Der Tod als Freund? Mozarts Requiem

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    • Hallo,

      nachdem ich die vielen interessanten Meinungen und Beiträge hier gelesen habe möchte ich gerne ebenfalls einen Beitrag dazu leisten.

      Mit dem Requiem von W. A. Mozart verbinde ich eine quasi „persönliche Beziehung“, da ich es zum ersten Mal als Jugendlicher zu der Zeit gehört habe, als ich von einem Todesfall in der Familie betroffen war. Ich bin ausgebildeter Sänger und singe seit langem in professionellen und semiprofessionellen Ensembles, aber das Mozart-Requiem habe ich viele Jahre lang gemieden. Ich verbinde mit dem Requiem von Mozart nichts „mystisches“ (nur zur Vermeidung von Missverständnissen); ich hatte mit der Verarbeitung des Themas Tod bei Mozart damals ein Problem, ich fand es – für mich persönlich - viel „menschlicher“, wie sich Duruflé, Brahms oder Howells mit dem Thema Tod auseinander setzten.

      Warum diese einführenden persönlichen Worte? Ich hatte seitdem viel Zeit, mich mit dem Requiem zu befassen. Die Aufnahme, die ich als Jugendlicher zu ersten Mal hörte, war die von Karajan. Es ist immer wichtig, wie man ein Stück kennen lernt. Karajan war für mich sicherlich der falsche Zugang zu diesem Stück … (Als langjähriger HIP-Freak muss ich dazu sagen, dass das Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre war. Damals war der Zugang zu Musik ein anderer und es gab auch tatsächlich nicht viele Aufnahmen des Requiems in historischer Aufführungspraxis – und die, die es gab, hatte damals kaum einer im Regal.)

      Um einen Zugang zum Requiem zu bekommen, kommt bei Mozart neben dem jeweiligen Interpretationsansatz (HIP oder nicht, etc.) noch hinzu, welche Fassung man hört – was in diesem tollen Forum ja sehr ausführlich diskutiert wurde und wird. In den letzten Wochen habe ich viele verschiedene Fassungen angehört und verglichen, die hier zum Teil auch bereits erwähnt wurden, und ich habe dabei auch die Motive und Begründungen der jeweiligen Bearbeiter studiert. Diese beginnen ihre Ausführungen stets damit, "wie schwer sie sich taten, sich dieser Aufgabe zu stellen, dass aber letztlich die vielen groben kompositorischen musikalischen Mängel sowie die fehlerhafte Instrumentation Süßmayrs sie bewogen haben, zum Wohle der Nachwelt eine bessere Fassung vorzulegen".

      Ich möchte daher – an erster Stelle – einmal eine Lanze für Süßmayr brechen. Über Süßmayr erfährt man nämlich tatsächlich ziemlich wenig – und was man erfährt, sind vielfach Gerüchte: Fachlich wird ihm vorgeworfen, er habe dilettantisch gearbeitet und sei zu jung, unerfahren und unbegabt gewesen, um sich so einer Aufgabe zu stellen (Süßmayr hatte nach der Faktenlage 4 bis maximal 6 Wochen Zeit, um ein Fragment mit vielen fehlenden Sätzen in eine aufführbare Fassung auszuarbeiten - die Kritik ist daher in meinen Augen schon deshalb sehr hochmütig und gewagt).

      Um Süßmayr weiter zu diskreditieren – und damit quasi die Notwendigkeit einer Bearbeitung zu untermauern – werden ihm weiter häufig auch „ehrenrührige“ Dinge vorgeworfen:

      Er habe ein Verhältnis mit Constanze gehabt, die er zu Kuraufenhalten begleitet habe (offen gesagt: ich finde allein diesen Vorwurf ohne Beleg schon absurd bis sexistisch: man unterstellt damit, dass ein Mann, der eine junge Frau begleitet, natürlich nur sexuelle Motive dafür haben kann … Dabei gibt es Belege dafür, dass Süßmayr eng mit Mozart verbunden war und Mozart ihn bat, sich auf der Reise um die schwangere Constanze zu kümmern). Dies gipfelt in dem Gerücht, Süßmayr sei der Vater des ältesten Mozart-Sohnes – ohne jeden weiteren Anlass oder Beleg.

      Mangels solcher Belege wiederum mutmaßen andere, Süßmayr sei homosexuell gewesen – denn wenn er wider erwarten kein Verhältnis mit Constanze hatte, „musste er ja entweder asexuell oder schwul sein“.

      Tatsächlich ergibt meine Auseinandersetzung mit den vielen Bearbeitungen vor allem das für mich nicht überraschende Ergebnis, dass man bei allen Fassungen, die stark in Mozarts/Süßmayrs Komposition eingreifen oder Sätze neu komponieren, diese Änderungen hörbar sind. Nicht überraschend finde ich dies daher, da ich dasselbe mit der groß(artig)en Messe c-Moll Mozarts empfinde: Alle Versuche, ein Agnus dei im Stile Mozarts neu zu komponieren, schlagen grandios und hörbar fehl. Wen wundert dies? Wenn man die Rekonstruktionshistorie beispielsweise der Markus-Passion Bachs verfolgt so ist bereits die Komposition eines Rezitativs im Bach-Stil eine Herausforderung, der sich kaum jemand erfolgreich zu stellen mag. Ebenso problematisch ist daher, sich anzumaßen, Mozart imitieren zu können. Vielleicht wird dies ja einmal einem Computer mit KI-Fähigkeiten gelingen …

      Um einen Zugang zum Requiem von Mozart zu bekommen, sollte man sich meines Erachtens zunächst mit der Ausgangslage des Werks als Fragment befassen, mit der Süßmayr-Fassung sowie denjenigen Bearbeitungen, die möglichst behutsam mit beiden Umgegangen sind.

      Von den vielen Einspielungen und Rekonstruktions-Ansätzen gefallen mir
      die Flothuis-Version (1941) mit Jos van Veldhoven, Netherlands Bach Society

      sowie die Beyer-Fassungen
      Sigiswald Kuijken, La Petite Bande und vor allem
      Nikolaus Harnoncourt (2003)
      am besten.

      Sehr überzeugend finde ich auch die Einspielungen der Süßmayr- und der Breitkopf-Härtel-Version von 1800 von

      Christoph Spering, Das Neue Orchestra und
      Masaaka Sazuki, Bach Collegium Japan
      (Gardiner habe ich noch nicht gehört, wurde hier aber bereits vorgestellt – er hat auch die Süßmayr-Fassung eingespielt.)

      Neukomms Libera me von 1819 (Jean-Claude Malgoire, Le Grande Ecurie et la Chambre du Roy) ist ein Potpourri aus vorausgegangenen Requiem-Teilen – eine schöne Dokumentation, aber weder die Aufnahme (schwacher Chor) noch die Komposition überzeugen mich.

      Bei den sonstigen seit 1980 entstandenen Fassungen „ist viel schönes dabei“, aber leider auch immer etwas, was mich irritiert, da es nicht schlüssig ist. Viel versprochen habe ich mir von Jacobs‘ Einspielung der Dutron-Version, die super musiziert ist, aber teilweise opernhafte Ergänzungen hat, die ich wiederum als unpassend empfinde. Die Amen-Fuge ist in vielen Fassungen teilweise sehr schön ausgeführt, aber mich überzeugt es nicht, sie als Bestandteil des Requiems ins Lacrimosa einzubauen.

      Maunder, Robbins-Landon und Levin liegen in tollen Einspielungen vor, aber alle enthalten für meine Begriffe zu viele nicht schlüssige eigene kompositorische Bestandteile und sind insoweit nicht mehr authentisch. Schoonderwoerd gefällt mir überhaupt nicht, schon das Konstrukt mit gregorianischem Gesang ist nichts für eine CD.

      Sehr schön ist allerdings die Einspielung der Süßmayr-Version mit Vervollständigungen von Maunder/Levin/Druce/Finnissy in zusätzlichen Tracks von Stephen Cleobury, The Academy of Ancient Music. Diese Einspielung ist nicht nur musikalisch sehr gelungen, sie bietet auch einen guten Vergleich – in Kombination mit Sperings‘ Einspielung des Fragments bekommt man einen sehr gelungenen und guten Überblick über den musikhistorischen Stand zum Requiem bis heute.

      Entschuldigung für die Länge dieses Posts - ich bin den Thread durchgegangen und mich haben viele vorangegangenen Beiträge inspiriert, mich mit dem Thema intensiv auseinander zu setzen.

      Gruß
      Eriol
    • Hallo Eriol und willkommen im Forum!
      Ich kann momentan nicht auf den ausführlichen Beitrag eingehen, wollte es mir aber nicht nehmen lassen, Dir dafür zu danken. Ich freue mich auf weitere Beiträge von Dir!

      Herzliche Grüße
      Satie
      Was ist ein Mensch? Eine arme Kreatur, die man auf die Erde gesetzt hat, damit sie den anderen auf die Nerven geht. - Erik Satie
    • Hallo Eriol,

      schön, daß Du Dich hier angemeldet hast und auch gleich einen interessanten Beitrag zum Requiem verfaßt hast. :)

      Auch mich hat das Requiem schon sehr lange begleitet, das fing schon an, als ich wie Du im Jugendlichenalter war, und hörte nicht auf, als wir es im Uni-Chor einstudiert hatten. Während meines Studiums lief übrigens zufällig auch der Film "Amadeus" an, und in diesem spielt das Requiem ja auch eine gewichtige Rolle (die allerdings nichts mit der Realität zu tun hat). Damals haben wir uns im Seminar mit "Amadeus" eher belustigt auseinandergesetzt, insbesondere die Mozart-Lache in der deutschen Synchro hat immer alle extrem erheitert... :)

      Meine erste Aufnahme war eine "Intercord"-LP, erstellt in Lüdenscheid von Carl v.d. Linnepe. Dirigent ist Nicolae Boboc (verst. 1999) mit dem Chor und Orchester der rumänischen Staatsphilharmonie. Marius Rintzler ist Baß, Emilia Petrescu-Cironeanu Sporan, Viorica Cortez-Guguianu Alt und Valentin Teodorian Tenor. Die Stimmen gefallen mir außerordentlich gut bei dieser Aufnahme, die Interpretation ist unaufgeregt und angemessen, der Chor intoniert sauber. Es ist die Süßmaier-Fassung.

      worldcat.org/title/requiem-in-…111&referer=brief_results

      In neuerer Zeit habe ich mir die Aufnahme von Harnoncourt zugelegt und bin davon eigentlich sehr überzeugt, wenn mir einige Stellen auch evtl. zu langsam vorkommen (Introitus z.B.). Das Tuba mirum ist auch recht langsam (für den Baß recht anstrengend)... ;)

      Das Lacrimosa hingegen erscheint mir hier wieder genau richtig im Tempo (bloß nicht zu langsam!), die Akzente am Ende der aufsteigenden Linie sind sehr gut gesetzt.

      Insgesamt könnte nach meinem Geschmack der Chor ein klein wenig mehr in den Vordergrund gemixt werden, aber ok.

      Ich habe dann noch eine Einspielung vom Dunedin Consort unter John Butt, die sich "Reconstruction of first performance" nennt. Das Requiem soll ja am 2.1.1793 nur mit den Originalsätzen von Mozart (Requiem und Kyrie) uraufgeführt worden sein.

      Am 14. Dezember 1791 erklang bei der Prager Trauerfeier zu Mozarts Tod das Rosetti-Requiem.

      ndr.de/nachrichten/info/Urauff…-Requiem,audio142609.html

      Hier die Einspielung:

      myzcloud.me/en/song/17730413/d…nor-k-626-xvi-cum-sanctis

      Hier geht gleich zu Beginn "die Post ab", das Introitus-Tempo ist m.E. sehr hoch. Aber nicht schlecht!
      Die Solostimmen sind anfangs sehr "klassisch" ohne viel Brimborium (und Vibrato), später dagegen legen sie leider doch damit zu. Den Sopran finde ich etwas zu "schneidend". Der Baß beim Tuba mirum dann auch mit erheblichem Vibrato, was mir persönlich nicht gefällt. Außerdem mit leichten Intonationsschwächen... ;)

      Als drittes habe ich mir die Einspielung von Rilling mit Robert Levins "Verbesserungsvorschlag", der Amen-Fuge, rein aus Interesse zugelegt. Viel abgewinnen kann ich dieser Fuge allerdings nicht. Sicher war Herr Süßmayer kein Mozart, aber Herr Levin halt auch nicht.

      Ich kann auch den Sinn solcher "Ergänzungen" nicht ganz nachvollziehen. :)

      Bis bald mal!
      :)
      --
      "Seine Arbeit ist genial! Nur hie und da... nur hie und da, so schien es mir..." - "Was meinen Eure Majestät?" - "Rosenberg, wie drückt man das aus?" - "Zu viele Noten, Majestät!" - "Exakt! Glänzend formuliert!"
      (Aus "Amadeus")

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von Guenther ()

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