Haydns Sinfonien

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    • Ich möchte mal kurz von DIESER Box berichten,die ich gerade dabei bin,von Vorne nach Hinten mir anzuhören :



      Stuttgarter Kammerorchester/Dennis Russell Davies

      Ich konnte ihr doch nicht widerstehen,also ging die Fischer-Box weg.Leider muss ich sehr allgemein schreiben,da ich bisher gerade mal vier CDs einmalig angehört habe,was ich nicht als Maßstab nehmen kann für eine ausführliche Besprechung.

      Zur Aufmachung im Allgemeinen einige Sätze :

      Das Booklet enthält fast alle Angaben,die man braucht.Dazu gehören Besetungslisten,Beschreibungen der einzelnen Schaffensphasen Haydns und natürlich auch ein Lebenslauf von ihm.

      Leider werden die Aufnahmedaten nicht richtig benannt,was mich schon ein wenig ärgert.Wenn ich das Booklet richtig verstehe,sind die Aufnahmen zwischen 1995 und 2006 entstanden.Alle wurden live aufgezeichnet.

      Neben dem sehr guten Live-Klang spricht vor allem die frische Wiedergabe für einen kauf der CD-Box.Technische Patzer,wie sie wohl vorgekommen sein sollen,konnte ich bei diesen vier CDs nicht feststellen.

      Gehört wurden von mir folgende Aufnahmen :

      CD1 : Sinfonien Nr.1,37,18 & 2 CD2 : Sinfonien Nr.4,27,10 & 20
      CD3 : Sinfonien Nr.17,19,107 & 25 CD4 : Sinfonien Nr.11,5 & 32

      Leider kann ich nicht feststellen,ob diese Einspielungen auch so zusammen gestellt worden sind,wie sie damals aufgeführt wurden.Hierzu gibt es keinerlei Hinweise für.

      Was ich bisher gegenüber den Fischer-Sinfonien als Vorteil ansehe,ist die weitaus ausgewogenere Gestaltung der Sinfonien.Hier hat Davies vielleicht auch seine große Erfahrung mit der Kammermusik einen gewissen Vorteil erzielt.Das ist jedoch nur Mutmaßung von mir.

      Während Fischer gerade in den ersten 3-4 Jahren noch eher konventionell dachte,fand dann sein Wandel zu einem "Mischstil" hin,der langsam durch die Historische Aufführungspraxis geprägt wurde.

      Bei Davies' Zugriff wirkt das Alles wesentlich runder und von vorn herein sinnvoller gestaltet.Ok,die Aufnahmen sind auch zeitlich etwas später gestartet worden,dazu in kürzerer Zeit auch fertig gestellt worden.

      Fazit bis jetzt : Ich habe mich völlig richtig entschieden,DIESE Box zu wählen.

      Ob ich nun meine Roy Goodman-Einspielungen noch benötige,muss ich noch überlegen.

      VG,Maurice
      Es ist nicht schwer zu komponieren.Aber es ist fabelhaft schwer,die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen. (Johannes Brahms)

      Der Dirigent ist ein Facharbeiter,der zwanzig Jahre Berufsausbildung benötigt. (Herbert von Karajan)
    • Hier ein kurzer Überblick über die Oben von mir erwähnte Box :

      Das Booklet ist recht umfangreich ausgestattet. Selbst die Besetzungen sind aufgelistet.

      Unterteilt ist das Ganze in mehrere "Kategorien".

      1. Frühe Sinfonien

      2. Die ersten Sinfonien für das Haus Esterhazy

      3. Die "Sturm&Drang"-Sinfonien

      4. Sinfonien zur Unterhaltung

      5. Sinfonien für ein großes Publikum

      6. Londoner Sinfonien

      So werden sie dann auch in Deutsch und Englisch besprochen.Auch sind mehrere Fotos darin enthalten.

      Was aber fehlt, sind die genauen Aufnahmedaten. Diese sind auch nicht auf den Einzel-CD-Pappboxen enthalten.

      Die Aufmachung ist besser als bei der Fischer-GE die bei Brilliant Classics herauskam. Dort allerdings findet man die genauen Aufnahmedaten mit dabei.

      Alle Einspielungen sind "live" erfolgt, der Applaus auch zu hören,aber nur kurz und nicht störend. Diese wurden auch während Davies' Amtszeit als Chefdirigent gemacht, das ist die einzige Aussage,um die Aufnahmedaten einzugrenzen, also 1995-2006.

      Aufnahmetechnisch ist die Einspielung vorzüglich gelungen. Bisher sind mir keine Schnittfehler aufgefallen, aber ob ich das immer am frühen Morgen hören würde, ist eine andere Sache.

      Insgesamt wirken die Einspielungen vom Interpretationspunkt her geschlossener als jene von Fischer. Der hat ja bekannt, dass er mit der Zeit mehr von der Historischen Aufführungspraxis übernommen hat.

      Davies lässt insgesamt frischer als Fischer spielen.Beide haben gewisse Ähnlichkeiten in der Interpretation, wenn man Fischers späte Aufnahmen dagegen hält.Es wird auf modernen Instrumenten gespielt.

      Mir ist durch den geschlosseneren großen Bogen die GE von DRD lieber als jene von Fischer. Auch halte ich das Orchester aus Stuttgart für hochwertiger, aber das ist vermutlich Ansichtssache.

      Fischer hatte ja einige Mitglieder der Wiener Philharmoniker im Orchester sitzen,darunter auch Rainer Küchl,deren Konzertmeister. Also Qualität wird auch bei Fischer geboten.

      Es gibt im Stuttgarter Orchester drei Musiker,die als Gäste bei einzelnen Sinfonien mit dabei waren. Da wäre der bekannte Solo-Trompeter Wolfgang Bauer, der sonst als Solist recht bekannt ist, Solo-Hornist Andrew Joy dürfte auch bekannt sein und als einer der Konzertmeister fungiert Wolfgang Kussmaul, der jüngere Bruder von Rainer Kussmaul, der früher Konzertmeister der Berliner Philharmoniker war.

      VG,Maurice
      Es ist nicht schwer zu komponieren.Aber es ist fabelhaft schwer,die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen. (Johannes Brahms)

      Der Dirigent ist ein Facharbeiter,der zwanzig Jahre Berufsausbildung benötigt. (Herbert von Karajan)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Maurice André ()

    • Original von Andréjo
      Deinen Vergleich der beiden Boxen lese ich mit großem Interesse. Selbst besitze ich die Fischer-Box; komplett gehört habe ich sie noch nicht - rund ein Drittel der Haydn-Sinfonien dürfte ich noch nie gehört haben! :S

      ... bis zu seinem tragischen Tode den Konzertmeister Rainer Küchl ...


      Wo steht das? ?(

      Besten Gruß!

      Wolfgang


      Hallo Wolfgang
      Ich habe auch einmal nachgesehen, aber er scheint noch sehr lebendig zu sein (gemäss Internet)...

      Gruss :hello
      Stefan
      "Nur weil Du nicht paranoid bist, heisst das nicht, dass sie nicht hinter Dir her sind." (Terry Pratchett)
    • bis zu seinem tragischen Tode den Konzertmeister Rainer Küchl ...


      Wo steht das?


      Danke für den Einwand. Jetzt hatte ich doch glatt den Falschen genannt.
      Ich habe es schon verbessert. Gerhard Hetzel war der Unglückliche.Dickes SORRY für diesen Vauxpas meinerseits..... :ignore

      VG,Maurice
      Es ist nicht schwer zu komponieren.Aber es ist fabelhaft schwer,die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen. (Johannes Brahms)

      Der Dirigent ist ein Facharbeiter,der zwanzig Jahre Berufsausbildung benötigt. (Herbert von Karajan)


    • Die in diesem Faden viel und durchaus kontrovers diskutierten Aufnahmen von Franz Brüggen sind unlängst als Gesamtpaket (wieder) aufgelegt worden.
      Enthalten sind die (Hob.I) Nr. 26, 35, 38, 39, 41-52, 58, 59, 65, 82-104 und die Sinfonia Concertante. Der Drei-Buchstaben-Versand bietet die 13 CD-Box momentan für 30€ wohlfeil.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Original von Amadé
      Die beiden genannten Gesamtaufnahmen von Dorati und Adam Fischer sind nicht die einzigsten, wenn auch vielleicht in Augenblick die bekanntesten. Bereits um 1960 begann Max Gobermann mit dem Orchester der Wiener Staatsoper eine Gesamtaufnahme für die amerikanische Columbia /CBS, die jedoch in Deutschland nicht vertrieben wurde. In meiner Sammlung befinden sich die Sinfonien Nr.1-8 auf 3 LPs. Ob die Gesamtaufnahme fertiggestellt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.


      Die GA wurde nicht fertiggestellt, da Gobermann nach der Aufnahme von 45 Sinfonien verstarb. Sony bringt nun (angekündigt für den 13. Februar 2015) das Fragment bei uns auf den Markt.



      Enthalten sind (ohne Gewähr, da mit Übersetzungsprogramm von der japanischen Sony-Webseite ermittelt):

      1-17, 19-24, 26, 27, 32, 34, 35, 37, 40, 41, 48, 49, 51, 52, 55-57, 60, 65, 92, 96, 98, "A" und "B".
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Konzertante Sinfonien

      Haydn hat zwar nur ein mit Sinfonia Concertante betiteltes Werk geschrieben, aber viele seiner Sinfonien erhalten einen oder mehrere prominente Soloparts, die das fast wie ein Werk der konzertanten Gattung wirken lassen. Bekannteste Beispiele dürften die Tageszeiten-Sinfonien, der Philosoph oder etliche der Londoner sein. David Hurwitz hat in seinem von mir über alle Maßen geschätzten Buch über Haydn (Hurwitz, David. Exploring Haydn; a Listerner's Guide to Music's Boldest Innovator -- (Unlocking the Masters Series ; No. 6) ISBN 1-57467-116-2) eine tabellarische Übersicht aller Sinfonien angehängt, in der neben Hoboken-Nummer, Tonart, Jahr, Name und Orchester-Besetzung auch Buchstabencodes, die verschiedene Attribute bezeichnen, gelistet sind. Insgesamt 15 Attribute werden zur Charakterisierung herangezogen, z.B. ob es eine langsame Einleitung gibt, ob ein Adagio vorkommt, ob ein Variationen-Satz vorhanden ist, ob ethnische/folkloristische Musik verwendet wird, ob sie dem Sturm und Drang zugerechnet wird und weitere. Auch der konzertante Charakter ist ein Attribut.
      Hieraus habe ich als Service für alle Haydn-Maniacs die folgende Liste (Hob. I Nummer) der Sinfonien with prominent concertante parts for various soloists erstellt:

      5-9, 13-16, 22, 24, 30, 31, 36, 41, 45, 51, 54-56, 67, 71, 72, 75, 85, 87-93, 95, 96, 98, 100-103 und natürlich die Sinfonia Concertante höchstselbst mit der Nr. 105.

      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • 5-9, 13-16, 22, 24, 30, 31, 36, 41, 45, 51, 54-56, 67, 71, 72, 75, 85, 87-93, 95, 96, 98, 100-103

      Ein großer Teil dieser Nennungen erfordert m.E. eine extrem weite Auffassung von "konzertant"... zB 103 hat ein kleines Violinsolo im 2. Satz (wie Brahms 1.; hat die schonmal jemand als konzertant bezeichnet?) Wenn etwas wie das Flötensolo im Trio von 101 schon als "konzertant" zählt, dann sind auch Mozarts 39. und 41. Sinfonie wegen Holzbläsersoli in Trios konzertant und die Eroica wegen einer virtuosen Flötenstelle im Finale. Bei etlichen anderen Stücken ist mir noch weniger klar, warum die "konzertant" sein sollen. Verglichen mit den "Tageszeiten" 6-8 oder 31 oder eben 105 wirkt auf mich jedenfalls keine der Pariser/Londoner konzertant.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Wooster ()

    • Original von Wooster
      5-9, 13-16, 22, 24, 30, 31, 36, 41, 45, 51, 54-56, 67, 71, 72, 75, 85, 87-93, 95, 96, 98, 100-103

      Ein großer Teil dieser Nennungen erfordert m.E. eine extrem weite Auffassung von "konzertant"... zB 103 hat ein kleines Violinsolo im 2. Satz (wie Brahms 1.; hat die schonmal jemand als konzertant bezeichnet?) Wenn etwas wie das Flötensolo im Trio von 101 schon als "konzertant" zählt, dann sind auch Mozarts 39. und 41. Sinfonie wegen Holzbläsersoli in Trios konzertant und die Eroica wegen einer virtuosen Flötenstelle im Finale. Bei etlichen anderen Stücken ist mir noch weniger klar, warum die "konzertant" sein sollen. Verglichen mit den "Tageszeiten" 6-8 oder 31 oder eben 105 wirkt auf mich jedenfalls keine der Pariser/Londoner konzertant.

      Ich habe mir soeben die Londoner Nr. 96 unter dem Aspekt "konzertant oder nicht" angehört und mir ist völlig klar, warum die auf der Liste gelandet ist. Ich will jetzt aber keine kleinliche Diskussion darüber führen, wie groß und/oder exponiert und/oder wie zahlreich Soli sein müssen, damit die Aufnahme in die Liste berechtigt ist. Ob andere Komponisten ähnliches gemacht haben, tut nichts zur Sache. Wenn man Brahms heranzieht, zu dessen Zeit die Sinfonia Concertante aus der Mode war, kann man auch gleich die Spät- und Nationalromantiker nennen, bei denen solistische Passagen Normalität darstellen und darauf hinweisen, dass kein Mensch die als konzertant bezeichnen wurde. So what?
      Dass bei der Frage, welche von Haydns Sinfonien als "konzertant" aufgefasst werden dürfen, jeder eine andere Grenze zieht, ist klar. Eine Diskussion darüber ist daher wenig zielführend. Es gibt neben den von dir genannten andere relativ klare Fälle, wie die Nummern 13 und 24. Bei vielen der gelisteten Nummern kann ich nichts dazu sagen, weil ich sie noch gar nicht gehört habe - ich bin zwar totaler Haydn-Maniac, aber längst nicht "durch" mit den 107. Und das ist die Krux: die Liste gibt dem geneigten Hörer (in diesem Falle mir) eine schöne Hör-Strategie, um dieses lohnende Territorium weiter abzugraben (und bekanntes von einem anderen Hörwinkel aus zu vertiefen) - und sich selbst ein Bild zu machen.
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      Dieser Beitrag wurde bereits 5 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • Ich will auch keine Grundsatzdiskussion beginnen, bleibe aber dabei, dass solch eine Liste für einen Hörer, der zB 105 oder konzertante Sinfonien von Joh. Chr. Bach als Musterbeispiele einer Sinf. Concertante im Ohr hat, hochgradig in die Irre führt. Ob das nun zu Enttäuschungen oder positiven Überraschungen führt, sei mal dahingestellt. (Ich finde es ingesamt einen etwas seltsamen Hörfokus...)
      Ein paar kleine Soli an den "üblichen" Stellen (Variationensatz und Trio) ist m.E. schlicht etwas anderes als eine mehr oder weniger durchgehend konzertant angelegte Sinfonie.
    • Original von Cetay

      Doratis Gesamtaufnahme war in den 1970er Jahren eine Pioniertat allerersten Ranges - zum ersten Mal waren alle Sinfonien Haydns auf Tonträger verfügbar.


      Möglicherweise handelt es sich hier um einen weitverbreiteten Irrtum. Nach dem Tod des Dirigenten Erich Märzendorfer konnte man in Nachrufen lesen, er wäre der erste gewesen, der eine eine Gesamtaufnahme gemacht hat. Die Quelle (auf die sich auch Wikipedia beruft) ist wohl ein Artikel bei Musicweb International. Allerdings scheint es in den Tiefen des www niemanden zu geben, der die vollständige GA je gesehen, geschweige denn gehört hat, lediglich einzelne gebrauchte LPs sieht man ab und zu. Im Who's Who in Music and Musician's Directory 2000/2001 steht geschrieben, dass die Aufnahmen 1967-71 entstanden sind und von der Wiener MHS herausgegeben wurden, demnach war das tatsächlich die Pioniertat.


      Inzwischen hat das Team von Haydn House einige der Aufnahmen (Hob. I: 6, 7, 50, 51, 80-83, 92, 93, 99-104) als mp3 herausgebracht und bietet sie (-> hier) für 2$ pro Sinfonie zum Download an. Für historisch interessierte: Im New York Magazine vom 24. Juni 1974 kann man (-> hier) nachlesen, dass Märzendorfers Zyklus schon fertig war, als Dorati herausgebracht wurde.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Original von Cetay
      Inzwischen hat das Team von Haydn House einige der Aufnahmen (Hob. I: 6, 7, 50, 51, 80-83, 92, 93, 99-104) als mp3 herausgebracht und bietet sie (-> hier) für 2$ pro Sinfonie zum Download an. Für historisch interessierte: Im New York Magazine vom 24. Juni 1974 kann man (-> hier) nachlesen, dass Märzendorfers Zyklus schon fertig war, als Dorati herausgebracht wurde.


      Hallo Cetay
      Ein Puzzlestück zu diesem Thread am Rande:
      Classicvinyl.com hat hier einige LPs abgebildet. Dabei kann man feststellen, das die Artikelnummern OR H-XXX für ORPHEUS als Label stehen, MHs XXX für Musical Heritage Society. Es sind einige Ausgaben aufgeführt, aber - wie anzunehmen war - nicht alle.

      Gruss :hello
      Stefan
      "Nur weil Du nicht paranoid bist, heisst das nicht, dass sie nicht hinter Dir her sind." (Terry Pratchett)
    • Ich will etwas näher auf die bisher nur am Rande erwähnte, von 1956-58 entstandene Einspielung der Londoner Sinfonien (Hob.I: 93-104) mit Thomas Beecham eingehen. Wegen den per Videobotschaft überbrachten kaiserlichen Bedenken, kann ich nicht nur nach dem Geschmack entscheiden. Wenn 5 verschiedene Künstler ein Stück in 5 verschiedenen Arten auffassen, dann müsste man schon wissen, wie es überhaupt notiert wurde, WAS da gespielt wird, in welchem Tempo, usw. Na gut. Dem Prinzip der maximalen Faulheit folgend, schaue ich nicht selbst nach, sondern lese erst Mal, was denn in den Tiefen des Netzes so alles geschrieben steht.

      Beecham benutzte nicht die zu seiner Zeit dem aktuellen Forschungsstand entsprechenden Edition, sondern stützte sich auf veraltete und korrupte Ausgaben. Daher ist z.B. zum Auftakt des Largo cantabile kein Streichquartett zu hören. Mit Wiederholungen geht er recht nonchalant um. Meistens fehlen sie, ab und an werden sie mal gespielt, ohne dass da ein System dahinter erkennbar wäre. Die Klangbalance ist massiv gestört, der überdimensionierte und vorlaute Streicherapparat (von HIP redete damals keiner) deckt Bläser und Pauken gelegentlich bis an die Grenze zur Unhörbarkeit zu. Die Menuette werden viel zu langsam gespielt - gar pomadig bis pompös; das weiß man heute viel besser. Und offenbar hat Beecham die Partitur mit eigenen Vortragsbezeichnungen ergänzt und sogar Pizzicati eingefügt, wo gar keine stehen. Wie gut, dass ich mich informiert habe. Da brauche ich eigentlich keinen Geschmack mehr zu bemühen, um zu entscheiden, dass Beechams Auffassung offenbar falsch und damit für die Tonne ist. Aber... darf ich trotzdem? Ja?

      OK, das sind für mich die Aufnahmen der "Londoner". Haydns reine Orchesterwerke wirken im Big-Band Sound mit modernen Instrumenten einfach am besten. Man kann jetzt unsinnige Spekulationen darüber anstellen, ob Haydn diesen Sound der Zukunft im Ohr hatte und schon dafür komponiert hat (nicht lachen; so etwas in der Art liest man immer wieder, wenn es zu Grundsatzdiskussionen über HIP kommt) oder einfach feststellen, dass das für unsere (pardon: meine) heutigen Ohren einfach mehr dem Geiste Haydns entspricht *kicher*. Ganz im Ernst: Die Qualität dieser Aufnahmen liegt für mich darin begründet, dass jede einzelne Phrase -genau so, wie sie gespielt wird- absolut stimmig klingt, dass es keine einzige der vermeintlich lahmen Stellen gibt, die bei anderen Interpreten an jeder Ecke lauern, dass die so gerne bemühten Attribute wie Witz, Charme und Eleganz hier nicht den gravitätischen Ernst und die monumentale Wucht dieser Musik untergraben, sondern exakt ausbalancieren. Und dabei herrscht ein solcher rhythmischer Drive, dass man das Headbangen anfangen möchte. Was immer auch Beecham verdächtiges anstellt, es wirkt nie aufgesetzt oder gar manieriert, sondern immer "in den Dienst des Werkes gestellt". Damals durfte man so was noch. Heute müsste man sich dafür von moralinsauren Kritikern Gefasel über Verantwortung, Respekt und Geschmack anhören. Aber zum Glück gibt es die Aufnahme ja schon.
      :W
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • Lieber Cetay,

      für Dein Plädoyer in Sachen Haydn-Sinfonien spricht Du mir aus der Seele. Obwohl ich neben Beecham viele andere Interpretationen der Londoner-Sinfonien besitze, darunter auch sehr gute, wie mit Szell, Fricsay, Colin Davis und Kuijken, kehre ich immer wieder zu Sir Thomas zurück. Ich habe sie vor Jahrzehnten als LPs in einer englischen HMV-Box erworben. Auf LP 7 befinden sich dort noch Proben-Mittschnitte der Sinfonien Nr. 100, 101 und 104, die einen Einblick in seine Arbeit mit dem Orchester geben, locker aber auch bestimmend. Die Kassette wird noch beim ama-marketplace angeboten:



      Noch etwas besser gefallen mir Beechams ältere Aufnahmen mit dem London Phil.Orchestra aus den 30er-Jahren, von denen ich die Sinfonien Nr. 93, 99 und 104 besitze, bei der klanglichen Realisierung sind jedoch Abstriche zu machen:



      Ob außer diesen dreien noch weitere Sinfonien aufgenommen wurden, entzieht sich meiner Kenntnis. Die Zeit der Gesamtaufnahmen war damals eher die Ausnahme.

      Gruß Amadé
    • Die erste Gesamteinspielung auf Originalinstrumenten liegt vor - har har! Hierfür wurde der unfertige Zyklus von Hogwood mit Einspielungen von Brüggen verlupmt und das, was noch gefeht hat, durch die Accademia Bizantina under Ottavio Dantone neu hinzugespielt

      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • Ich dachte, ich hätte hier schon den kleinen Naxos-Kompromisswürfel empfohlen, aber dem ist nicht so, also wird das schnell nachgeholt. Der Kompromiss ist alles andere als faul, er ist vielmehr etwas für die Minderheit, die Haydn nicht schwarz oder weiß sieht. In meinem Forenleben habe ich den Eindruck bekommen, dass es eine Gruppe gibt, die Haydn enthusiastisch schätzt und eine Gruppe, denen er ziemlich gleichgültig ist. Wer nicht in eine der Kategorien fällt, will vielleicht erst mal preisgünstig ein paar Sinfonien auf Tonträger erwerben und nicht gleich eine Box mit allen 100+ anschaffen. Und hier kommt der Fünferpack von Naxos ins Spiel:


      Sinfonien Hob. I:44, 45, 48, 82, 83, 85, 88, 92, 94, 96, 100-104
      Capella Istropolitana; Barry Wordsworth

      Die Aufnahmen stammen aus der Frühzeit des Labels und sind klanglich einwandfrei. Das berüchtigte hallige, verhangene und farbenarme Klangbild anderer Naxos-Aufnahmen dieser Periode gibt es nicht zu beklagen. Die Capella Istropolitana war ein aus slowakischen Klangkörpern zusammengestelltes Kammerorchester und anfangs so etwas wie die Haus-und-Hof-Truppe der Firma und Barry Wordsworth war der Stammdirigent. Über diese Zusammenarbeit hinaus ist er kaum bekannt geworden; er hat paar Sachen mit dem Royal Philharmonic Orchestra gemacht, aber ich habe nicht mitbekommen, dass da etwas für Aufsehen gesorgt hätte. Umso erstaunlicher ist, dass wir es hier nicht mit einer "soliden", sondern mit einer Spitzen-Aufnahme zu tun haben. Sicher, Wordsworth und das slowakische Kammerorchester sind nicht Davis und das Concertgebouw Orchestra, aber das müssen sie auch nicht sein, denn zum einen gibt es die schon und zum anderen sind sie selbst nicht lediglich eine brauchbare Alternative für Geizhälse, sondern setzen ihre eigene Marke. Der Ansatz ist moderates HIP (wenig Vibrato, zügige Tempi, deutliche Akzentuierungen, harte Phrasenenden) mit kleinem Orchester auf modernen Instrumenten. Schlank und agil, aber mit dem nötigen Schuss Gravität, und mit einer exzeptionellen Hörbarmachung der Architektur. Das Relief wird plastisch herausgearbeitet, die Höhepunkte kommen unforciert und organisch und deshalb umso eindrucksvoller.

      Sicher kann man das Fehlen der gerade besonders originellen ungeradzahligen Londoner unter 100 beklagen, mit spitzen Ohren den einen oder anderen nicht ganz so gelungenen Satz ausmachen und überhaupt feststellen, dass es hier und da noch bessere Alternativen zu einzelnen Sinfonien gibt. Aber über alles gesehen ist die Box unschlagbar und die Antwort auf die Frage: was nehmen, wenn nur eine sein soll? Diese eine ist vorzüglich geeignet, die Lauwarmen in die Gruppe der Enthusiasten zu bewegen.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Cantus Arcticus schrieb:

      Original von Cetay
      Inzwischen hat das Team von Haydn House einige der Aufnahmen (...) als MP3 herausgebracht (...)


      Für historisch interessierte: Im New York Magazine vom 24. Juni 1974 kann man (-> hier) nachlesen, dass Märzendorfers Zyklus schon fertig war, als Dorati herausgebracht wurde.
      Hallo Cetay
      Ein Puzzlestück zu diesem Thread am Rande:
      Classicvinyl.com hat hier einige LPs abgebildet. Dabei kann man feststellen, das die Artikelnummern OR H-XXX für ORPHEUS als Label stehen, MHs XXX für Musical Heritage Society. Es sind einige Ausgaben aufgeführt, aber - wie anzunehmen war - nicht alle.

      Mittlerweile kann man bei Haydn House den Zyklus mit Erich Märzendörfer komplett in MP3-Qualität erwerben, allerdings scheinbar nicht mehr als Download sondern auf Daten-DVD. Reichlich anachronistisch, ebenso wie die aufgerufenen $129.95. Sie stellen ihn als first recorded cycle vor und auch die Wiki-Seite von Märzendörfer vermeldet, er wäre der erste gewesen. Dorati wird dennoch seinen historischen Rang als Pionier behalten, obwohl er erst bei Nr. 92 angelangt war, als der Zyklus aus Wien heraus kann. Letzterer war zu kurzlebig und zu lange von der Bildfläche verschwunden, als dass er nachträglich noch Geschichte schreiben könnte.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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