hellabrunner ihre Masken fallen lassen und die vermeintlichen "Asozialen" aus der Stadt jagen.
      Auch der 3. Akt spielt in der nun leeren, durch eine Zwischenwand verkürzte Turnhalle: Durch die geborstenen Fenster stiebt Schnee herein, die Welt scheint innerlich wie äußerlich vereist. Leider hängt die Inszenierung nun ein wenig durch, überzeugt mich nicht mehr so 100%ig wie in den ersten beiden Akten. Herzog ist nicht mehr viel eingefallen, außer dass der Spielmann plötzlich blind ist (Eine Folge von Folter im Kerker??), was aber meiner Meinung nach keinen wirklichen Mehrwert bringt.
      Ansonsten verlässt er sich ganz auf das intensive Zusammenspiel von Isabel Rey und Jonas Kaufmann, und diese Rechnung geht natürlich auf. Beide bieten Schauspielkunst auf höchstem Level, eine aufwühlende emotionale Berg- und Talfahrt, ohne eine einzige falsche oder übertriebene Geste.
      Als ich 2007 in der Aufführung war, störte es mich sehr, dass Herzog dem Liebespaar den Trost eines gemeinsamen Todes verwehrt: Nach dem Genuss des vergifteten Brotes geraten sie zunächst in eine Euphorie, die sie in verschiedene Richtungen treibt, und wenn sie dann zusammenbrechen, reichen Zeit und Kräfte nicht mehr aus, um wieder zusammenzukommen. Sie kriechen aufeinander zu, versuchen verzweifelt, sich mit den Händen zu erreichen, aber der unbarmherzige Tod ist schneller. Wie gesagt, „vor Ort“ fand ich diesen Schluss falsch und gegen die Musik inszeniert, die eine letzte Umarmung ahnen lässt, aber jetzt beim Betrachten der DVD hat mich gerade dieses einsame Sterben bis ins Innerste aufgewühlt.

      Auch musikalisch ist diese Produktion wirklich gelungen.

      Ingo Metzmachers sehr dynamisches Dirigat bringt die Schönheit der Musik wirklich zur Geltung – er gibt an den richtigen Stellen Gas und drosselt Tempo und Lautstärke, wo es innezuhalten gilt, einzelne Instrumentengruppen sind sorgfältig herausmodelliert.

      Jonas Kaufmann ist nicht nur aktuell die beste Besetzung für den Königssohn, ich denke, er kann auch jedem historischen Vergleich standhalten. Diese Partie ist wirklich wie maßgeschneidert für seine Stimme, da passt einfach alles.

      Isabel Rey war 2007 schon über ihren Zenit hinaus, ihre an sich schön timbrierte Stimme wirkt manchmal unruhig und in der Höhe unangenehm scharf. Aber dieses Manko macht ihre 100%ige Identifikation mit der Rolle mehr als wett, denn Schöngesang alleine wäre für die Gänsemagd eindeutig zu wenig.

      Ganz ausgezeichnet gefällt mir Liliana Nikiteanu als von der Regie ziemlich ungewöhnlich gezeichnete Hexe. Aber sie setzt nicht nur diese Vorgabe perfekt um, sondern überzeugt auch mit ihrer sicher geführten und sehr ausdrucksstarken Stimme.

      Oliver Widmer verfügt über eine durchschlagskräftige, nicht unbedingt schöne Stimme, aber für den Spielmann finde ich sie sehr passend. Außerdem besticht auch er durch sein engagiertes Spiel, was bei ihm nicht immer der Fall ist.

      Auch alle anderen Rollen sind zufrieden stellend besetzt, besonders erwähnen möchte ich Reinhard Mayr (Holzhacker) und Boguslaw Bidzinski (Besenbinder)

      Mein Fazit: Diese DVD ist nicht nur für Jonas-Kaufmann-Fans empfehlenswert, sondern bietet eine rundum gelungene Produktion der nicht eben häufig eingespielten „Königskinder“. Voraussetzung für den Genuss ist allerdings, dass man sich nicht vor einer modernen Lesart dieser Oper fürchtet. Wer auf Märchenwald und Hexenhaus besteht, wird mit dieser Aufnahme wahrscheinlich weniger Freude haben.




      lg Severina :hello

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Severina ()

    • RE: DVD - Oper aus der Flimmerkiste

      Original von Severina im Onegin-Thread
      momentan bin ich im Belcantofieber und mein Sinn steht mir gar nicht nach Tschaikovsky. Nach der Fille-Serie (2 Vorstellungen habe ich noch vor mir!) habe ich dann die Ohren hoffentlich wieder frei für eine andere Musiksprache!

      Liebe Severina,
      oh, wir können auch durchaus erstmal mit Belcanto weitermachen :D. Von Mattei als Onegin bin ich nämlich auf Mattei als Figaro im BARBIERE gekommen (wobei es einfach eine Schande ist, wie wenige offizielle DVDs es bisher mit diesem Ausnahmesänger gibt! X().
      Du hast diesen Thread ja mit der BARBIERE-DVD aus London mit Florez und DiDonato begonnen und das war auch die Besetzung für Almaviva und Rosina 2007 an der MET mit Mattei als Figaro. (Für mitlesende YT-Nutzer: "http://www.youtube.com/watch?v=B0yckB6vX_I" und "http://www.youtube.com/watch?v=YoTtYYCrm8k")
      Die Inszenierung in London (von der ich bisher nur Ausschnitte kenne) mag feinsinniger sein, während ich einen Trend ins Klamaukhafte an der MET nicht verleugnen kann. Aber Rossinis Musik in dieser Oper verleitet m.E. auch geradezu dazu - die fordert das an vielen Stellen einfach heraus.
      Der BARBIERE war aus den bekannten Gründen (seichte Story...) bisher noch nie Ziel meines Interesses und meine Opernfilm-DVD (immerhin von Ponelle, 1972 mit Prey als Figaro) habe ich nur ein einziges Mal gesehen. Mehr als ein "ganz nett" mit deutlichem Gähnen konnte sie mir nicht entlocken.
      Mattei als Figaro hat mich dagegen geradezu aus den Schuhen gehoben. Zum ersten Mal habe ich verstanden, warum diese Oper nicht "Il Conte Almaviva" und auch nicht "Rosina" heißt. Auch wenn Florez hier einmal mehr einen genialen Almaviva zum Niederknien singt, zweifele ich keinen Moment daran, dass er gegen diesen Figaro das Nachsehen gehabt hätte, wenn der es ernsthaft auf Rosina abgesehen hätte :wink.
      Allein das Duett "All'idea di quel metallo" ist eine Sternstunde der Oper! Ich kenne kaum einen anderen Sänger, der sich so ungeniert auf der Bühne bewegen kann wie Mattei und dabei mit dem Rhythmus der Musik nicht nur zu verschmelzen, sondern ihn geradezu zu verkörpern scheint.
      Auf seine wunderbar timbrierte und ausdrucksvolle Stimme, von der ich an anderen Stellen schon ausführlich geschwärmt habe, brauche ich wohl kaum noch extra hinzuweisen.
      Kennst du diese MET-Aufführung?

      VG, stiffelio
    • Liebe Stiffelio,

      ich besitze zwar fünf Barbiere-DVDs, davon zwei mit Flórez, aber just den von der MET nicht! Da ich gerade mein Budget mit einer umfangreichen Bestellung bei a......n belastet habe, fürchte ich, dass diese DVD jetzt nicht drin ist, obwohl sie mich nach Deiner begeisterten Schilderung natürlich SEHR reizen würde.(Vorgemerkt ist sie schon einmal!) Aber vielleicht kommt sie einmal auf ORF III oder ATV II, die bringen jeden Sonntag Opern.

      Im Unterschied zu Dir mag ich auch heitere Opern, denn in erster Linie geht es mir in der Oper um die Musik und die Sänger, nicht so sehr um die Story. (Die Lust auf anspruchsvolle Inhalte stille ich im Sprechtheater!) Die "Fille du Régiment" ist z.B. auch absurd von A bis Z, aber das stört mich nicht, weil ich gar nicht erst versuche, da Tiefgründiges zu entdecken oder gar hineinzuinterpretieren - es ist ein netter Spaß, und das darf ja auch einmal sein.

      lg Severina :hello
    • Benutzer online 1

      1 Besucher